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Britisches Königshaus

Harry, Meghan und die Vertreibung aus dem Paradies

The Duke and Duchess of Sussex visit Canada House
Die Herzogin (2. v. l.) und der Herzog von Sussex begannen das Arbeitsjahr mit einem Termin im Londoner Canada House.REUTERS

Ganze sechs Wochen nahm sich das Herzogspaar von Sussex, Prinz Harry und Meghan Markle, eine Auszeit von den königlichen Pflichten. Sie verbrachten sie in Kanada. Daheim wartete bereits wieder die kritische Presse.

Es hätte ein strahlender Neubeginn werden sollen, ein frischer Start ins neue Jahr, ein Energiekick für 2020, der Green Juice nach den Feiertagen. Prinz Harry, Herzog von Sussex, und Meghan Markle, Herzogin von Sussex, schickten sich am Dienstag an, neu anzufangen. Blitzlichtgewitter, breites Lächeln, geschüttelte Hände, gehaltene Händchen.

Der Termin im Canada House - der diplomatischen Vertretung Kanadas in London - war am Montag avisiert worden; auf den ersten Blick war er nicht besonders überraschend. Immerhin wird das Herzogspaar von Sussex von seiner Chefin, der britischen Königin Elizabeth II., mit Vorliebe für Commonwealth-Termine eingesetzt; die Herzogin selber - eine US-Amerikanerin - lebte vor ihrer Ehe mit Prinz Harry viele Jahre lang in Kanada. Am Dienstagnachmittag würden die beiden dort also ihr Arbeitsjahr beginnen.

Kampf der Empörten

Dem vorausgegangen waren eineinhalb Monate, in denen sich das Paar samt sechs Monate altem Sohn aus dem öffentlichen Leben verabschiedet hatte. Und aus Großbritannien. In Kanada, in einem abgeschiedenen Millionenanwesen auf Vancouver Island am Pazifik, wollten Markle und Prinz Harry in Ruhe die vorangegangenen Monate verdauen - und überlegen, wie es mit ihnen weitergehen sollte. 2019 war nicht ihr Jahr gewesen. Dinge, die der Prinz und Markle als Modernisierung des royalen Habitus verstanden haben mochten, kamen in der konservativen britischen Klatschpresse alles andere als gut an. Von der Geburt des Sohns, die einige Stunden lang geheim gehalten worden war, über seine Taufe, von der keine Details an die Öffentlichkeit gelangen durften, und den Sommerurlaub am Mittelmeer, zu dem Herzog und Herzogin mit dem Privatjet flogen, um anschließend eine Kampagne für klimafreundlicheres Reisen zu starten, bis hin dazu, dass die Herzogin ihren von Prinz Harry entworfenen Verlobungsring neu gestalten ließ: Nichts passte, alles war verkehrt.

Während das Paar letztlich vor laufender Kamera darüber klagte, welchem Druck, welcher ungerechten Behandlung es ausgesetzt sei, und begann, juristisch gegen Medien vorzugehen, beharren die Kommentatoren auf ihrem Recht, jede Handlung der beiden zu zerreißen. Die Argumentation lautet stets ungefähr so: Wenn die Öffentlichkeit schon die Hochzeit des Paars - im Frühling 2018 - bezahlt habe, und auch heute noch für die Königsfamilie in die Tasche greife, dann dürfe man wohl, bitteschön, nach Lust und Laune kritisieren.

Vor allem Markle gegenüber, die vor ihrer Hochzeit Fernsehschauspielerin war, nimmt sich keiner ein Blatt vor den Mund. Die einen machen sich über ihre „amerikanische Art“ lustig, die anderen verhöhnen sie als selbstverliebte Diva. Auf Social Media wird Markle gnadenlos beleidigt und mit Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Warum eigentlich? Das weiß keiner mehr so genau: Die selbstbewusst auftretende 38-Jährige, als Tochter einer alleinerziehenden Afroamerikanerin in Los Angeles aufgewachsen, einst politisch aktiv und früher Lifestyle-Bloggerin, polarisiert die royale Fangemeinde seit ihrem Eintreten in den Windsor-Kosmos. Und manche britischen Boulevardzeitungen befeuern diese Polarisierung seit jeher: Empörung bringt eben auch Klicks.

Doppelbödige Auftritte

Beobachter der britischen Königsfamilie orten mittlerweile eine offene Hetzjagd der britischen Presse auf das Paar - und beteiligen sich teils selbst daran. Der Prinz und seine US-amerikanische Ehefrau scheinen die Wogen nicht erfolgreich glätten zu können: Ihre Auftritte mögen für manche modern und ehrlich sein - für andere machen sie alles nur noch schlimmer.

Der Termin bei der kanadischen Vertretung in London fällt erneut genau in diese Kategorie. Denn: Prinz Harry und die Herzogin wollten sich so für ihre Zeit in Kanada bedanken - dabei hatten sie wochenlang verschwiegen, wohin sie überhaupt verreist waren. Erst, als die „Daily Mail“ die Familie ausgeforscht hatte, gab es eine Bestätigung ihres Aufenthaltsortes durch den Buckingham-Palast. Danach also ein Dankeschön-Besuch. Diese Doppelbödigkeit bringt die ohnehin schon Empörten noch mehr in Rage: Wie kann man sich bei einem großen Event, in aller Öffentlichkeit ausgetragen, mit Hundertschaften von Fotografen im Schlepptau, für eine private Reise bedanken, die man unbedingt privat, ja nahezu geheim halten wollte? Verbrächte etwa Prinz William, Prinz Harrys älterer Bruder, mit seiner Familie einen ruhigen, geheimen Urlaub in Frankreich, würde er auch nicht die gesamte diplomatische Vertretung der Franzosen in London zusammentrommeln lassen, um Merci zu sagen, schimpfen die Kommentatoren.

Eine Frage des Gespürs

Damit wurde letztlich auch aus dem frischen Start am Dienstag ein Event mit schalem Beigeschmack. Die Messer waren schon bei der Ankündigung der Termins gewetzt - dem Prinzen und der Herzogin wurde wieder einmal schlechtes PR-Gespür vorgeworfen. Sollte das Paar irgendeine Hoffnung gehabt haben, die Klatschreporter und Beobachter würden ihnen eine sanfte Landung vergönnen, ist sie wohl bereits wieder dahin.

Das schenkt in Großbritannien - aber auch in den Commonwealth-Staaten - einer Vermutung Auftrieb: dass Prinz Harry und Markle letztlich vielleicht ganz weggehen werden aus der Heimat des Prinzen. Mutmaßlich sogar nach Kanada, um dort im Dienste der Krone tätig zu sein. Was ihnen nämlich niemand absprechen kann, ist der Erfolg ihrer Auftritte. Die Queen, heißt es, schätze den Arbeitsethos ihres Enkels und seiner Gemahlin, und beide begeistern bei Auftritten durch Charisma und Offenheit. Für das Paar könnte sich ein - noch so erzwungener - Abgang aus England vielleicht letztlich sogar wie eine Erlösung anfühlen. Der Palast wollte sich jedenfalls nach dem Termin am Dienstag nicht zu „Spekulationen“ äußern.

(epos)

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