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Der reglose Physiker suchte Gottes Plan

„Ich bin der Archetyp eines behinderten Genius“: Stephen Hawking in den Gemäuern der Universität Cambridge, wo er wie einst Isaac Newton und Paul Dirac den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik innehatte. Dieses Foto entstand 2004 anlässlich der Premiere des Films „The Theory of Everything“.
„Ich bin der Archetyp eines behinderten Genius“: Stephen Hawking in den Gemäuern der Universität Cambridge, wo er wie einst Isaac Newton und Paul Dirac den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik innehatte. Dieses Foto entstand 2004 anlässlich der Premiere des Films „The Theory of Everything“.(c) APA/AFP/ANDREW COWIE (ANDREW COWIE)

Nachruf. An den Rollstuhl gefesselt, griff er nach den Sternen: Stephen Hawking, der populärste Physiker seit Albert Einstein, ist 76-jährig in Cambridge gestorben.

In spätestens hundert Jahren müssten die Menschen die Erde verlassen und das All besiedeln: Das war eine der letzten Aussagen Stephen Hawkings, die vom Rollstuhl, an den er seit fast 50 Jahren gefesselt war, an die Öffentlichkeit drangen. Er war längst zur Legende geworden – und zum Orakel: Nur mit seinen Augenmuskeln, den letzten, die ihm noch gehorchten, steuerte er seinen Sprachsynthesizer (dessen amerikanischen Akzent er gern beklagte) und äußerte sich über Gott und die Welt.

Dass er 76 Jahre alt wurde, ist ein Wunder: Die Ärzte, die 1963 an ihm Amyotrophe Lateralsklerose diagnostizierten, eine unheilbare Krankheit der motorischen Nerven, prognostizierten ihm zwar nicht, wie oft kolportiert, einen Lebensrest von nur zwei Jahren, aber gewiss keine fünf Jahrzehnte. Doch genau durch seine Krankheit, durch seine völlige Schwäche wurde er zur Ikone: der hinfällige, hilflose Mensch, der sich nicht rühren kann und doch nach den Sternen greift. Er selbst, ein Mann trockenen britischen Humors, bar jedes Selbstmitleids, sagte im Mai 2011: „Ich bin der Archetyp eines behinderten Genius. Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten und den gewaltigen Ausmaßen des Universums, mit dem ich mich beschäftige.“

 

„Warum es das Universum gibt“

Dass er das tat und dass die Menschen das wussten, liegt an dem Buch, das er 1988 veröffentlichte und das eine – inzwischen längst verebbte – Flut anderer populärwissenschaftlicher Bücher über Physik auslöste, von denen keines den großartigen Gestus von Hawkings „Brief History of Time“ hatte. Darin ging es um nicht weniger als die vollständige Theorie, die Theorie von Allem. Wenn sie einmal entdeckt sei, schrieb Hawking, „dann werden wir uns alle mit der Frage befassen können, warum es uns und das Universum gibt. Wenn wir die Antwort auf diese Frage fänden, wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft – denn dann würden wir Gottes Plan kennen.“

Nicht minder hochfliegend war eine andere Stelle, an der Hawking seine Idee eines Universums ohne Grenze und Rand beschrieb: „Wenn das Universum wirklich völlig in sich abgeschlossen ist, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende: Es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“

Welch himmelstürmerisches Pathos! Ach, es ist längst geschwunden, nach der postmodernen Wende, in der die Kosmologen und theoretischen Physiker die Suche nach der einen Theorie aufgaben und beschlossen, stattdessen an die Existenz vieler, wenn nicht unendlicher vieler Universen zu glauben. Hawking, der am metaphysischen Anspruch der Physik festhielt – „Physiker sind heute die wirklichen Philosophen“, sagte er 1998 zur „Presse“ –, fügte sich doch dieser Wende, mit all den Strings und Branen und vielen Dimensionen, mit denen seine Kollegen ihre Welten bauten. In „Das Universum in der Nussschale“ (2001) zitierte er Hamlet: „Oh Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiet halten.“

Auch nicht ganz ironiefrei wirkte, wie er über die zweite Blüte der Superstringtheorie schrieb: „Dann änderte sich die Mode plötzlich.“ Er selbst war kein Experte für die mathematischen Tricks der Stringtheorie, doch auf ihren großen Kongressen war er gern gesehen. Er garantierte eine Vervielfachung der Medienpräsenz. Hawking war ein Popstar der Physik wie vor ihm nur Albert Einstein. Wie dessen Gesicht mit herausgestreckter Zunge war Hawkings im Rollstuhl gekrümmter Körper (mit dazukopiertem gestirnten Himmel über ihm) ein perfektes Postermotiv, bald war er auch Stargast in Filmen: In „Star Trek“ spielte er an Bord der Enterprise mit Einstein und Newton Karten (in die Liga dieser Giganten hatte er sich ja schon eingereiht, indem er an den Schluss seiner „kurzen Geschichte“ Kurzporträts von Einstein, Galilei und Newton stellte); in zwei Pink-Floyd-Songs („Keep Talking“, „Talkin' Hawking“) war seine Synthesizerstimme zu hören; in vier Folgen der „Simpsons“ trat er auf; in der „Big Bang Theory“ ertappte er Sheldon bei einem Rechenfehler. Der Film „The Theory of Everything“ (dummer deutscher Titel: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“) über Hawkings Ehe war übertrieben sentimental; in Wien lief das gelungene Theaterstück „The Audition“, in dem Behinderte und Nichtbehinderte sich für die Hauptrolle in einem Hawking-Film bewerben.

Menschen, die in der Physik die Metaphysik suchen, bediente Hawking 2010 noch einmal mit dem Buch „Der große Entwurf“. Er wolle „die letztgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ beantworten, schrieb er im Vorwort. Das konnte er natürlich nicht, doch er deutete das anthropische Prinzip kühn neu: Unsere Anwesenheit selektiere aus der „ungeheuren Zahl“ von Universen nur diejenigen, die mit unserer Existenz vereinbar sind. „Obwohl wir nach kosmischen Maßstäben nur winzig und unbedeutend sind, werden wir dadurch in gewissem Sinne zu den Herren der Schöpfung.“ Fast trotzig blieb er beim theologisch beladenen Begriff Schöpfung – und kritisierte dennoch Kardinal Schönborn für dessen Flirt mit dem „intelligent design“. Überspitzt gesagt: Hawking war zum Theologen ohne Gott geworden. 2008 empfing ihn Papst Benedikt XVI. im Vatikan.

Den Nobelpreis bekam er nicht, aber sonst so gut wie alle verfügbaren Preise; dass er von 1979 bis 2009 an der Universität Cambridge den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik innehatte wie einst Isaac Newton, freute ihn sehr. Zuletzt hatten seine Kräfte allmählich abgenommen, in den Morgenstunden des 14. März starb er in seinem Haus in Cambridge. Seine Universität stellte ein Video als letzte Botschaft ins Netz: „Es war eine großartige Zeit, um am Leben zu sein“, sagt Hawking darin. Es sei ein „großer Triumph“, dass die Menschen „so nah an ein Verständnis der Gesetze gekommen sind, die uns und das Universum regieren“. Sein Appell an die Nachwelt: „Schaut zu den Sternen und nicht hinab auf eure Füße.“

Mehr zum Thema: www.diepresse.com/hawking

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2018)