Die Fluchtroute verschiebt sich

AT SEA ITALY MALTA MIGRATION
Flüchtlinge Mittelmeer(c) APA/EPA/DARRIN ZAMMIT LUPI/MOAS.

Italien verzeichnet erstmals einen Rückgang an ankommenden Migranten. Indessen überholt Spanien bereits Griechenland mit Neuankünften. Wird es erneut der Hotspot am Mittelmeer?

Wien. Es ist nur eine Momentaufnahme, aber eine durchaus überraschende: Am Mittwoch dieser Woche kamen an der spanischen Mittelmeerküste 600 Migranten an, in Italien waren es gleichzeitig nur 13. Auch wenn dies noch eine Ausnahme darstellt, reduziert sich der Flüchtlingsstrom in Österreichs südliches Nachbarland derzeit deutlich. Seit Juli sind die Zahlen für Italien rückläufig – allerdings nach wie vor auf hohem Niveau. In Spanien steigt dafür die Zahl der Ankünfte. Laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR sind bis Juli mit 12.164 Migranten (davon kamen 8700 über das Meer) bereits mehr als im ganzen vergangenen Jahr ins Land geströmt. In Kürze wird Spanien Griechenland bei der Zahl an Ankünften überholen.

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Wo liegen die Gründe für die Verschiebung der Route nach Westen? Ähnlich wie bei der Entspannung in Griechenland im Frühjahr 2016 schmücken sich einzelne Politiker und Organisationen bereits vorschnell mit dem vermeintlichen Erfolg in Italien, aber die Ursachen sind auch diesmal vielfältig. Eine nachhaltige Abschwächung des Zustroms nach Europa ist zudem nicht garantiert. Italiens Innenminister, Marco Minniti, fühlt sich mit seinem harten Kurs gegen Hilfsorganisationen, die Tausende Menschen aus dem Mittelmeer gerettet haben, bestätigt. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex behauptet wiederum, dass die plötzliche Reduzierung des Zustroms nach Italien auf ihre verstärkte Präsenz im Mittelmeer zurückzuführen sei. Diese würde Schlepper abschrecken. Aber die sinkende Zahl an Ankommenden hängt wohl auch mit aufgeflammten Kämpfen in der libyschen Küstenstadt Sabrata zusammen, von wo viele Flüchtlinge bisher zur Überfahrt nach Italien aufgebrochen sind. Zudem verschärft sich die humanitäre Lage im Bürgerkriegsland zusehends. Für jene, die Libyen bisher als Transitland genutzt haben, wird die Durchreise immer riskanter. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben auch die kürzlich ausgeweiteten Aktivitäten der libyschen Küstenwache mit der Abschwächung zu tun.

 

Weiterreise nicht mehr gesichert

Die Küstenwache hat nicht nur Hilfsorganisationen wie Sea Eye, Ärzte ohne Grenzen oder Save the Children dazu bewogen, ihre Rettungsaktionen einzustellen. Sie drängt auch Schlepperboote ans Ufer zurück. Möglicherweise zeitigen auch die Verhandlungen der EU mit mehreren nordafrikanischen Ländern Wirkung, die mittlerweile eine Weiterreise von Migranten an die Mittelmeerküste erschweren. Nicht zuletzt dürfte ähnlich wie bei Griechenland auch im Fall Italiens das Signal bei vielen Migranten angekommen sein, dass sie nicht mehr mit einer gesicherten Weiterreise in den Norden Europas rechnen können.

Neben der Route haben sich auch die Herkunftsländer der Migranten geändert. Die Zahl an Syrern, die 2017 noch zu Hunderttausenden in die EU aufgebrochen sind, sinkt stetig. Bloß Griechenland verzeichnet noch eine relevante Anzahl an Neuankommenden. Viele Syrer kehren mittlerweile aus den Nachbarländern wie der Türkei in die befreiten Städte ihrer Heimat zurück. Waren es Zuwanderer auch aus asiatischen Ländern wie Bangladesch, die zuletzt aus Libyen in Richtung Italien aufgebrochen sind, so sind es im Fall von Spanien vor allem Menschen aus westafrikanischen Ländern wie Guinea oder Côte d'Ivoire, die ihr Glück in Europa suchen. Auch sie haben ähnlich wie Ankommende aus südasiatischen Ländern kaum Chance auf einen Flüchtlingsstatus in der EU.

In Spanien sind nicht nur die Touristenzentren an der Südküste vom neuen Flüchtlingsstrom betroffen, sondern auch die Region um Gibraltar. Viele Bootsflüchtlinge versuchen, über die Meeresenge nach Europa zu gelangen. Verstärkten Migrationsdruck verzeichnen denn auch die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla im Nordwesten Afrikas. Die Verschiebung der Route hat einen makabren Nebeneffekt: Es steigt die Zahl an Menschen, die vor der spanischen Küste ertrinken. Allein in diesem Jahr waren es laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bereits 121.

Spanien war bereits nach der Jahrtausendwende von einer Flüchtlingswelle aus Afrika betroffen. Pro Tag kamen damals bis zu 1000 Personen an den Küsten an.

AUF EINEN BLICK

Spanien ist bereits zum wiederholten Mal von verstärkten Zuwanderungsströmen betroffen. Allein im Jahr 2006 gelangten mehr als 30.000 Migranten auf die Kanarischen Inseln. Zudem verstärkte sich nach der Jahrtausendwende der Druck auf die Südküste des Landes und auf die beiden nordafrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Mittlerweile wirken die Exklaven durch ihre meterhohen Zäune wie Festungen. Nun wird wieder ein Anstieg der Ankünfte von Migranten registriert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2017)