Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wintermärchen am Rande der Sahara

(c) www.theroadto2010.com
  • Drucken

Jbel Oukaimeden ist Marokkos Arlberg. Dort treffen sich die Reichen zum Skifahren – so Schnee liegt.

"Heute Nacht noch“, meint Said Moukrim und nickt in Richtung Jbel Oukaimeden. Der über 3000 Meter hohe Berg ragt felsig in den grauen Himmel. Said ist zuversichtlich, dass der Schnee kommt. Auf den warten alle hier in Oukaimeden, wie in jedem anderen Wintersportort auch. Dennoch ist hier alles irgendwie anders, denn das Dorf liegt in Afrika.

Zwischen dem atlantisch-mediterranen Küstenstreifen Marokkos und der Sahara erstreckt sich das Atlasgebirge. Von Marrakesch aus schlängeln sich Serpentinen den rötlichen Felsen empor. An den Steinhäusern der Berber vorbei, an Moscheen, Töpfereien und Kindern, die Nüsse und Minze für Tee verkaufen. In einer guten Autostunde erreicht man den bizarren Ort.

Said steht hinter der gut ausgestatteten Bar im Hotel Juju. Kein üblicher Anblick, besonders in ländlichen Gegenden des muslimischen Landes. „Die Gäste mögen Glühwein“, lacht Said, dem ein Schneidezahn fehlt und der selbst keinen Alkohol trinkt. Obwohl kein Gast zu sehen ist, lässt die urige Holzstube mit den karierten Tischdecken ein bisschen „Hüttenfeeling“ aufkommen.

Es ist das höchste Skigebiet des Kontinents und Urlaubsdestination für die Reichen im Lande. Der marokkanische Arlberg, sozusagen. Laut Said sind es „bis zu 2500 Gäste pro Tag“, darunter auch viele internationale Besucher. Spanier, Italiener und Briten und vor allem Franzosen finden sich im Juju zum Après Ski ein. Von den Souks in Marrakesch zum Skifahren ins Atlasgebirge und danach zum Kamelreiten in die Wüste. Rund ein Zehntel seiner Devisen erwirtschaftet Marokko mit Touristen. 80Prozent davon kommen aus Europa. Die Franzosen mag Said am wenigsten. „Die behandeln einen wie Ex-Sklaven.“

 

Gipfelwärts im Doppelmayr-Lift

Die ehemaligen Kolonialherren aber verliehen dem Ort seine heutige Bestimmung. Der Club Alpin Français – das französische Pendant zum österreichischen Alpenverein – zeugt heute noch von der Vergangenheit. Seit 1948 erklommen Franzosen die umliegenden Gipfel und schwangen sich auf Holzbrettern herunter. In den frühen 1960ern begannen sie mit dem Bau von Skiliften. Heute gibt es sechs davon, vom österreichischen Hersteller Doppelmayr. Ein Skitagespass kostet knapp zehn Euro.

Auf dem höchsten Gipfel in 3265 Metern Höhe frieren zwei wetterbedingt arbeitslose Skilehrer. Sie ermuntern die wenigen Tagestouristen, mit Skis aus Großvaters Zeiten auf den spärlichen Flecken Schnee zu posieren. Und hoffen auf ein wenig Trinkgeld.

Zwischen vernachlässigten Appartementgebäuden und Ferienhäusern befinden sich Lokale, die meist nur aus Feuer- oder Gaskochstellen bestehen. Auf Plastiksesseln könnten Besucher bei Minusgraden im Freien einheimische Gerichte genießen. Könnten. Nur ein Berber hockt mit seinem Truthahn in einer windgeschützten Ecke.

Die Dorfeinfahrt markiert das Viersternehotel Louka, eine Bausünde in Dreiecksform. Einziger Gast ist der Finne Jarin Piela. Und der zahlt nicht. Er ist Bauleiter für das neue Projekt der Firma Jetalo, der das Louka gehört: Luxus-Chalets aus finnischem Holz, als Alternative zu den 101 Hotelzimmern. Für stolze 500 Euro pro Nacht, so das Gerücht. Preise wie am Arlberg. Eine optimistische Preisgestaltung, wenn man sich den Zustand des Hotels ansieht. Da der Inhaber angeblich die Rechnungen nicht zahlt, gibt es nur zweimal pro Woche heißes Wasser. Der Hamam liegt ebenso verlassen wie der Pool und der Fitnessraum, in dem ein paar kaputte Geräte stehen.

„Das ist die Mentalität hier,“ meint Piela. „Ist etwas kaputt, bleibt es so. Man baut etwas Neues.“ Das sei nicht immer einfach. Es fehle an Werkzeug und an Materialien. Für maximal 200Euro im Monat heuert er Männer aus nahe gelegenen Dörfern an. Vor Kurzem noch hofften diese auf einen neuen Großauftrag. Das in Dubai ansässige Unternehmen Emaar hat Luxushotels und einen 18-Loch-Golfplatz geplant. Seit es mit Dubais Wirtschaft bergab ging, habe man die Herren hier nicht mehr gesehen.

 

Lukrative Saisonarbeit

Auf seinem Laptop hat Said den Schneebericht eingeholt. Die drahtlose Internetverbindung ist hervorragend. Der Saisonarbeiter leitet von November an für ein paar Monate den Betrieb in Oukaimeden und verdient dabei rund 3000Euro. Das jährliche Durchschnittseinkommen eines Marokkaners und dreimal so viel wie er im restlichen Jahr mit dem Reparieren von Computern einnimmt.

Mit Einbruch der Dunkelheit beginnt es zu schneien. Der Jbel Oukaimeden versinkt im Weiß. Strom gibt es im Juju am nächsten Tag keinen, kein einziger Gast lässt sich blicken. „Für das Wochenende“, meint Said aber zuversichtlich, „sind wir ausgebucht. Inschallah.“ So Gott will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2010)

Mehr erfahren

Zum Thema

Hygiene: Vom täglichen „Geschäft“ in Afrika

Zum Thema

Ghana: Exportschlager Kreativsarg

Zum Thema

Benin: Vom „historischen Unfall“ des Sklavenhandels

Zum Thema

Togo: Das Ende eines afrikanischen Fußballmärchens

Zum Thema

Burkina Faso: Schreiben in einem Land ohne Leser

Zum Thema

Marokko: "Wir gehören mehr zu Europa als zu Afrika"