Das proukrainische Finale

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39 Präsidentschaftskandidaten kämpften um den Einzug in die Stichwahl. In ersten Exit-Polls führt der Newcomer Selenski mit 30 Prozent. Poroschenko ist abgeschlagen an zweiter Stelle mit 18 Prozent.

Kiew. Ljudmila Trofimowa hat ihre Entscheidung um halb neun Uhr früh getroffen – eine halbe Stunde nach Öffnung der Wahllokale. Die Kiewerin stimmte bei der ukrainischen Präsidentenwahl am Sonntag für Amtsinhaber Petro Poroschenko und setzte damit auf Kontinuität. Er habe bereits Erfahrung gesammelt, begründet sie ihren Entscheid. „Wenn jemand Neuer kommt, will er alles wieder neu erfinden“, sagte die fitte 68-Jährige vor einem Wahllokal im Bezirk Petschersk. Poroschenko, dessen Image zuletzt durch Korruptionsskandale schwer angekratzt wurde, habe „viel erreicht“, erklärte die Pensionistin und zählte ihre Argumente auf: visumfreie Einreise für Ukrainer in der EU, die Unabhängigkeit der ukrainischen orthodoxen Kirche und eine effizientere Bürokratie. Den klaren proeuropäischen Weg des Landes unterstütze sie. „Die Hilfe Europas ist wichtig für uns.“

Die weitere Annäherung des Landes an Europa stellte freilich keiner der drei Favoriten infrage. Sowohl Poroschenko als auch seine Herausforderer Julia Timoschenko und der Comedian Wolodymyr Selenskij sehen die Zukunft des Landes in einer Annäherung an die EU – und die Nato. In ihrem prowestlichen Kurs unterscheiden sie sich in Nuancen.

Stand bei früheren Präsidentenwahlen in dem osteuropäischen Land der prowestlichen Orientierung stets ein starkes russlandfreundliches Lager gegenüber, sind diese Kandidaten in dem aktuellen Wahlgang auf die hinteren Plätze gerutscht. Dies ist ein Ausdruck der Veränderungen, die sich in den vergangenen fünf Jahren infolge des Maidan und der nachfolgenden Konflikte mit Moskau ereignet haben. Kurz gesagt: Mit einem dezidiert prorussischen Programm sind heute in der Ukraine keine Wahlen mehr zu gewinnen. Die Annexion der Krim durch den Kreml und der andauernde Krieg im Donbass haben die Bürger zusammengeschweißt. Und: Die in diesen Gebieten traditionelle prorussische Wählerschaft ist großteils abhandengekommen.

Kritik am Modell Poroschenko gibt es dennoch zuhauf. Vorwahlumfragen sahen ihn auf dem zweiten Platz hinter dem populären Comedian Selenskij. Der gibt sich in Sachen Russland gemäßigter als Poroschenko, spricht in Interviews auf Russisch und hoffte im Wahlkampf auf ein Vieraugengespräch mit Putin. Aus gestriger Sicht schien eine Stichwahl Poroschenko gegen Selenskij am wahrscheinlichsten. Dennoch sprachen selbst Soziologen mit großer Vorsicht über die Umfrageergebnisse.

Der Wahltag verlief zunächst relativ ruhig. Alle Wahllokale, auch im Konfliktgebiet im Osten des Landes, wurden geöffnet. Knapp 30 Millionen Bürger waren wahlberechtigt. Die Zentrale Wahlkommission berichtete, dass bis 15 Uhr 44,79 Prozent ihre Stimme abgegeben hätten. Die Wahllokale schlossen nach Redaktionsschluss um 20 Uhr Lokalzeit (19 Uhr MESZ). Mit Auszählungsergebnissen war erst am späten Abend zu rechnen.

„Ich glaube an ihn. Vielleicht.“

Im Plattenbauviertel Darniza am linken Ufer des Dnipro waren beide Lager zu finden: Anhänger des Präsidenten und dessen Herausforderers Selenskij. Vor dem Wahllokal Nummer 800392 gab sich der 21-jährige Dima Olegowitsch als Anhänger des „neuen Gesichts“ zu erkennen. Selenskijs Auftritte und sein bisheriger erfolgreicher Lebenslauf hätten ihn überzeugt. „Ich glaube an ihn“, sagte der junge Mann mit dem tätowierten rechten Arm. Wobei, gewisse Zweifel würden bleiben, gesteht der 21-Jährige: Selenskij sei unerfahren in der Politik.

Diese Unerfahrenheit hat Nikita Alexandrowitsch dann doch abgeschreckt. Der 28-Jährige hat seine Stimme Poroschenko gegeben – auch wenn er nicht der ideale Kandidat sei. Immerhin: „Er verteidigt unser Land vor der russischen Aggression.“ Selenskij erschien vielen zwar sympathischer als der oft hölzern wirkende Poroschenko – aber kann der Newcomer ein Land führen, das in einer so schwierigen Lage ist wie die Ukraine? Und inwieweit würde sich sein vornehmlich im Internet und TV geführter Wahlkampf in realen Stimmen widerspiegeln?

Auch die in Umfragen drittplatzierte Julia Timoschenko kämpfte um den Einzug ins Finale. Sie wählte am Sonntagvormittag im Bezirk Podil – umringt von Fans, die ihr Blumen überreichten. Auch Bulat – unter diesem Namen stellte sich der bärtige Mann mit dem weißen Rosenstrauß vor – ist Anhänger Timschenkos. Gemeinsam mit anderen Soldaten des 34. Bataillons wollte er die 58-Jährige seiner Unterstützung versichern. „Sie hat uns im Jahr 2014 sehr geholfen.“ Timoschenko habe damals dem Bataillon Ausrüstung gekauft. Die Männer, von denen einige auf dem Donezker Flughafen gekämpft haben, sind heute Veteranen. „Sie ist eine Kriegerin“, so Exsoldat Bulat anerkennend.

Ersten Exit Polls lassen Unterstützer von Selenskijs jubeln

Timoschenko gab sich gewohnt kämpferisch: „Ich stimme für die Veränderungen, auf die alle warten!“ Veränderung, das war ihr Motto im Wahlkampf, in dem sie Präsident Petro Poroschenko frontal angriff. Sie werde gewinnen, erklärt die Chefin der Vaterlandspartei. Versucht hat sie es schon mehrmals. Bisher ist sie stets gescheitert: 2010 gegen Viktor Janukowitsch. Und zuletzt 2014 gegen den derzeitigen Amtsinhaber, Petro Poroschenko.

Tischtennistische, grüne Sitzsäcke und blinkende Bildschirme: Im Pressezentrum von Wolodymyr Selenskij herrschte am Sonntag demonstrative Lässigkeit – unterlegt von pumpender Housemusik. Mit Infotainment, bereitgestellten Weingläsern und Snacks ließ man das Ende des Wahltags herankommen. Als kurz nach 20 Uhr Ortszeit die ersten Exitpolls eintrafen, jubelten die jungen Unterstützer Selenskijs auf: 30 Prozent für den Newcomer. Amtsinhaber Petro Poroschenko erreichte Nachwahlbefragungen zufolge rund 18 Prozent. Am Sonntagabend sahen alle Anzeichen danach aus, dass die Stichwahl am 21. April zwischen Poroschenko und Selenskij ausgefochten wird. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 45 Prozent. Während in Transkarpatien die Wahlbeteiligung unter dem Durchschnitt lag (25 Prozent), war sie im Donezker und Luhansker Gebiet, nahe der Konfliktzone, überraschend hoch.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2019)