Kunst, die Wurzeln schlägt

(c) Thibaut Voisin

In Zeiten des Klimawandels und drohenden Ökokollapses werden auch die Bäume zum Thema der Kunst.

Mit den 7000 Eichen, die Joseph Beuys im Vorfeld der documenta 7 in Kassel angepflanzt hatte, machte der deutsche Aktionskünstler die Bäume für die Kunst prominent. „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ betitelte er dieses Landschaftskunstwerk als mahnendes und heilendes Statement gegen die Verstädterung, das er zu einem Zeitpunkt schuf, als die Grün-Bewegung europaweit auf dem Vormarsch war. Ein Öko-Künstler avant la lettre ist hierzulande der gebürtige Tiroler Künstler Max Peintner.

Mit Bleistift und Kreiden arbeitete sich der studierte Architekt, der sich viel lieber mit der Theorie seines Fachs als mit Bauen beschäftigte, seit den späten Sechzigerjahren an Umweltthemen als großen Fragen des 20. Jahrhunderts ab: Autobahnen, Flugzeuge, Gräber, künstliche Wälder, versteinerte Landschaften sind typische Inhalte seiner ebenso visionären wie dystopischen Zeichnungen, in denen er unbeirrbar das Verhältnis von Natur und Zivilisation auf den Prüfstand stellt. Eines seiner Blätter – „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ aus den Jahren 1970/71 – steht derzeit Pate für eine der bislang größten Kunstinstallationen des Landes. Es zeigt ein Fußballstadion vor großstädtischer Kulisse, in das ein monumentaler „Baumblock“ mitten hinein gesetzt ist.

Eine Vision der Natur

„Es ging mir darum, in das Stadion einen Mischwald zu stellen, der von den Tribünen aus angeschaut werden kann wie Tiere im Zoo“, sagt er. „Die Leute hatten schon immer Angst vor der Natur, hier ist sie weggesperrt.“ Dass die düstere Vision in die Realität umgesetzt wird, war seinerseits nie intendiert. Sehr wohl vorstellen konnte sich das hingegen Klaus Littmann. Seit der Basler Kunstvermittler, Kurator und Künstler, der unter anderem bei Joseph Beuys studiert hatte, die Zeichnung vor über 30 Jahren in einer Ausstellung in Wien sah, ließen ihn das Bild und die Idee, es real zu inszenieren, nicht mehr los.

Baumblock. Eine zeichnerische Idee Max Peintners wird in Klagenfurt nun real umgesetzt.(c) Max Peintner

Nach langer Standortsuche bekam Littmann vor einigen Jahren einen Hinweis auf das meist leer stehende Klagenfurter Wörthersee Stadion. Errichtet für die Fußball-Europameisterschaft 2008, hatte es sich mit 30.000 Sitzplätzen nach der EM als viel zu groß dimensioniert erwiesen und wurde fortan in seiner Kapazität eher durch Popkonzerte denn Fußballmatches gefüllt.

Privatsponsoren wurden gefunden, mit der Stadt und dem SK Austria Kärnten konnte man sich auf eine mehrmonatige künstlerische Nutzung einigen, dem populistischen Aufschrei der Freiheitlichen zum Trotz. Landschaftsarchitekt Enzo Enea organisierte 299 verschulte Bäume, darunter Birken, Zitterpappeln, Stieleichen und Lärchen aus ganz Europa, die nun auf dem Spielfeld zum Mischwald arrangiert werden. Nicht zu rechnen war allerdings damit, dass sich Ende Mai just der Wolfsberger AC für die Gruppenphase der Europa League qualifizierte, das Uefa-taugliche Stadion nun aber fürs Heimspiel blockiert war, was die Emotionen der Fußballfans hochgehen ließ. Dank Ibiza-Affäre ist das Projekt nicht zuletzt in den Nationalratswahlkampf geraten.

„For Forest“ hat Littmann sein Projekt genannt: Es sollte ein Mahnmal für Achtsamkeit gegenüber der Natur und gegen den fahrlässigen Umgang mit den Ressourcen sein. „Der Wald soll als Kunstwerk und Skulptur wahrgenommen werden, als Symbol und als Sehnsuchtsort“, sagt Littmann. „Es ist ein Bild, das um die Welt gehen wird.“ Nun ist es zur Punktlandung geworden.

Regenwald. Cássio Vasconcellos rekonstruiert das Gefühl der Faszination bei der Begegnung mit dem Unbekannten.(c) Cassio Vasconcellos

Die Intelligenz der Bäume

Das Bewusstsein für, aber auch das Wissen um die Bäume als lebende Organismen und ihren Stellenwert für Gegenwart und Zukunft stehen im Mittelpunkt einer faszinierenden Ausstellung in der Pariser Fondation Cartier, die mit ihrer gläsernen Museumsarchitektur aus der Feder Jean Nouvels inmitten eines Stadtgartens selbst ein Kunstwerk ist. „Die interdisziplinäre Schau versammelt Beiträge von Künstlern und Wissenschaftlern, die sich in ihrem Schaffen mit Bäumen sowohl als ästhetisch-politischem wie auch biologischem Phänomen beschäftigen“, sagt Ausstellungskuratorin Isabelle Gaudefroy. Der Brasilianer Luiz Zerbini etwa lässt in seiner hyperrealistischen, installativ erweiterten Malerei wuchernde Urwaldszenarien und Momente des Urbanen aufeinanderprallen.

In Fabrice Hybers arkadischen Bildern fungiert der Baum als Symbol für rhizomatisches Denken und Evolution, zugleich setzt der Künstler mit der Aussaat von 500.000 Baumsamen auf einer aufgelassenen Weide in Südwestfrankreich ein aktives Zeichen gegen den Klimawandel. Poetisch scheinen darauf die Zeichnungen von Francis Hallé zu antworten; erst auf den zweiten Blick entpuppen sie sich als botanische Studien von Pflanzen des Regenwalds. Dem gegenüber stehen Cássio Vasconcellos’ feinziselierte Radierungen, die von der Magie und Faszination der Entdeckung des Regenwalds aus Perspektive der Pioniere erzählen. Das Architektenduo Leonardi & Stagi schließlich hat über Jahrzehnte ein Bauminventar mit Hinblick auf die Gestaltung urbaner Freiräume unter besonderer Berücksichtigung von Schattenwürfen und Farbwirkungen entwickelt.

Es hat eine geradezu zwingende Logik, dass sich die Ausstellung im Museumsgarten fortsetzt, dessen historischen Anker eine prächtige, 1823 vom Dichter Chateaubriand gepflanzte Zeder bildet. Um sie legte der Deutsche Lothar Baumgarten ein Theatrum Botanicum an, das zugleich Installation und Bühne ist. Die Wildnis des Gartens selbst wiederum gibt Skulpturen von Agnès Varda, Giuseppe Penone und – nochmals – Fabrice Hyber Schutz und Raum. Thijs Biersteker schließlich bringt zusammen mit dem Biologen Stefano Mancuso Bäume mittels Sensoren zum Sprechen – gleichsam als Modell für die Intelligenz pflanzlicher Organismen und Impuls, dass die Menschheit eines Tages vielleicht doch bereit ist, auch von den Bäumen zu lernen.

Tipp

„For Forest": Das Kunstprojekt im Wörthersee Stadion wird von einem umfang­reichen Rahmenprogramm begleitet, darunter Ausstellungen, Filmen, Konzerten, ­Lesungen und eine Burgtheater-Aufführung (9. 9.–27. 10.). www.forforest.net


„Trees/Nous Les Arbres“. Die Ausstellung ist in der Pariser Fondation Cartier bis zum 10. November zu sehen. www.fondationcartier.com