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Iran/Ukraine

Video zeigt vermutlich Abschuss der Boeing über Teheran mit Luftabwehrrakete

Das Unglücksflugzeug, fotografiert im März 2018 am Flughafen Düsseldorf, Deutschland.Arno Janssen/www.jetfotos.de
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Die „New York Times" bekam ein im Iran von einer namentlich genannten Person gemachtes Video, das recht verräterisch sein dürfte. Zudem gibt es weitere Indizien für einen Abschuss durch die Iraner - und dass womöglich Spuren verwischt werden.

Nach dem Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran am Mittwochmorgen verdichten sich die Hinweise auf einen versehentlichen Abschuss durch eine iranische Boden-Luft-Rakete als Ursache. Die Regierungen in Kanada, den USA und Großbritannien haben nach eigenen Angaben Informationen, die darauf hinweisen. Diese Theorie wird US-Medienberichten zufolge auch in den USA verfolgt.

Offiziell wird die Ursache weiter im Iran untersucht. Das Flugzeug mit Kurs Kiew und 176 Menschen an Bord war am Mittwoch wenige Minuten nach dem Start abgestürzt, kurz nachdem der Iran zwei von US-Soldaten genutzte Stützpunkte im Irak mit ballistischen Boden-Boden-Raketen bombardiert hatte. Bei dem Absturz gab es keine Überlebenden.

Der Iran weist Spekulationen über einen Abschuss bisher zurück und führt einen Defekt als Ursache an. Die Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines flog allerdings erst seit 2016, war also noch ziemlich neu. Deutsche „Planespotter" haben sie 2018 auf dem Flughafen Düsseldorf fotografiert - siehe das Bild am Beginn der Geschichte und unten ein Link zu den Planespottern. Unter den Absturzopfern waren 63 Kanadier meist mit ethnisch iranischem Hintergrund.

Kanada, Großbritannien und die USA geben mittlerweile an, über zahlreiche Indizien bis Beweise für einen Abschuss durch eine iranische Rakete zu verfügen, etwa Augenzeugen, Radarsignaturen, Daten elektronischer Aufklärung und Satellitenbeobachtungen.

Lichtpunkt jagt über den Himmel

Letztlich publizierte die „New York Times" ein von einem namentlich sogar genannten Beobachter in Teheran gemachtes Video, das den Abschuss zeigen soll. Man erkennt bei genauem Hinsehen links unten über dem Gebäude im Vordergrund einen weißen Lichtpunkt, der schnell und geradlinig in den noch dunklen Himmel steigt und bei Sekunde eins explodiert. Der Lichtpunkt müsste die Düse der Rakete anzeigen. Etwa zehn Sekunden später ertönt ein Donnerschlag, was wegen der hier anzunehmenden Schallgeschwindigkeit auf eine Entfernung von rund dreieinhalb Kilometern vom Beobachter hinweist. Die Erschütterung löst, wie man hören kann, sogar Alarmanlagen (von Autos?) aus.

Das Flugzeug selbst ist allerdings nicht explodiert, sondern schwer beschädigt noch kurz weitergeflogen und abgesackt. Eine solche Explosion ist wegen des Wirkmechanismus vieler Flugabwehrraketen allerdings auch nicht zwingend, sofern nicht die Kerosintanks getroffen werden.  

Der Chef der iranischen Behörde für die zivile Luftfahrt, Ali Abedsadeh, hat sich am Freitag skeptisch zu diesem und anderen Videos geäußert. Die Echtheit der Aufnahmen könne nicht verifiziert werden.

Im Internet kursieren Indizien für einen Abschuss

Im Internet kursierten bereits am Donnerstag Indizien für einen Abschuss. Fotos zeigen den vom eigentlichen Raketenkörper abgetrennten Radarsuchkopf einer Rakete vom Typ 9M330 oder 9M331 „Fakel". Solche Raketen werden von radargesteuerten mobilen Kurzstreckenflugabwehrsystemen des russischen „Tor"-Systems verschossen (Nato-Code: SA-15 Gauntlet), wie sie auch bei den iranischen Streitkräften benutzt werden. Einen solchen Suchkopf will ein iranischer „Bürger-Journalist" in der Nähe des Unglücksortes irgendwo in einem Straßengraben gefunden haben.

Nähere Angaben gibt es freilich bisher dazu nicht, vor allem keine, die eine Positionsbestimmung der Aufnahme erlauben. Diese Indizienlage ist daher durchaus zweifelhaft. Allerdings liegen solche Zielsuchköpfe, Hi-Tech-Produkte des Designbüros MKB Fakel in Chimki nahe Moskau, auch eher selten irgendwo herum.

Der mutmaßliche Suchkopf einer Fakel-Rakete.Twitter/Babak Taghvaee

Die Fakel-Raketen werden von bodengestützten Radars ihrer Werfereinheit per Funk gelenkt und in der Nähe des Ziels vom Zielsuchkopf zur Explosion gebracht. Einige Zweifler wandten ein, dass der Zielsuchkopf der Rakete doch einen Einschlag nicht überleben könne so wie jener, der im Internet kursiert. Allerdings müssen die Raketen ihr Ziel eben gerade nicht direkt treffen, da die Explosion schon in unmittelbarer Nähe, also mehreren Metern Abstand, ausgelöst wird, und der eigentliche Sprengkörper, der Metallstücke um sich schleudert, sich unterhalb des Annäherungssuchkopfs befindet. Er wird daher bei der Explosion abgetrennt und kann durchaus halbwegs intakt auf den Boden fallen.

Vergleich: eine Fakel (hier Subtyp 9K330)Tschechische Streitkräfte/military.cz/ausairpower.net

Wenige Stunden vor dem Absturz, den niemand überlebte, hatten die iranischen Streitkräfte wie erwähnt zahlreiche ballistische Boden-Boden-Raketen auf US-Stützpunkte im Irak verschossen, als Rache für die Tötung des legendären iranischen Generals Qassem Soleimani durch US-Drohnen Anfang Jänner. Daher wird spekuliert, dass die iranische Luftabwehr hypernervös in Erwartung eines US-Gegenschlags gewesen sein könnte - und irgendjemand das Flugzeug über Teheran als US-Bomber wahrnahm.

Russisches Tor-System im scharfen Schuss.Russische Streitkräfte/RT

Allerdings war der Flug nach Kiew, der um 6 Uhr 11 Ortszeit mit rund  einer Stunde Verpätung abhob, auch nicht der erste an diesem Morgen, sodass er eine „Überraschung" bilden hätte können. Laut Flugplan des Teheraner Airports hatte es in den Stunden nach Mitternacht mehrere Ankünfte sowie Abflüge gegeben, darunter nach Frankfurt, Istanbul und Wien.

Aufräumarbeiten und Plünderer

Unterdessen berichteten am Freitag westliche Journalisten, dass am Schauplatz des Absturzes eigenartige Vorgänge abliefen: Demnach hätten Arbeiter und Sicherheitskräfte fast alle Trümmer und sonstigen Absturzreste weggeräumt und an einen unbekannten Ort verbracht. In einem ersten Bericht der iranischen Zivilluftfahrtbehörde wird indes ein „sicherer Ort" als Ziel dieser Objekte angegeben, später wurde ein Hangar dafür genannt, wobei das Wegräumen eigentlich normal ist. Angeblich seien die Aufräumarbeiten aber übermäßig intensiv und würde mit schweren Maschinen stellenweise der Boden bearbeitet, wenn nicht planiert. Zudem seien zahlreiche Menschen als Plünderer auf dem nicht abgesperrten Gelände unterwegs. Stimmen die Vorwürfe, so wird damit der Schauplatz eines Unglücks bzw. möglichen Verbrechens verändert und die Beweissicherung erschwert bis vereitelt.

>>> Link zu den Planespottern.

>>> Mehr zum Raketenhersteller.