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Ökonom über Krugman: "Nehmen seine Kommentare nicht ernst"

Krugman Seine Kommentare nehmen
PAUL KRUGMAN(c) APA (EPA/OLIVIER HOSLET)
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Seitdem Krugman den Nobelpreis erhalten hat, macht er vor allem durch seinen Blog in der "New York Times" auf sich aufmerksam. Seine öffentlichen Eskapaden schadeten dem Popstar der Ökonomie nicht, sagt ein Kollege.

Wien. „Amerikas kontroversesten Ökonomen“ nannte „Newsweek“ Paul Krugman einmal. Das war 1996, der Nobelpreis lag in weiter Ferne, und der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist war in Österreich – von Fachkreisen einmal abgesehen – ein Unbekannter.

Das änderte sich schlagartig im Vorjahr, als er Österreich den baldigen Staatsbankrott bescheinigte. Dumm nur, dass sich daraufhin Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), zu Wort meldete und Krugman widersprach. Wenig später entzog der IWF dem umtriebigen Ökonomen sogar die Grundlage für seine These: indem der Fonds einen Rechenfehler eingestand.

Und der Popstar der Ökonomie ruderte zurück: „Ist Österreich dem Untergang geweiht? Natürlich nicht“, relativierte er in seinem Blog, was er erst wenige Tage zuvor zum Besten gegeben hatte. Doch für die Österreicher war er längst ein rotes Tuch. Das scheint ihn nicht zu stören, denn vergangene Woche setzte er seinen Streifzug durch Europas Meinungslandschaft fort: Die Verschärfung des Euro-Stabilitätspaktes nannte er einen „Vorschlag aus einer Fantasiewelt“ und den Deutschen Bundesbank-Chef Axel Weber eine „Gefahr für den Euro“. Nein, Krugman nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Nehmen ihn seine Kollegen überhaupt noch ernst?

„Als Wissenschaftler auf jeden Fall“, sagt der amerikanische Ökonom Walter Fisher, der seit 15 Jahren am heimischen Institut für Höhere Studien (IHS) tätig ist. Aber „seine öffentlichen Kommentare vielleicht eher weniger“. Denn man müsse den Wissenschaftler Krugman vom Journalisten Krugman unterscheiden. „Seine Kollegen schätzen seine Arbeit, und die Auszeichnung dieser mit dem Nobelpreis ist kaum umstritten. Aber da ist dieser andere Krugman, und den kann man eben mögen oder nicht“, so Fisher. Ob die Europäer diese beiden Krugmans auseinanderhalten könnten? „Das ist schwierig, wenn man sich nicht im akademischen Umfeld bewegt. Die meisten Menschen kennen ihn als kommentierenden Journalisten und wissen gar nicht, welch wichtigen Beitrag er für die Wissenschaft geleistet hat.“

 

Ein ungewöhnlicher Professor

Seitdem der Yale-Absolvent 2008 für seine Forschung zu Freihandel und Globalisierung den Nobelpreis erhalten hat, macht er vor allem durch seinen Blog in der „New York Times“ auf sich aufmerksam.

Der Titel „Das Gewissen eines Liberalen“ führt Europäer freilich in die Irre. In den USA vertreten die „Liberals“ wirtschaftspolitisch eher linke Positionen. Als klassischer Keynesianer empfahl Krugman denn auch Europa jüngst, noch mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen, anstatt zu sparen. Und brüskierte diesmal Deutschland. „Er ist eben auch Journalist und muss mit prägnanten Statements auf sich aufmerksam machen“, sagt Fisher vom IHS. Seinem Ruf unter Kollegen schade das nicht weiter, glaubt er: „Wann immer er einen wissenschaftlichen Artikel schreibt, wird er wieder und wieder rezensiert. Krugman ist ungewöhnlich – das ist sein Bonus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2010)