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Geymüllerschlössel: Orientalisches Biedermeier in Pötzleinsdorf

Einst mit Minarett ausgestatteter Sommersitz, später Künstler-Salon, heute MAK-Expositur: Das Geymüllerschlössel in Pötzleinsdorf erhält einen Schauraum zur eigenen Geschichte.

Erbaut 1808 bis 1810 im Auftrag des Bankiers Geymüller, weist es die typischen Merkmale des damaligen Stils auf: „Der barocke Grundriss ist dreigliedrig und öffnet sich im Obergeschoß über einem großen Kuppelsaal zum Garten hin“, erklärt Kathrin Pokorny-Nagel, Kuratorin im MAK, die sich eingehend mit dem Gebäude beschäftigt und den Dokumentationsraum über die Geschichte der Villa eingerichtet hat.

„Die südlich gelegene Fassade wurde mit einer Säulenarchitektur samt Palmettenkapitellen, maurischen Kielbogenfenstern im Erdgeschoß und neogotischen Spitzbogenfenstern im Obergeschoß akzentuiert.“ Ein Minarett gab dem Bau einen markanten Stil, musste aber wegen bautechnischer Mängel um 1828 abgetragen werden. Umgeben war das Schlössel von einem 10.000 m2 großen Biedermeiergarten. „Trotz eingehenden Quellenstudiums ist es mir nicht gelungen, den Architekten ausfindig zu machen“, bedauert Pokorny-Nagel. „Möglicherweise war es der Hofarchitekt Louis von Montoyer, der in Brüssel das Lustschloss Laeken mit ähnlichen architektonischen Spezifika gebaut hat.“

Sommerfrische-Garantie

Gedacht war das Geymüllerschlössel als Sommersitz – und das ist es auch viele Jahrzehnte geblieben. Es gab also weder Heizung noch Wasserleitung, natürlich kein Bad, das Trinkwasser musste täglich mit dem Pferdewagen gebracht werden – eine Art von Sommerurlaub, die bei den Reichen und Schönen üblich war, mit ausreichend Personal, versteht sich. Bis 1842 blieb das Gebäude im Besitz der Geymüllers, dann folgten zahlreiche Besitzerwechsel. Im Frühjahr 1888 erwarb es der Großindustrielle Isidor Mautner anlässlich des 32. Geburtstags seiner Frau, Jenny. Es sollte für die nächsten 50 Jahre den Lebensmittelpunkt der Familie Mautner bilden. Dazu musste es natürlich winterfest gemacht und modernisiert werden. „1910 entstand ein kleiner ovaler Raum, als Moschee eingerichtet und mit orientalischen Motiven ausgemalt, die offene Loggia wurde vergrößert. Darüber entstand eine große offene Terrasse. Durch einen Anbau an der westlichen Seitenfront wurde die Symmetrie des Hauses so geschickt verändert, dass die Fassade von außen ihr einheitliches Erscheinungsbild behielt“, erklärt die Kuratorin.

Blick in den Salon mit wieder hergestellter Möblierung und Wandgestaltung.
Blick in den Salon mit wieder hergestellter Möblierung und Wandgestaltung.MAK

„Verschwender-Villa“

Die Mautners führten ein reges gesellschaftliches Leben und scharten viele Künstler um sich. Das Schlössel wurde „Mautner-Villa“ oder „Verschwender-Villa“ genannt, Hausmusik, Dichterlesungen und Theateraufführungen fanden statt. Zu den ständigen Gästen zählten Richard Strauss, Max Reinhardt, Paula Wessely, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten. Die Weltwirtschaftskrise zwang Mautner 1929, das Schlössel an die Oesterreichische Nationalbank zu verpfänden, 1944 wurde die Hypothek formell „arisiert“. Nach dem Krieg kaufte Franz Sobek, Direktor der Staatsdruckerei, das Schlössel und versuchte es vor dem kompletten Verfall und Abriss zu retten. Eine Monsteraufgabe. „Immerhin war das Gebäude seit fast 20 Jahren unbewohnt, das hatte den alten Mauern zugesetzt, Deckenbalken und Kamine mussten komplett ersetzt und Wassereinbrüche und Schimmelbefall beseitigt werden“, weiß Pokorny-Nagel. Schließlich übernahm die Republik die Renovierungskosten, Sobek vermachte ihr seine Sammlung von Uhren, Bildern und Möbeln. Seit 1967 gehört es zum Österreichischen Museum für angewandte Kunst, dem MAK.

Der neue Schauraum über die Geschichte des Hauses.
Der neue Schauraum über die Geschichte des Hauses.MAK

Neuer Blick aufs Biedermeier

1990 wurde es generalsaniert. „Bis dahin verstand man unter Biedermeier ein kleinbürgerliches, kitschiges Lebens innerhalb der eigenen vier Wände. Erst die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat gezeigt, wie falsch dieses Bild war – vor allem in Bezug auf Farbigkeit und Ornamentik. Bevorzugt wurden kräftige Farben, die Einrichtung war eher ,clean‘ und ,straight‘“, sagt Pokorny-Nagel. Statt des Schönbrunnergelbs entstand die weiß-rosa Originalfassade, innen wurden Wandgestaltung, Raumnutzungskonzept und Möblierung wiederhergestellt. Auch der Park wurde wieder integriert. „Seither bilden Park, Gebäude und Einrichtung eine geschlossene Einheit, wie sie in dieser Art sonst nirgendwo in Wien existiert“, versichert Pokorny-Nagel.

Zum Ort, zum Objekt

Pötzleinsdorf wurde schon 1112 als „pezelinesdorf“ urkundlich erwähnt, der Name soll der Sage nach auf einen Ritter der dortigen Burg zurückgehen, der einen Bären gezähmt habe und „Petzler“ genannt worden sei. Die Grundherrschaft war über die Jahrhunderte wechselvoll, 1801 kam der Wiener Bankier Johann Heinrich Geymüller in den Besitz des Gebietes.
Sein Bruder Johann Jakob Geymüller ließ 1808 das Geymüllerschlösschen als Sommerhaus der Familie in nächster Nähe des Pötzleinsdorfer Schlosses errichten.

1892 kam Pötzleinsdorf als Teil des 18. Bezirks, Währing, zu Wien. Heute ist das „Klein-England“ mit den vielen Villen am Stadtrand eine beliebte, gehobene, ruhige Wohngegend.
Wohnungen kosten in Währing zwischen 5888 Euro/m2 (im Bestand) und 6958 Euro/m2 (Neubau Erstbezug). Zur Miete zahlt man im Neubau Erstbezug rund 13,91 Euro/m2

Ausstellungstipp: www.mak.at