Unser Blick auf die muslimische Frau

Muslima mit Niqab auf der Straße
Muslima mit Niqab auf der Straße(c) imago/Rolf Kremming (imago stock&people)

Mehr als ein Stück Stoff: Seit der Burkini-Debatte dieses Sommers ist die Frau im Islam Thema eines desorientierten Stimmengewirrs.

Europa, im Gefühl, in der Misere zu stecken, sieht sich zur Politik kleiner Schritte genötigt, zum verdrossenen und enttäuschungsvollen pragmatischen Krisenmanagement. Für die leidenschaftliche Vertretung von Idealen und Werten fehlen die Luft und die Lust. Die Krisenzeit will nicht enden, so klebt man notgedrungen an der technokratischen Realpolitik. Sieht man genauer hin, ist das Politische völlig entleert, Furcht und Unsicherheit regieren statt Mut und Aufklärung. Wir wissen zwar, dass unser Projekt der Moderne auf dieser Säule ruht, der Aufklärung, sie wurde in früheren Zeiten auch ganz selbstverständlich als universales Modell zur Verbesserung der Situation auf dieser Welt angesehen, aber jetzt merken wir, dass es sich hier um einen europäischen Sonderweg handelt, mit dem eine Mehrheit der Menschheit außerhalb und eine wachsende Minderheit innerhalb Europas nichts anzufangen weiß.

Europa stolpert in die Schleierdebatte

In dieser Verfasstheit stolpert das Europa des Jahres 2016 in die Islamdebatte rund um die Vollverschleierung der muslimischen Frauen und trägt die Aufklärung wie ein Banner vor sich her: Europa ist die Festung, die „vom Schleier“ nicht erobert werden darf. Vollschleier wie Burka und Niqab gehören nicht nach Europa, sie stellen nämlich eine Kampfansage an die Werte der Aufklärung dar. „Wir müssen den Schleier lüften“, proklamierte die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek schon 2009 in einer großen Rede über Islam und Aufklärung. Das scheint heute communis opinio zu werden: Der Ganzkörperumhang gilt als politisches Statement, als Bekenntnis zum ultraorthodoxen Islam, dessen Fanatismus und Intoleranz eine Kampfansage an die Werte der Aufklärung darstellen. Bewiesen wird dadurch freilich, dass wir die Klassiker der Aufklärung offenbar nie gelesen haben, etwa Voltaires „Candide“. Für die Aufklärung waren weder Europa noch das Christentum allen anderen überlegen, aus einer Menge von Perspektiven heraus war sie bestrebt, zu einem richtigen Urteil zu finden, sie war interessiert, von anderen Kulturen zu lernen, sie anzuerkennen und zu verteidigen.

Neu ist die Debatte nicht, Diskurse über die Verschleierung von Frauen als Mittel zur Markierung von politischer und kultureller Identität und Grenzziehungen gab es schon immer. Das Verbot des Schleiers wird als konstitutiv für die abendländische Kultur proklamiert. Die westliche Welt beruht auf dem System der Visualität. Die Burka-Trägerin kann sehen, aber nicht gesehen werden, sie entzieht sich der Gegenseitigkeit des sozialen Austauschs. Dieser „Schauzwang“, die verbindliche Sichtbarkeitsordnung, taucht nicht erst in den juristischen Diskussionen der Gegenwart auf. Die Idee dahinter ist sehr alt: Der Okzident stemmt sich mit seinem Schleierverbot gegen die Orientalen, verschleiert, dunkel und daher gefährlich ist der Orient, der Okzident hingegen verkörpert das Licht, das Helle, die Aufgeklärtheit.

Grace Kelly und ihr Kopftuch

 

GRACE KELLY(c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)
Man erkenne bei verschleierten muslimischen Frauen keine Individualität, im Interesse der persönlichen Freiheit dieser Frauen gelte es also, die Verhüllung als anachronistisch-religiöses Requisit abzuschaffen. Hier, im Westen, ist das Kopftuch eine Modefrage und rein ästhetisch konstituiert, Grace Kelly darf im Cabrio auf den Serpentinenstraßen oberhalb von Monaco ein weißes Kopftuch tragen, sonst hat die Verschleierung der Frau mit der westlichen Welt nichts zu tun. Unterschlagen wird hier freilich eine gemeinsame Tradition zwischen Ost und West, noch bis vor ein, zwei Generationen gehörte eine Kopfbedeckung zur Standardbekleidung jeder „anständigen“ Frau in Europa. Doch das lässt sich mit dem Hinweis auf längst überwundene Zivilisationsstufen leicht wegwischen. Eine Verdrängungsleistung.

Die rhetorische Figur der Entschleierung hat sich schon früh als aufklärerischer Gestus durchgesetzt. Entschleierung steht im Denken für die mögliche Erkenntnis von Wahrheit, was im Verbogenen ist, steht unter Generalverdacht. Die Trennung vom Wissen durch einen „Schleier des Nichtwissens“ ist unerträglich. In zahllosen Metaphern in Philosophie, Literatur und bildender Kunst wird der Schleier als etwas verhandelt, das Erkenntnis verstellt und deswegen gelüftet werden muss. In Friedrich Schillers Ballade „Das Bild zu Sais“ enthüllt ein von großer „Forschbegierde“ getriebener junger Mann ein Bild der Göttin Isis. Die Frage „Was ist's, das hinter diesem Schleier sich verbirgt?“ lässt ihm keine Ruhe, sie ist stärker als die Warnungen, der Jüngling überlebt den Frevel nicht.

Über Jahrhunderte bewegte sich im klassischen Orientalismus die Darstellung von Frauen zwischen zwei stereotypen Bildern. In dem einen hat sie eine gewisse Popularität als erotisch-exotische Haremsschönheit und Bauchtänzerin, auf die man sexuelle Fantasien projizieren kann. Das Leben im Harem wird als „Freiheit hinter Schleiern“ idealisiert und sogar mystifiziert, das Schleiertragen selbst als Glück und Schutz gedeutet. Eben indem sie sich dem unbefugten Blick entzog, animierte sie in der europäischen Kunst, Malerei, Mode und Literatur des 19. Jahrhunderts zu sexuellen Träumen und Fantasien, etwa in den Haremsbildern von Ingres. Das andere Bild ist das der mitleiderregenden, ungebildeten, hässlich verschleierten, weggesperrten und unterdrückten Muslimin, die zur Unsichtbarkeit verdammt ist.

Der Schleiertanz der Salome

 Der unverhüllte weibliche Körper steht in einer bestimmten ikonografischen Tradition, Bilder von nackten Frauen allegorisierten „Freiheit“ und „Nation“, das setzt sich in der Populärkultur und Mode fort durch die Jahrhunderte. Die Verbindung von Freiheit und enthüllter Frau ist am deutlichsten in Delacroix' „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830/31 zu sehen. Frauen waren damals als handelnde Subjekte aus der politischen Öffentlichkeit ausgeschlossen, als Allegorie politischer Freiheit verwendete man sie paradoxerweise allzumal.

Der Schleiertanz der Salome, eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts, brachte das Begehren, hinter den Schleier zu sehen, auf die Bühne. In dem Werk Oscar Wildes tanzte die Herodes-Tochter den später berühmt gewordenen „Tanz der sieben Schleier“, eine Art Striptease avant la lettre, doch nun war es nicht mehr wie bei Ingres ein sich passiv darbietender weiblicher Körper, sondern eine im Tanz dynamisierte und hoch sexualisierte Jungfrau. Wilde war Altphilologe, er bediente sich bei mythischen Überlieferungen, bei den Göttinnen Venus oder Diana, die verschleiert waren, aber so raffiniert, dass sie den Körper, den sie zu verhüllen vorgaben, durch die Transparenz der Schleier umso verlockender machten. Man begann in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss bei Aufführungen diesen Part des Schleiertanzes an professionelle Tänzerinnen zu übergeben.

Salome in der Wiener Volksoper
Salome in der Wiener Volksoper(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Tief verankert ist die Verschleierung der „Orientalin“ im kolonialen und postkolonialen Denken. Aus der Sicht der Kolonisatoren war die „unterdrückte Orientalin“ von ihrem Unterdrücker zu retten, ihre „Entschleierung“ war ebenso Symbol für die Unterwerfung einer ganzen Gesellschaft. Im Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens (1954 bis 1962) wird die Verknüpfung von Entschleierung und okzidentaler Macht am deutlichsten. „Algerien legt den Schleier ab“, der Bericht des Kolonialismuskritikers Frantz Fanon („Die Verdammten dieser Erde“), erhält durch die Kopftuchdebatte von heute überraschende Aktualität. Die französischen Kolonialisten erkannten danach sehr schnell, dass den hinter dem Schleier verborgenen Frauen eine Schlüsselrolle bei ihrem Zugriff auf die algerische Gesellschaft zukommt. Die politische Doktrin der Kolonialverwaltung war: „Wenn wir die algerische Gesellschaft in ihrem inneren Zusammenhang, in den Grundfesten ihres Widerstandes treffen wollen, müssen wir zunächst die Frauen erobern; wir müssen sie hinter dem Schleier suchen, hinter dem sie sich verbergen, und in den Häusern, in denen sie der Mann versteckt.“

Die entblößten Algerierinnen

 Unter den Rufen „Es lebe das französische Algerien!“ rissen sie den Frauen die Haiks, die weißen Schleier, die Teile des Gesichts bedeckten, auf öffentlichen Plätzen herunter. Fanon, der in Algerien zunächst als Psychiater und später für die Befreiungsbewegung arbeitete, schreibt: „Jeder abgelegte Schleier eröffnet den Kolonialisten bislang verschlossene Horizonte und zeigt ihnen Stück für Stück das entblößte algerische Fleisch. Die Aggressivität des Okkupanten und seine Hoffnungen verzehnfachen sich mit jedem freigelegten Gesicht.“ Der Zweck der Aggression ist nach Fanon nur vorgeblich die Befreiung der algerischen Frauen von ihrer traditionellen Unterdrückung, in Wirklichkeit handelt es sich dabei um das Ziel der Auflösung und Assimilation der algerischen Kultur: „Die Frau zu verwandeln, sie für die ausländischen Werte zu gewinnen, sie aus ihrem Status herauszureißen bedeutet, eine reale Macht über den Mann zu erlangen.“

Auch das Medium der Fotografie spielte eine entscheidende Rolle: Die zwangsweise entschleierten Frauen wurden unter Aufsicht des Militärs in Lagern für Zwecke der Identifizierung fotografiert. Millionenfach schickten die Kolonialherren Postkarten an ihre Familien, die algerische Frauen zeigten: Von Kopf bis Fuß verschleiert außer Haus, als dekadente Odaliske und Gefangene im Harem. Die gefangene Algerierin hält sich mit der Hand an Gitterstäben fest, nackter Oberkörper und sehnsuchtsvoller Blick sind ein beliebtes Motiv. Sexuelle Konnotationen sind offenkundig. Das kennt man aus der Geschichte fotografischer Archive im 19. Jahrhundert, wo Menschen anderer Rassen oder Ethnizität wie in Verbrecheralben erfasst wurden.

Jean Auguste Dominique Ingres La Grande Odalisque 1814
Jean Auguste Dominique Ingres La Grande Odalisque 1814

Von den Frauen wird die Entschleierung als Entfremdung vom eigenen Körper erlebt, als „Eindruck, schlecht gekleidet, ja nackt zu sein“: „Eine mit großer Intensität erfahrene Unvollständigkeit. Ein ängstlicher Geschmack des Unzulänglichen.“ Paradoxerweise werden ähnliche Bilder („Unbehagen“, „Willenlosigkeit“, „Unsicherheit“), in der aktuellen Diskussion dazu verwendet, um das Körpergefühl der Frauen unter dem Schleier zu beschreiben.

Auch Wissenschaftler, die gegen die koloniale Praxis auftraten, waren nicht immer vor orientalisierenden Klischees gefeit, wenn sie ihr Interesse auf die verschleierte Frau richteten. Manchmal gelang es, das aufzubrechen, meist mit Hilfe von Fotos. Nicht selten sieht man auch heute Hochglanzcover von Magazinen, die selbstbewusst lächelnde, schöne Frauen mit Kopftuch zeigen, während die Reportagen von engagierten Journalistinnen im Innenteil der Zeitschrift die Besorgnis über die Unterdrückung dieser Frauen formulieren. Eine verwirrende Diskrepanz zwischen werbestrategischer Präsentation und Inhalt dieser Texte.

Furore machte im September 2006 eine Hamburger Ausstellung mit Fotos des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, die er während des algerischen Unabhängigkeitskrieges gemacht hatte. Das Plakat der Ausstellung zeigte eine algerische Frau auf einem Motorroller. Auf den ersten Blick glaubte man, sie habe eine religiös motivierte Gesichtsbedeckung, schaut man genauer hin, sieht man nackte Arme, Füße mit modischen Sommerschuhen, und Augen, die über ein weißes Stofftuch, das Nase und Mund bedeckt, hinwegblicken, sie trägt also eine Kleidung, die der Lenkerin eines Motorrollers angemessen ist, die flatternden Stoffe assoziiert man mit Tempo, Dynamik, Aufbruch: Auf geniale Weise wird die Stereotypisierung rund um die verschleierte Frau unterlaufen.

Der Kampf der Kulturen

 Seit der Burkini-Debatte im vergangenen Sommer und dem belächelten Auftritt französischer Polizisten am Badestrand an der Côte d'Azur ist die Frau im Islam Thema eines desorientierten Stimmengewirrs in der westlichen Gesellschaft geworden. Differenzierung fällt angesichts eines so befremdlichen Erscheinungsbildes wie der Burka schwer. Wenig beachtet wird, dass es bewusste Entscheidungen für die Verschleierung gibt, bei Konvertitinnen etwa und nonkonformistischen jungen Frauen, die damit ihren Bruch mit der Gesellschaft signalisieren und sich bei anderer Sozialisation eine Punkfrisur oder ein Piercing zulegen würden. Auch die Diskussion, ob es nicht zur Menschenwürde der Frauen gehört, „selbst die maßgebliche Instanz für die Bestimmung der eigenen Würde zu sein“ (der deutsche Verfassungsjurist Horst Dreier), ist noch zu führen.

Die Meinung ist kompakt, das Wissen dürftig, die dunklen Seiten dieser anderen Gesellschaft, die mit unseren Gesetzen nicht vereinbar sind, Zwangsheirat, Ehrenmord, Scharia und Djihadismus, wird mit der Schleier-Debatte junktimiert. Die Warnungen, die eigene, positive Identität zu konstruieren und zu stabilisieren, indem man das andere undifferenziert abwehrt, nehmen allerdings zu. Orientalisierung und Okzidentalisierung sind danach gefährliche Tendenzen, es geht schnell nicht mehr nur um Individuen, sondern um verhärtete Stimmungsfronten, ein kollektivierendes Wir gegen ein ebenso kollektivierendes Ihr. Stigmatisierung führt zu Solidarisierung. Dann ist der „Kampf der Kulturen“ da mit seinen kollektiven Zuschreibungen, die in zerstörerische rassistische Auseinandersetzungen münden können.