Coronakrise

Posse um US-Flugzeugträger kostet Marineminister den Kopf

Thomas Modly hatte über den Captain der USS „Theodore Roosevelt" gespottet, den er vorige Woche entlassen hatte, weil dieser in einem öffentlich gewordenen Hilferuf um Evakuierung seines Schiffs bat.

Die Affäre um den nuklear betriebenen US-Flugzeugträger „Theodore Roosevelt", wo es kürzlich einen massiven Ausbruch von Corona an Bord gegeben hatte, hat nun auch ein politisches Opfer gefordert: Marineminister Thomas Modly musste am Dienstag (Ortszeit) zurücktreten, nachdem er abfällige Bemerkungen über den Kapitän der Roosevelt gemacht hatte. Dieser, Brett Crozier, war seinerseits erst vorige Woche von Modly abgesetzt worden.

Modly (*1960) hatte Crozier (50) vorgeworfen, er habe sich seiner Mannschaft gegenüber als "zu naiv oder zu blöd" verhalten, nachdem dieser in einem Brief an die Militärführung die Evakuierung seines Schiffs, das aktuell vor Guam im Westpazifik liegt, gefordert hatte. Interimistischer Nachfolger von Modly als politischer Chef der U.S. Navy im Pentagon wird dessen Stellvertreter Jim McPherson, ein pensionierter Konteradmiral.

Die Causa bietet alle Voraussetzungen für eine Hollywood-Verfilmung: Auf der Roosevelt mit ihren mehr als 5000 Besatzungsmitgliedern waren vor wenigen Wochen Coronaverdachtsfälle aufgetreten. Sie war im Südchinesischen Meer unterwegs und hatte unter anderem den Hafen Da Nang in Vietnam besucht; es gilt allerdings als unklar, ob das Virus von dort aus an Bord fand.

Brett Crozier als Captain der Roosevelt im Dezember 2019.U.S. Navy/REUTERS

Ende März lief die Roosevelt Guam an, doch die Besatzung durfte tagelang nicht an Land, da die lokalen Behörden und Militärs des US-Außengebiets mit seinen rund 165.000 Einwohnern eine Einschleppung des Virus fürchteten.

E-mail über unsichere Kanäle

Am 30. März sandte Captain Crozier darauf E-mails an die Führung der Navy in Washington, mehrere regionale Marinestäbe sowie Einzelpersonen, in denen er um die Evakuierung des Schiffs bat, weil die explosive Ausbreitung der Viren angesichts der beengten Verhältnisse und Gemeinschaftseinrichtungen an Bord unvermeidlich sei und Todesfälle drohten. Seine Leute sollten bis auf 1000 Mann, die man für den Notbetrieb brauche, zumindest in zwei Schichten für je 14 Tage an Land gelassen und dort isoliert werden.

Die Theodore Roosevelt vor Guam.U.S. Navy

Das Problem war, dass Crozier die Mails über offene, nicht abhörsichere Kanäle schickte, auch an Personen, die nicht in der vorgesehenen Kommandokette ware, und dass er seinen unmittelbaren Vorgesetzen, Konteradmiral Stuart Baker, zunächst nicht informierte - obwohl dieser  ebenfalls auf dem Schiff anwesend war.

Einen Tag später berichteten US-Medien von Croziers „Hilferuf". Wie der durchgesickert war oder ob Crozier ihn absichtlich durchsickern ließ, ist nicht bekannt. Die Marinespitze lehnte die Evakuierung nun auch öffentlich ab, knickte allerdings schon am nächsten Tag ein und stimmte Croziers Plan zu. Wenig später wurde der Captain, der die Roosevelt erst vorigen November übernommen hatte, aber von Modley abgesetzt.

Begründung: Missachtung der Befehlskette, Benutzung unsicherer Kommunikationskanäle, Verunsicherung der Besatzung und deren Verwandter, Setzung eines schlechten Beispiels von Führung gegenüber potenziellen Gegnern, zumindest fahrlässige Beihilfe zur Publikation eines Navy-internen Schreibens. Im Übrigen sei die Marine bereits dabei gewesen, die Evakuierung vorzubereiten, nur habe es eben einige Tage dafür gebraucht, vor allem, um Hotels auf Guam zu requirieren und in Isolierstationen umzubauen.

Auch der Captain ist erkrankt

Bis Dienstag (Ortszeit) zählte man 230 Coronafälle auf der Roosevelt. Und auch Captain Crozier, der im Amt von seinem Vorgänger auf dem Träger ersetzt worden ist, seinen Rang aber behält, hat sich Covid-19 eingefangen.

Die Roosevelt aktuell im Hafen von Guam.imago images/UPI Photo

Die erwähnten abfälligen Bemerkungen, die nun auch dem Marineminister den Kopf kosteten, hatte dieser, Modly, wiederum am Wochenende bei einer Rede an die Crew der Roosevelt vor Ort in Guam gemacht. Dorthin war er nach der Absetzung Croziers geflogen, und wie bis Montag durchsickerte, griff er in seiner Rede verbal daneben. So sagte er, Crozier sei „zu naiv oder zu dumm gewesen, um kommandierender Offizier eines Schiffes wie diesem (der Roosevelt, Anm.) zu sein".

Rücktrittsforderungen der Demokraten

Rasch schossen sich hohe Politiker der Demokraten auf den Marineminister ein: Verteidigungsminister Mark Esper solle ihn entlassen, denn sein Stil passe in dieser schweren Zeit nicht zur Navy, sagte etwa Elaine Luria, Mitglied des Repräsentantenhauses und Ex-Marineoffizierin. Die 44-Jährige aus Virginia war mehr als 20 Jahre in der Navy, sie war unter anderem für Marschflugkörper und Atomreaktoren zuständig und kommandierte zuletzt 2014 bis 2017 einen Verband mittelgroßer und kleiner amphibischer Landungsschiffe im Atlantik.

Auch die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, forderte Modlys Abgang. Dieser verteidigte noch am Montag seine Wortwahl, fiel aber am selben Tag um und entschuldigte sich in einem Statement, das doch etwas sophistisch gedrechselt wirkt und Crozier indirekt eines Fehlverhaltens bezichtigt: „Genau, weil er (Crozier, Anm.) nicht naiv und dumm ist, glaube ich, dass er sein alarmierendes Mail in der Absicht geschickt hatte, dass es in die Öffentlichkeit gelangt, aus einem Versuch heraus, sie auf die Lage auf seinem Schiff aufmerksam zu machen."

Er ist durchaus vom Fach

Modly war auch erst seit November Marineminister gewesen, mit dem Beisatz „amtsführend". Er kommt durchaus vom Fach: Geboren nahe Cleveland (Ohio), absolvierte er 1983 die Marineakademie, wurde Marinehubschrauberpilot und blieb sieben Jahre in der Flotte. Danach ging er in die Wirtschaft, etwa zu Softwarefirmen, lehrte Politikwissenschaft an der Luftwaffenakademie und war zuletzt führender Manager beim internationalen Unternehmensberater PricewaterhouseCoopers.

Er folgte auf Marineminister Richard Spencer, der seinerseits wegen Vertrauensverlusts gefeuert worden war - es ging dabei um eine Affäre um einen Elitesoldaten der Navy SEALs, der Kriegsverbrechen im Irak beschuldigt, aber von einem Kriegsgericht freigesprochen worden war.

US-Präsident Donald Trump sagte am Montagabend (Ortszeit), die Äußerungen Modlys seien "eine derbe Stellungnahme" gewesen. Der Kapitän habe mit dem Schreiben des Briefs aber auch einen "Fehler" gemacht, er glaube jedoch, dass beide "gute Menschen" seien. Er selbst habe keine Rolle bei Modlys Rücktritt gespielt.