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Corona Briefing Tag 17

Italien wird der EU-Patient bleiben, ein erster Todesfall in der Nähe

Italien, der EU-Patient.
Italien, der EU-Patient.(c) Imago
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Sollten wir aus dem Corona-Gröbsten heraus sein, wird Italien offiziell das neue Griechenland. Und ein Todesfall im Bekanntenkreis.

Guten Morgen! Erlauben Sie mir heute etwas kürzer zu bleiben. Viel ist dieser sonderbaren Tage davon die Rede, dass wir uns, die Gesellschaft und Europa sich durch diese Krise verändern werden. Ich würde das gerne unterstreichen, kann es aber aufgrund fehlender Fakten und Erfahrungen nicht. Nur weil sich einsame Städter beim Spaziergang in Wien plötzlich grüßen, heißt das noch lange nicht, dass wir über der Baumgrenze leben. Aber vielleicht verzichten nach der Krise alle auf Ferndestinationen, Luxus und vermeintlich hedonistischen Wohlstand. Was aber fix ist und worauf sich die erfahreneren EU-Staatskanzleien bereits vorbereiten: Nach der Krise ist in der Krise. Sollten wir aus dem Corona-Gröbsten heraus sein, wird Italien offiziell das neue Griechenland, muss also als Euro-Mitglied entweder aus der Währung raus oder mit Milliarden aufgefangen werden. Was finanziell kaum machbar ist und eine echte Endzeit-Debatte für die EU bringen wird. (Auch ohne Euro-Bonds, sondern mit den Milliarden des nach wie vor breit aufgespannten EU-Rettungsschirms.)

Immer wieder fragen Leser warum eigentlich die ganze Welt verrücktspielt, wenn eine neue Krankheit unter den von ihr Infizierten weniger Menschen tötet als viele andere Krankheiten. Köksal Baltaci hat auf diese Frage eine Antwort zu formulieren versucht, die ich als Laie gut verstehe: „Was macht also das aktuelle Coronavirus mit der Bezeichnung Sars-CoV-2 so außergewöhnlich? So unberechenbar? So gefährlich? Es ist der zumeist milde Verlauf der Erkrankungen. Infizierte verbreiteten das Virus unbemerkt quer über den Globus. Dabei spielt es gar keine Rolle, dass die Pandemie in den Wintermonaten der nördlichen Halbkugel ausbrach und viele Erkrankte die Symptome von jenen der klassischen Grippe nicht unterscheiden konnten. Denn rund die Hälfte aller Infektionen verläuft gänzlich ohne Symptome, die Betroffenen sind aber genauso ansteckend wie jene mit starken Beschwerden wie etwa hohem Fieber, Atemnot, Husten, Halsschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Verlust des Geruchs- bzw. Geschmackssinns. Das ist ein überaus seltenes Phänomen. Die durch Influenzaviren ausgelöste Grippe etwa bricht innerhalb weniger Stunden aus und setzt Erkrankte ein bis zwei Wochen außer Gefecht – in dieser Zeit, in der sie hochinfektiös wären, stecken sie für gewöhnlich niemanden an, da sie mit Fieber, Gliederschmerzen und extremer Abgeschlagenheit im Bett liegen. Weswegen sich jährlich nie mehr als fünf bis 20 Prozent der Bevölkerung infizieren.“

Ein für die Menschheit gefährlicher Virus ist also vor allem der, den die Menschen einfach nicht ernst nehmen. Deswegen ist die echte Grippe gefährlich harmloser.

Sebastian Kurz sagte bei einer seiner Pressekonferenzen am Wochenende warnend, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis jeder von uns zumindest eine Person kennen würde, die am Virus verstorben sei. Bei mir und vielen in meiner Branche ist das leider sehr schnell gegangen: Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Jani Newrkla Anfang dieser Woche im Alter von 74 Jahren an COVID-19 verstorben. Der Mann trug die Bezeichnung „Altwerber“ mit lässigem Stolz und wirkte trotz seiner beginnenden 70er vergleichsweise ziemlich fit. Newrkla war rund 20 Jahre als Creative Director, Geschäftsführer und Managing Partner bei Demner, Merlicek & Bergmann tätig. 2001 gründete er seine Bluetango, beriet viele strategisch, bevor das ein eigener Beruf wurde. Newrkla arbeitete vor Jahren auch für die „Presse“, ich war – damals Ressortleiter – von seinen Sujets und seiner Linie nicht übertrieben begeistert. Das sagte ich ihm auch. Dass ich das leider noch von kaum einer (Presse)-Kampagne war, leider nicht.

Zuletzt bin ich ihm vor ein paar Monaten begegnet, seine Familie hatte ein atemberaubend bescheiden-schönes Haus in Wien 19 zum Verkauf inseriert, das ich mir nicht leisten könnte und Newrkla wohl auch nicht mehr. Er schenkte uns eine lange Führung. Er wusste natürlich, dass mir die Mittel fehlten, ich wusste, dass er es wusste. Wir sprachen über moderne Kunst, moderne Architektur, die alte und neue Presse, Wien und seine Kreativen. Ich sagte höflich, aber doch ehrlich, dass ich einmal für meine Enkel auch so cool sein wollen würde wie er als Alt-80er-Jahre-dabei-gewesener 2019 noch immer. Wir tranken grinsend einen Espresso und meinten beide, dass sich in dieser Stadt natürlich niemals viel ändern könnte. Leider gerade doch.

Bis morgen! Norbert Hofer hat eine Story von mir auf Instagram geliked. (Böse Anglizismen, phöse!) Morgen ruf ich ihn an.

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