Großbritannien

Tod im Container

In diesem Lastwagen fand die britische Polizei die Leichen von 39 Menschen.
In diesem Lastwagen fand die britische Polizei die Leichen von 39 Menschen.APA/AFP/BEN STANSALL

39 Menschen starben in einem Lastwagen, der in einem Industriepark in der Nähe von London abgestellt worden war. Der Fahrer, ein 25-jähriger Nordire, wurde festgenommen.

London/Wien. Der Lastwagen mit der roten Führerkabine, dem großen, weißen Container und dem bulgarischen Kennzeichen war fast nachlässig in einer lang gezogenen Linkskurve im gesichtslosen Industriegebiet in Grays, einer 73.000-Einwohner-Stadt rund 30 Kilometer östlich von London, geparkt. Ein 25-jähriger Lenker aus Nordirland hatte den Lkw dort abgestellt. Am Mittwoch, in den frühen Morgenstunden, fand die britische Polizei in dem großen Fahrzeug die Leichen von 39 Menschen, 38 Erwachsenen und einem Teenager.

Bei einer Pressekonferenz am Mittwochvormittag erklärte eine nach Luft ringende Polizeisprecherin, dass weder die Todesumstände noch die Nationalitäten oder Identitäten der 39 Toten klar seien. Man müsse sich auf „langwierige Ermittlungen“ gefasst machen. Der Lkw-Lenker wurde wegen Mordverdachts festgenommen und verhört.

Das Fahrzeug ist vor zwei Jahren in der bulgarischen Stadt Varna angemeldet worden und gehört einer Spedition, die von einer Irin geführt wird. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Fahrzeug vermutlich von der belgischen Hafenstadt Seebrügge per Fähre in den ostenglischen Hafen Purfleet einreiste. Vermutlich handelt es sich bei den 39 Toten um Flüchtlinge, die von Schleppern nach Großbritannien gebracht werden sollten. Bestätigen wollte das zu diesem Zeitpunkt freilich niemand.

Der Fall weckt in Österreich Erinnerungen an den August 2015: Damals wurden in einem an der A4 bei Parndorf im Burgenland abgestellten Kühl-Lkw 71 Leichen gefunden. Die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran waren erstickt, bereits auf ungarischem Boden. Die vier Hauptangeklagten wurden von einem ungarischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt.

In Großbritannien sind nach derzeitigem Stand mehrere Szenarien möglich: Der Lkw startete in Bulgarien, durchquerte Europa und reiste per Fähre von Frankreich in die Republik Irland ein. Davon gingen die britischen Ermittler anfangs aus. Laut dem Chef des britischen Verbands der Spediteure, Richard Burnett, könnte das Fahrzeug mit der Fähre von Cherbourg in Frankreich nach Rosslare in Irland übergesetzt haben. Dort seien Kontrollen sehr unwahrscheinlich, vor allem, wenn es sich um Fahrzeuge handelt, die vom europäischen Festland kämen, sagte er gegenüber der BBC.

Fahrzeuge, die über Calais und Dover nach Großbritannien einreisen, werden strengen Checks unterzogen (inklusive Herzschlag- und Infrarot-Detektoren sowie Spürhunden), um illegale Einwanderer zu entdecken. In drei bis vier Tagen sei die Route zwischen Bulgarien und Grays zu schaffen. Die irische Polizei überprüft derzeit, ob der Lkw bzw. der Container durch Irland unterwegs war und vom Hafen Dublin nach Holyhead in Wales übersetzte.

Zuletzt ging die Polizei aber von der Variante aus, wonach der Lkw vom belgischen Hafen Seebrügge aus Kurs auf Purfleet in Ostengland genommen haben könnte. Angeblich ist der Lkw kurz nach ein Uhr morgens (Ortszeit) in Großbritannien angekommen.

Neue Fluchtrouten?

Die Route über Irland wäre jedenfalls eine außergewöhnliche, die für Schlepper bisher nur eine kleine Rolle gespielt hat. Zwar berichtete die BBC vor einiger Zeit darüber, dass die irische Grenze eine „Schwachstelle“ sei. Die Zeitung „Daily Mail“ schrieb von einer möglichen „Verlängerung der Balkanroute“ bis nach Großbritannien, Fälle gab es aber nur sehr vereinzelt. „Die Route über Irland macht stutzig“, sagt der österreichische Experte für Schlepperkriminalität und Menschenhandel im Bundeskriminalamt, Gerald Tatzgern, im Gespräch mit der „Presse“. „Doch Schleppungen sind selten rational nachvollziehbar, auch wenn der Weg länger ist oder umständlicher.“ Derzeit gibt es jedenfalls eine Zusammenarbeit von österreichischen, bulgarischen und britischen Ermittlern sowie Europol, weil eine Schleppergruppe versuche, Menschen nach Großbritannien zu schleusen. Ob der aktuelle Fall damit zusammenhängt, ist jedoch unklar.

Das Thema Migration – ob legal oder illegal – ist auf der britischen Insel allgegenwärtig und für Brexit-Befürworter einer der Hauptgründe für einen EU-Austritt: Der starke Zustrom bedeute massiven Druck auf Gehälter, Schulen, Gesundheitswesen und Infrastruktur.

FAKTEN

Am Mittwoch in den frühen Morgenstunden wurden in einem Lkw, der auf einem Industriegelände in Grays, 30 km südöstlich von London, geparkt war, 39 Tote gefunden. Der Lkw war auf eine Firma in Varna, Bulgarien, angemeldet, die einer Irin gehört. Der Lkw-Lenker, ein 25-jähriger Nordire, wurde festgenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2019)

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