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Theaterberufe: Die Herrinnen der Haare

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Gipsköpfe stammen von den Schauspielern, die Haare von Nonnen oder Verstorbenen. Brigitte Kopriva leitet im Volkstheater die Maske, bewacht und vermehrt den beträchtlichen Perückenschatz.

Natürlich gibt es auch im Volkstheater Perücken aus Kunsthaar. Sie werden in einem eigenen Kasten verwahrt: „Mützerl“ oder „Hauberl“ nennt Brigitte Kopriva diese Teile, nimmt einen blonden Pagenkopf in die Hand und dreht ihn abfällig hin und her. „Sehen Sie! So etwas kann man an jeder Straßenecke kaufen.“

Steif ist so eine Stülphaube und muss erst bearbeitet werden, bevor ein Schauspieler damit auf die Bühne darf: Zuerst geht man in der Maske mit Dampf darüber, um die Perücke geschmeidiger zu machen. Dann wird noch ein Teil des Kunsthaars ausgerupft: Viel zu voluminös sind die durchschnittlichen Perücken. Weil sie für Kranke gemacht werden, für Menschen, deren Haar schütter geworden oder ganz ausgefallen ist, erklärt Kopriva, die diese Abteilung seit 1955 leitet: „Die wünschen sich volles Haar. Auch wenn es etwas unnatürlich aussieht.“

Kunsthaarperücken sind ein Trend im Theater. Weil gespart wird, wie überall sonst auch. Aber im Volkstheater ist die Welt noch heil und sie werden nur sehr selten eingesetzt: für Fotoproben etwa oder für den Fall, dass einer der Akteure auf offener Bühne das Haarteil verlieren oder sich herunterreißen soll. Dafür also braucht man Mützerln.

Ein Regal voller Schauspielerköpfe. Da sind die handgeknüpften Perücken etwas ganz anderes! Auf dem Arbeitstisch der Maske stehen fünf Köpfe aus Gips. Von jedem einzelnen Schauspieler wird ein Abdruck gemacht, die Köpfe werden dann in einem Regal im angrenzenden Raum gelagert, schräg gegenüber den Schachteln mit den Gummihänden, Gummifüßen und Gumminasen. Braucht ein Schauspieler eine Perücke, wird auf „seinen“ Gipskopf Tüllstoff gespannt und in dieses Netz werden Haare geknotet. Immer zwei, drei auf einmal, mit einem filigranen Gerät, das aussieht wie eine zu klein geratene Häkelnadel.

Fünf bis zehn Haarfarben werden durchschnittlich für eine Frisur verarbeitet, damit das Ergebnis möglichst natürlich ausfällt. Damit ist die Arbeit aber noch nicht getan. Um die Perücke zu fixieren, muss sie dem Schauspieler vor der Vorstellung auf den Kopf geklebt werden. Die echten Haare werden dafür so platt gedrückt wie möglich, die Perücke aufgezogen und fixiert. Am schlimmsten, sagt Brigitte Kopriva, seien für sie Glatzen. Weil das Hantieren mit der flüssigen Haut, wie man diese gummiartige Streichmasse nennt, aus denen die Glatze geformt wird, so unangenehm ist. Weil es schwierig ist, langes Haar so zusammenzupressen, dass es unter der Glatze nicht sichtbar ist. Und vielleicht auch, weil Kopriva einmal geglaubt hat, sie müsse vor dem Gipsabdruck die Haare des Schauspielers nicht wegkleben. „Der hatte ganz kurze Haare, richtige Stoppel! Ich habe mir gedacht, es reicht, wenn ich sie mit Fett einschmiere. Aber dann hat sich der Gummi doch mit den Haaren verbunden. Der arme Kerl hatte Schmerzen und es hat ewig gedauert, bis wir ihn befreit hatten.“

Wäschekörbe voll Perücken. Nach Ende der Vorstellung wird jede Perücke, jeder Schnauzer, jeder Vollbart gründlich mit Spiritus und Pinsel gereinigt. Der Kleber würde die Haare sonst ruinieren. Meist sind es nur wenige Perücken, die zu einer Zeit, da andere schon schlafen, noch gesäubert werden müssen. Aber Brigitte Kopriva kann sich an Michael Schottenbergs Volkstheater-Inszenierung „Cyrano de Bergerac“ erinnern – da waren es 140. 140 Rollen für 30 Schauspieler. „Wir hatten Wäschekörbe voll mit Perücken.“

Es ist ein Wochentag, etwa 9Uhr. Rund um einen großen Tisch in der Maske sitzen die fünf Frauen und knüpfen. Die meisten haben eine Friseurlehre abgeschlossen. „Es stellen sich viele Mädchen vor. Ich zeige ihnen dann, wie unsere Arbeit funktioniert – meistens sind sie entsetzt. Zum Beispiel darüber, dass wir selbstverständlich auch in der Früh arbeiten und am Wochenende. 16 Premieren im Jahr bedeuten außerdem eine Menge Stress.“

Wenn die Haare sich verknoten. Dafür ist die Arbeit kreativ und das Betriebsklima anheimelnd, es wird geplaudert, gelacht. Das bedeutet aber auch: Die Mitarbeiterinnen sind allesamt routiniert. Bei der ersten selbstgeknüpften Perücke bedarf es noch voller Konzentration. Wer Fehler macht, wessen Knöpfe zum Beispiel in die falsche Richtung zeigen, dessen mühsam geknüpfte Perücke löst sich wieder auf oder verfilzt. An die 60 Stunden Arbeit – umsonst!

Meistens werden die Perücken ganz neu geknüpft. Nur selten kann Kopriva auf den Fundus zurückgreifen. Und das, obwohl ein ganzer Schrank mit hunderten Perücken bereitsteht: Rote Zöpfe hängen neben blonden Locken, schwarze Rossschwänze neben braunen Mähnen, alles fein säuberlich nummeriert, ein in Jahrzehnten gesammelter Schatz von einigem Wert. Noch dazu, da Haare immer teurer werden, vor allem europäische, wie das Volkstheater sie verarbeitet. Asiatisches Haar, erklärt Kopriva, ist billiger – hat aber eine völlig andere Struktur, muss gefärbt werden und ist nur mühsam, wenn überhaupt, zu bearbeiten. „Leider fällt es den Händlern immer schwerer, an unbehandeltes europäisches Haar zu kommen.“ Es wird zu viel gefärbt, getönt, gewellt in diesen Breitengraden. Woher das Haar dann stammt? Manchmal von Nonnen. Auch von Verstorbenen. Aber mit der Haarbeschaffung an sich hat Kopriva nichts zu tun. Dafür gibt es eigene Händler mit eigenen Quellen.

Brigitte Kopriva arbeitet seit 30 Jahren für das Volkstheater. Einiges hat sich verändert seither. Zum einen ist die Maske im Gegensatz zu früher eher ein Frauenberuf. „Bei den letzten Salzburger Festspielen waren unter 60 Maskenbildnern gerade einmal zehn Männer. Der Beruf verliert an Renommee.“ Zum anderen haben sich auch die Usancen geändert: Früher wurde das Haar der Schauspielerinnen unter der Perücke fein säuberlich in Wellen und Ringe gelegt – damit die Damen nach der Vorstellung ausgehfein das Theater verlassen konnten. Heute wird auf solche Eitelkeiten weniger Rücksicht genommen: Das Haar wird so platt wie möglich gedrückt. Wobei keineswegs nur Frauen gesteigerten Wert auf ihr Äußeres legen: Kopriva erinnert sich noch gut an den älteren Herrn, der sie, die junge Maskenbildnerin, mit einem Sackerl in der Hand und den Worten begrüßte: „Tun Sie so, als wollten Sie mich ermorden.“

Halsfalten straffen mit Klebeband. Im Sackerl fand Frau Kopriva einen schwarzen Stift, Schere und Leukoplast. Mit dem Stift sollte sie Punkte zwischen die schütteren Haare malen, um Fülle zu simulieren. Mit dem Klebeband sollte sie die Halsfalten straffen. „Das hat er gemeint mit ermorden– ich musste die Haut am Hals richtig nach hinten ziehen, als würde ich ihn erwürgen.“ Der damals ältere Herr ist längst tot. Namen will sie trotzdem keinen nennen. Diskretion ist Ehrensache. „Wenn die Schauspieler in die Maske kommen, ist das eine sehr intime Situation. Sie müssen das Gefühl haben, sie kommen nach Hause.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2009)