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Wehret dem geistigen Abbau

Wer nicht mehr täglich gefordert wird, baut ab. Schneller als er denkt.

Vor 15 Jahren nahm sich Leopold Stieger (heute 80) eine neue Lebensaufgabe vor: die Österreicher wachzurütteln, sich nicht planlos in die Pension plumpsen zu lassen. Sondern sofort eine wohlüberlegte herausfordernde neue Aufgabe anzupacken.

Stiegers Argumentation: Wer nicht mehr, so wie im Erwerbsleben, täglich gefordert wird, der baut ab - schneller als er denkt. Wer, wie viele Freiberufler, die sich ihre Lieblingskunden behalten, noch ein bisschen aktiv bleibt, der baut langsamer ab. Wer sich aber eine wirklich knifflige neue Aufgabe vornimmt, der zögert den Abbau am längsten hinaus.

Knifflig, das heißt nicht Rasen mähen. Es muss schon intellektuell fordernd sein, ein Studium vielleicht, ein neues Business, jedenfalls etwas, das der Gemeinschaft zugute kommt. Es nur für sich zu tun gilt nicht.

Steiger weiß, wovon er spricht. Seine Überzeugung deckt sich mit der Gehirnforschung: Was gebraucht wird, das bleibt; was brachliegt, geht verloren. Das Gehirn jätet unbenutzte Neuronen und Synapsen gnadenlos aus. Es will ja nur effizient sein, aber am Ende bleibt - nichts. Oder sehr wenig.

Neuer Stoff muss her

Also lernen. Ein Leben lang. Das fällt zwar mit jedem Jahrzehnt schwerer (wie schon 40-Jährige merken), lebenslanges Training kommt aber gerade dem Hippocampus zugute, der für das Gedächtnis zuständig ist. Seine Kapazität kann sogar noch wachsen.

Es gibt drei Lernmethoden, die sich für ältere Gehirne besonders gut eignen. Erstens, man greift auf Lernmuster zurück, die einem ein Leben lang gut gedient haben. Etwa, sich bei einem Buch zuerst das Inhaltsverzeichnis einzuprägen und diesen Rahmen später mit den Inhalten zu befüllen.

Zweitens, je älter man ist, desto besser behält man Neues, indem man es mit bereits Bekanntem abgleicht. Der Effekt heißt Priming: Wer sich in einem Supermarkt auskennt, findet sich in allen anderen auch zurecht.

Drittens, je älter, desto einfacher, desto kürzer sollten die Denkwege sein. Ältere Gehirne mögen keine komplizierten Ableitungen. Die Richtung heißt also: Kurz & knackig zum Punkt kommen, mit Bekannten abgleichen und gegebenenfalls danach durch die Ableitung festigen. 

Use it or lose it

Der Neurobiologe Martin Korte, selbst Jahrgang 1964, sammelte noch einige Lerntipps für ältere Gehirne zusammen:

  • Achtsam macht effektiv. Effektiv ist (in jedem Alter), wer sich lang und gut konzentrieren kann. Das lässt sich üben. Durch das Erledigen einer Sache nach der anderen (Multitasking ist sinnlos),  bewusst und ungeteilt. Nach dem Motto: Was ich mache und wofür ich es mache. Ein Ziel zu haben ist wichtig.

  • Gegen den Strich denken. Lässt sich etwas auch ganz anders erledigen? Die Denkübung schult die sachliche linke und die kreative rechte Gehirnhälfte, die oft vernbachlässigt wird. Aus Minnesota liegt eine Studie aus einem Kloster vor, dessen Nonnen für ihr anspruchsvolles geistiges Leben bekannt sind. Nach deren Tod fand man in den Gehirnen zwar die Alzheimer-typischen Ablagerungen, die Krankheit war jedoch bei keiner Nonne ausgebrochen. Das tägliche Training hatte sie kompensiert.

  • Sport betreiben. Drei- bis viermal pro Woche eine halbe Stunde alle großen Muskelgruppen trainieren durchblutet den ganzen Körper. Und damit auch das Gehirn, das immerhin 20 Prozent des Sauerstoffs abzapft. Hervorragend für ältere Menschen (gute Gelenke vorausgesetzt) ist das Tanzen, weil es gleich mehrere Hirnregionen – physische, soziale, kognitive – trainiert.

  • Neugierig sein. Malen, Musizieren, Lesen: Gut ist, was die Neugierde weckt, weil es das Alzheimer-Risiko verringert.  Das verlängert das geistig fitte Leben im Schnitt um vier Jahre.

  • Klug essen. Der erklärte Feind des Gehirns ist überraschenderweise Bauchfett. Im Alter begünstigt es entzündliche Reaktionen, die wiederum dem Gehirn schaden (das gilt auch für Zahnfleisch und Zähne). Was dem Gehirn aber guttut: Blaubeeren, Forelle (Omega-3- und -6-Fettsäuren), Nüsse, wenig und fettarmes Fleisch, mehr Eiweiß als Kohlehydrate, Wasser statt Fruchtsaft, wenig Zucker, wenig Salz, wenig gesättigte Fettsäuren. 

  • Kontakte pflegen. Und erweitern. Jeder will mal seine Ruhe haben. Entscheidend ist der Unterschied zwischen selbstgewähltem Alleinsein und unfreiwilliger Einsamkeit. Die aktiviert dieselben Gehirnareale wie etwa Verletzungen oder Entzündungen. Schmerz tut weh - auch physisch. Und er erhöht das Risiko für Schlaganfall, Demenz und Depression. Wer vorausdenkt beugt dem unvermeidlichen Verlust lebenslanger Wegbegleiter vor und erweitern regelmäßig seinen Aktionsradius.

  • Nicht auf die Technik verlassen. Zwei von drei Erwachsenen wissen noch ihre Telefonnummer aus Kindertagen. Ihre Handynummer wissen sie nicht, die weiß nur das Handy. Schlussfolgerung: Was man aktiv gelernt hat, behält man. Wo man sich auf die Technik verlässt, merkt man sich nichts.

  • Hohe Erwartungen an sich selbst haben. Für einen Versuch spielte man Bewohner eines Altersheims die Musik ihrer Jugend vor und gab ihnen dann einige Aufgaben zu lösen. Sie schafften sie und schnitten auch bei IQ-Tests deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. Warum? Weil sie sich in eine Zeit zurückbeamten, wo sie sich alles zutrauten. Wer sich mehr zutraut, schafft auch mehr. Und wem viel zugetraut wird, der schafft es auch. Womit wir wieder beim 80-jährigen Leopold Stieger sind: Es ist nie zu spät, sich hohe Ziele zu stecken. Und sei es nur, um dem geistigen Abbau entgegenwirken.

 

 

 

 

 

 

 

 

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