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(K)eine „Sternstunde“: Lob und Kritik an ORF-Wahl

ORF-Stiftungsrat: Team von ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz mit klarer Mehrheit bestellt
(c) ORF (Thomas Ramstorfer)
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Die SPÖ zeigt sich euphorisch über das ORF-Direktorium, die ÖVP grantelt – und die Redaktion fürchtet um ihren Ruf.

Am Donnerstag wurden die ORF-Direktoren bestellt, am Freitag war die ÖVP noch dabei, ihre Wunden zu lecken. Denn sie ist als großer Verlierer aus der ORF-Wahl hervorgegangen. Die Roten hingegen jubeln. Und die Redakteure beklagen den Imageverlust des ORF durch die offensichtliche Postenschacherei.

Medienminister Thomas Drozda (SPÖ) kommentierte die Bestellung des Direktoriums bei einer Veranstaltung in Wien (siehe Artikel links) geradezu euphorisch: „Es ist schon nahe an der Sternstunde.“ Vor allem die Bestellung von Andreas Nadler zum Kaufmännischen Direktor stößt auf die Zustimmung des Ministers: „Ich kenne Nadler, für dessen Parteimitgliedschaft ich mich zu keinem Zeitpunkt interessiert habe, als einen der kompetentesten Finanzverantwortlichen eines wirklich großen Milliardenunternehmens.“ ÖVP-Generalsekretär Werner Amon kann sich naturgemäß nicht so sehr für die neue ORF-Chefetage begeistern: „Man muss aufpassen, dass keine Sternschnuppe aus dieser Sternstunde wird“, sagte er am Freitag im Ö1-„Mittagsjournal“. „Offenbar hat die SPÖ hier massiv Einfluss ausgeübt und eine gewisse Wirkung entfaltet“, kritisierte Amon. Dass im Vorfeld von Direktorenwahlen auf dem Küniglberg politische Verhandlungen laufen, ist ein offenes Geheimnis – auch wenn Drozda beteuert, es gebe keinen Deal.

Mit gemischten Gefühlen reagierte der ORF-Redakteursrat auf das Wahlgeschehen: Die Bestellung Nadlers zum Kaufmännischen Direktor wird in einer Aussendung ausdrücklich begrüßt: Der langjährige Leiter der Finanzabteilung „ist ein ausgewiesener Experte aus dem Haus, der ohne parteipolitische Punzierung“ ist. Dass ORF-General Alexander Wrabetz mit Kathrin Zechner und Monika Eigensperger nun zwei Frauen in sein Direktorium bestellt hat, „denen das Programm ein echtes Anliegen ist“, finden die ORF-Redakteure gut. Positiv beurteilen sie auch, dass sich bei der Direktorenbestellung am Donnerstag einige Stiftungsräte vom „Klubzwang“ gelöst „und damit von der Parteipolitik emanzipiert“ haben. Dem Direktorenpaket stimmten entgegen der Parteilinie auch zwei ÖVP-Vertreter zu. Die Landesdirektoren wurden mit einer noch größeren Mehrheit – 30 von 35 Stimmen – bestellt.

 

„Extrem schädlich für das Ansehen“

Kritik üben die Redakteure an einem in ihren Augen „unwürdigen Schauspiel“: Es geht um „mehr oder weniger öffentliche Forderungen der Parteien nach Posten und Positionen im ORF“ im Gegenzug für die Zustimmung zur Direktorenbestellung bzw. zur (im Herbst erwarteten) Gebührenerhöhung. Die öffentliche Diskussion darüber „ist extrem schädlich für das Ansehen“ des Öffentlich-Rechtlichen: „Es entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass es vor allem die Politiker sind, die sich das Personal im ORF aussuchen.“ Als „besonders kritisch“ sieht der Redakteursrat die Bestellung der Landesdirektoren in Salzburg (Roland Brunhofer muss Christoph Takacs weichen), Tirol (Landesdirektor Helmut Krieghofer bleibt nur bis zur Landtagswahl) und im Burgenland (Karlheinz Papst wird durch Werner Herics ersetzt). „Das ist ein katastrophales Zeichen für den Journalismus“, finden die Redakteure. „Wer nicht spurt und im Sinne der Landeshauptmannpartei arbeitet, muss gehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2016)