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Stephen Hawking: Das Orakel von Cambridge

BRITAIN-SCIENCE-UNIVERSITY
„Es gibt keinen Himmel und kein Nachleben; das ist ein Märchen für Menschen, die Angst haben vor dem Dunkel.“APA/AFP/NIKLAS HALLE'N
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Der Physiker Stephen Hawking galt als Autorität für die ganz großen Dinge und auch als Popstar der Wissenschaften.

Dieser Text erschien anlässlich des 75. Geburtstages von Stephen Hawking.

"Ich habe die letzten 49 Jahre mit der Aussicht auf einen frühen Tod gelebt. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, aber ich habe keine Eile zu sterben. Es gibt so viel, was ich vorher noch tun will." Das erklärte Stephen Hawking 2011, sein Wunsch ist bisher in Erfüllung gegangen, Schaffens- und Mitteilungsfreude blieben ungebrochen: „Wenn Außerirdische uns besuchen, könnte das so ausgehen wie die Landung des Columbus in Amerika, die für die indigenen Völker nicht gut ausging.“ Das war vor kaum zwei Wochen seine bislang letzte Wortmeldung, er griff damit in die Debatte darüber ein, ob man Signale ins All schicken solle, um mit potenziellen Aliens in Kontakt zu kommen. Nicht lange zuvor hatte er laut in Gegenrichtung gedacht und es für unabdingbar gehalten, dass wir uns selbst bald auf den Weg machen, weil die Erde unwirtlich werde: „Ich denke, dass die Zukunft der menschlichen Rasse langfristig im Weltraum liegt.“

Wann auch immer er wozu auch immer etwas vernehmen lässt, Schlagzeilen sind ihm sicher: Hawking wird weltweit als Autorität für die ganz großen Dinge angesehen, auch wenn nur kurze Sätze aus seinem Sprachcomputer dringen und dafür lange brauchen. Diesen hat der 1942 in Oxford Geborene und 1996 in Cambridge Promovierte – in Theoretischer Astronomie und Kosmologie – seit 1986. Da war es mit seinem ohnehin zerrütteten Körper wieder einmal bergab gegangen, als Folge einer Lungenentzündung und eines Luftröhrenschnitts konnte er nicht mehr sprechen. Er kommunizierte zunächst, indem er Wörter auf einer Tafel durch das Heben einer Braue anzeigte, dann bekam er den Computer („Equalizer“), ein US-Amerikaner hatte das auch mit den Augen steuerbare Modell für seine Schwiegermutter entwickelt.

Diese litt an ALS, amyotropher Lateralsklerose, das ist eine Krankheit, die den Körper Stück für Stück lähmt. Dass Hawking sie hatte, musste er mit 21 zur Kenntnis nehmen, die Ärzte stellten ihm noch zwei, drei Jahre in Aussicht. Zu der Zeit war der angehende Astrophysiker nach eigenem Bekunden ein fauler Student, die Krankheit brachte ihn in höchste Konzentration, ihm half dabei, dass er, anders als viele Kollegen, Formeln nicht mit Kreide auf Tafeln schrieb, sondern sie im Kopf hatte.

Zunächst beeinträchtigte ihn das Leiden kaum, Hawking wandte sich, gemeinsam mit Roger Penrose, dem Thema zu, das ihm in der Zunft seinen Ruf bringen sollte, dem der Singularitäten. In der Astrophysik sind das extreme Konzentrationen von Materie in einem Punkt, man stellt sich die Situation beim Urknall so vor, und die in Schwarzen Löchern, aus denen nichts entkommt. Vor allem mit denen verknüpfte sich Hawkings Name, er postulierte in den 70er-Jahren auch, dass sie doch etwas abstrahlen. Das ist Postulat geblieben, nachweisen konnte man die Strahlung (bisher) nicht.


Streit mit Higgs. Vielleicht hat Hawking, der bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl Newtons in Cambridge hielt, deshalb nie einen Anruf vom Nobelkomitee aus Stockholm erhalten, anders als ein Kollege, der schon in den 60er-Jahren etwas postulierte, Peter Higgs. Dessen Teilchen würden nie gefunden, wettete Hawking, er führte erbitterte Dispute mit Higgs, der fast darüber verzagte, dass der „Prominentenstatus ihm sofortige Glaubwürdigkeit gibt, die andere nicht haben“. Higgs war nicht der einzige, der unter Hawking litt, auch zwei Ehen scheiterten, die erste Frau erklärte es so: „Sein Ruhm trug ihn aus dem Orbit unserer Familie.“

Vielleicht ist er auch nur kein ganz universelles Genie: Die Frage, worüber er jeden Tag am meisten nachdenke, beantwortete er einmal so: „Frauen. Sie sind ein komplettes Rätsel.“ Das mag britischer Humor sein, den hat er, etwa, wenn er seinen Sprachcomputer lobt: „Ich kann jetzt besser kommunizieren als ich das konnte, bevor ich meine Stimme verlor.“ Na ja, er klagte schon auch darüber, dass die synthetische Stimme nicht nach Cambridge klingt, sondern mit amerikanischer Aussprache intoniert. All das lässt Hawking die breite Öffentlichkeit wissen, er pflegt sein Bild, tritt in TV-Serien auf – „Simpsons“, „Star Trek“, „Big Bang Theory“ –, schwebt schwerelos in einem Flugzeug, auch bei Papst-Audienzen ist die Kamera dabei, zuletzt im November.

Das alles wird vom Publikum goutiert, Hawking gilt als Popstar der Wissenschaft, er erklärte seine Faszinationskraft mit dem Widerspruch, den er verkörpert, dem eines höchst wachen Geistes in einem fast regungslosen Leib: „Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschränkten Fähigkeiten und dem gewaltigen Ausmaß des Universums, mit dem ich mich beschäftige.“ Aber die Menschen sind natürlich auch fasziniert von dem, was Hawking 1988 hoffen ließ, als er „Eine kurze Geschichte der Zeit“ publizierte, das mit zehn Millionen Exemplaren bestverkaufte aller Sachbücher. Darin stellte er nichts Geringeres in Aussicht als „eine vollständige Theorie, warum es uns und das Universum gibt. Wenn wir die Antwort auf diese Frage fänden, wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft – dann würden wir den Plan Gottes kennen“.

Ob er den Plan inzwischen hat, ist umstritten, an Gott allerdings hat er nie geglaubt: „Es gibt eine fundamentale Differenz zwischen Religion, die auf Autorität basiert, und Wissenschaft, die auf Beobachtung und Vernunft basiert. Wissenschaft wird gewinnen, weil sie funktioniert.“ Das überhöhte Hawking bisweilen zu Allmachtsphantasien – „wir werden Herren der Schöpfung“ –, aber er relativierte auch schon in der „Kurzen Geschichte“: „Möglicherweise wird die Entdeckung einer vollständigen vereinheitlichten Theorie keinen Beitrag zum Überleben der Menschheit liefern, ja sich noch nicht einmal auf unsere Lebensweise auswirken.“

Diese und der Blick auf sich selbst werden nüchtern bleiben, zumindest bei Hawking, der heute 75 wird: „Ich betrachte das Gehirn als Computer, der aufhören wird zu arbeiten, wenn Komponenten von ihm es tun. Es gibt keinen Himmel und kein Nachleben für einen zusammengebrochenen Computer; das ist ein Märchen für Menschen, die Angst haben vor dem Dunkel.“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2017)