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Theaterberufe: Das Zeichen, dass es gefährlich wird

Rudolf Orf
(c) Clemens Fabry
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Er ist der Herr über den Schnürboden der Josefstadt: Rudolf Olf steuert von oben aus die Drehbühne, bewegt die Requisiten, lässt den Vorhang schweben – und sogar Schauspieler fliegen.

Achtung, versuchen wir's. Sofa kommt runter mit 0,30. Geht sich des aus? Peter! Pass auf, der Zehner!“ – „Is scho da! Auf Termin!“ Termin heißt: Das Sofa ist dort, wo es sein soll: in der Bühnenmitte. Am Abend wird Florian Teichtmeister als Titus Feuerfuchs darauf den roten Schopf betten und versuchen, nicht einzuschlafen. Was zu viel Verrenkungen und einer der komischsten Szenen in Michael Gampes Inszenierung führt.

Im Schnürboden der Josefstadt hängen 30 sogenannte Züge. Schnürboden nennt man das Juhee im Theater, die Zwischendecke über der Bühne. Züge heißen die Stangen, die von links nach rechts verlaufen. An ihnen sind Scheinwerfer, Kulissen, Sofas oder andere Requisiten befestigt, können so bewegt werden können. Vor der Renovierung 1997 wurden die 30 Züge tatsächlich noch mit Schnüren hinaufgezogen und heruntergelassen. Das kostete einiges an Kraft. Um die schweren Züge in Gang setzen zu können, hingen am Ende jedes Seils Gewichte, sogenannte Schlitten, je nach Requisite und Kulisse leichter oder schwerer. Die Gewichte mussten während Vorstellung und Probe hin- und hergeschlichtet werden. Das war anstrengend und schweißtreibend. Heute macht alles ein Computer. Ein Knopfdruck, und das Sofa schwebt hinauf oder hinunter – auch noch genau im richtigen Tempo.

Rudolf Olf ist der Herr des Computers, kann ihn so programmieren, dass zwei Züge genau zugleich losfahren. Er kann die Geschwindigkeit der Drehbühne einstellen oder das Sofa so langsam hochlassen, dass es ohne Pendeln durch die schmale Luke im Bühnenbild passt. Ein paar Knopfdrücke, und der Luster fährt hoch. Noch ein Knopfdruck, und der Vorhang schwebt hinab. Vieles ist leichter geworden, jetzt, nachdem das Team sich an die neue Arbeitsweise gewöhnt hat. Auf dem Schnürboden, wo es vor dem Renovieren von Schnüren und Gewichten und den Kabeln der Scheinwerfer wimmelte, sieht es nachgerade aufgeräumt aus.


Drehbühnen-Dauerbetrieb. Doch nicht alles kann der Computer. Bei „Besuch bei dem Vater“ wollte die Regisseurin, dass sich die Drehbühne die ganze Zeit über leicht bewegt: Immer ein wenig und wieder ein wenig schneller, gerade so, dass die Schauspieler pünktlich zur Türe oder rechtzeitig wieder ins Blickfeld des Publikums gelangten. Aber Schauspieler sind keine Maschinen, eine Szene dauert nicht immer gleich lange. Also nahm Rudolf Olf für die Inszenierung den Computer und tauschte seinen Platz am Schnürboden gegen den Platz neben dem Inspizienten zu ebener Erde. Damit ihm der Daumen nicht steif wird vom vielen Knopfdrücken, hat er sich eine Hülse für seinen Stick gebastelt: Sie hält die Drehbühne auf Dauerbetrieb, und Rudolf Olf muss nur noch die Geschwindigkeit steuern.

Nur eine der vielen Herausforderungen, für die Olf kreative Lösungen finden musste. Die Arbeit an den „Buddenbrooks“ wurde zur Rechenleistung: Allein der Plafond war so schwer, dass man ihn an sieben Züge hängen musste. An der Wand ist eine Liste, welcher Zug genau wie viel trägt, aufgeschlüsselt in Nutzlasten oder Punktlasten. In „Der Floh im Ohr“ hatte Peter Scholz Schwierigkeiten beim Fliegen: Das Geschirr, in dem der Mime hochgezogen wurde, drückte gar arg. „Wir versuchten, die Flugzeiten möglichst kurz zu halten. Und dazwischen, wenn es keiner sah, setzten wir ihn wieder ab.“ Rudolf Olf lernte Portalbauschlosser, zum Theater kam er, um Geld zu verdienen. Für einen Junggesellen sind die Arbeitszeiten attraktiv: abends, am Wochenende. Erst war er Möbler, dann fragte man ihn, ob er auf den Schnürboden wechseln will. Ausbildung gibt es keine. Nur Learning by Doing. Es gibt auch keine Prüfung, nicht einmal eine klare Berufsbezeichnung. Wie ich ihn nennen soll? Schwierig. Schnürbodenmeister ist er eigentlich keiner. Wir einigen uns auf „Schnürbodentechniker“.

Rudolf Olf zeigt mir noch zwei Arbeitsbereiche. Im Nebenraum ist die ganze Elektronik untergebracht: Riesige Metallkästen mit geheimnisvollem Innenleben, einer pro Zug. Der Radlboden ist spektakulärer: Auf metallenen Planken stehen, 16 Meter über dem Bühnenboden, die Punktzüge. Sie tragen einzelne, schwere Lasten, müssen vor Produktionsbeginn händisch montiert werden, wie die Radln, durch die die wenigen verbliebenen Seile laufen. „Am Anfang drehte sich mir dann alles. Ich musste die Augen zu- und später weitermachen“. Weit, weit unter uns üben sich zwei Bühnenarbeiter gerade im Armdrücken. Eine Männerwelt. Weit und breit keine Frau in Sicht. Der Ton ist rau, die Witze derb. Rudolf Olf hat wenig damit zu tun. Sein Arbeitsplatz, eine Art Galerie, ist in zehn Meter Höhe. Hinunter kommt er selten.

„Ist auf Termin?“ Die Bühnenarbeiter hören nicht immer sofort auf Herrn Olfs Kommando. „Manchmal schreie ich und schreie und keiner bewegt sich!“ Sein Trick, sich Gehör zu verschaffen: „Ich rufe einfach: „Nicht bewegen!“ Zum Zeichen, dass etwas von oben herunterkommt. Zum Zeichen, dass es gefährlich wird! „Dann hupfen plötzlich alle auf die Seite.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2009)