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Ostern mit Netflix & Co: Hypes, Geheimtipps und gut Verstecktes

Ein berückendes, poetisches Debüt: Jérémy Clapins „I Lost My Body“.
Ein berückendes, poetisches Debüt: Jérémy Clapins „I Lost My Body“. Zu sehen auf Netflix.Netflix
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Wer Ostern nicht mit der Familie verbringt, hat vielleicht Zeit für Filme: In den vergangenen Monaten haben sich auf den Streaming-Diensten einige (Eigen-)Produktionen angesammelt, die es zu entdecken gilt.

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Der Schacht

Von Galder Gaztelu-Urrutia, 2020
Zu sehen auf Netflix

Achtung: Ein Film für die soziale Isolation ist „Der Schacht“ nicht. Oder eben doch. Kommt ganz darauf an: Wer Ablenkung von den beklemmenden Gegebenheiten heischt, sollte einen weiten Bogen um diesen kafkaesken Thriller machen. Wer fiktionale Überzeichnungen unangenehmer Szenarien als Entspannungsventil zu nutzen versteht, könnte hingegen Gefallen an seiner düsteren Versuchsanordnung finden. Gar nicht so wenige Menschen gehören offenbar zu Gruppe zwei: In vielen Streaming-Charts ist „Der Schacht“ Spitzenreiter. Worum geht's? Ein Mann wacht in einer Betonzelle auf, freiwilliger Proband eines groß angelegten Sozialexperiments. Oben wie unten stapeln sich weitere Zellen mit Zufallsinsassen. In der Mitte ein Aufzug, der tägliche Zehrung bringt. Von der umso weniger bleibt, je tiefer sie sinkt. Nur Ausdauer steigert die Chancen auf Klassenmobilität. Unter diesen Umständen ist mit niemandem gut Kirschen essen. Was wird siegen: Menschlichkeit oder Dschungelgesetz? Und gibt es einen Ausweg? Der Spanier Galder Gaztelu-Urrutia inszeniert den Überlebenskampf pointiert und effizient. Als Parabel über Ungleichheit bleibt „Der Schacht“ jedoch in seinen schematischen Sichtweisen eingemauert.

I Lost My Body

Von Jérémy Clapin, 2019
Zu sehen auf Netflix

Abseits von Prestigetiteln etablierter Größen tummeln sich im Netflix-Stall nur wenige Filme, die das Attribut „poetisch“ verdienen. Umso erfreulicher, wenn gerade ein Debütant dem abgeschmackten Verb zu neuem Streaming-Glanz verhilft. Mit seiner Animationsperle „J'ai perdu mon corps” hat sich der Franzose Jérémy Clapin schlagartig zu einem Hoffnungsträger des europäischen Zeichentrickkinos gemausert. Sie handelt vom jungen Naoufel, der seine Eltern bei einem Unfall verloren hat und nun nach einem Platz in der Welt sucht. Und von einer abgetrennten Hand, die auf dem Weg zurück zum Körper alle fünf Finger aufs Spiel setzt. Ein magisch-realistischer Entwicklungsroman voller berückender Melancholie. Das Genre des High-School-Films ist eng an die Frühlingszeit geknüpft. Das hat mit seiner tendenziell pubertären Gesinnung zu tun. Aber auch damit, dass die dramaturgisch ergiebigsten Ereignisse des nordamerikanischen Schuljahres – die Ferienekstase des „Spring Break“ (siehe „Spring Breakers“ auf Netflix) und der „Prom“-Schulabschlussball – in diese Zeit fallen. Frühlings Erwachen also, nur bei Hauspartys und auf dem Footballfeld. Eine der sonnigsten High-School-Rom-Coms ist nach wie vor „10 Dinge, die ich an Dir hasse“, die „Der Widerspenstigen Zähmung“ nach Suburbia verlegt. Heath Ledger und Julia Stiles raufen sich zu den Klängen von 1990er-Indierock zusammen: Eine Freude!

Coffee & Kareem

Von Michael Dowse, 2020
Zu sehen auf Netflix

Das polizeiliche Abspielen von „I am from Austria“ zwecks öffentlicher Moralhebung wurde unlängst zurückgefahren. Als Ersatz böte sich ein Song aus einem Film an, der Österreichs Image im Ausland wie kein zweiter mitgeprägt hat: „The hills are alive with the sound of music“, schmettert Julie Andrews am Anfang des berühmt-berüchtigten Hollywood-Klassikers (der auf Deutsch „Meine Lieder – meine Träume“ heißt) vor saftiger Bergwiesenkulisse – gedreht wurde tatsächlich in Salzburg-Umgebung. Die Meinungen bezüglich der politisch unterfütterten Breitwand-Romanze über die trällernde Trapp-Familie gehen auseinander, doch seine ausladende Bildgewalt überrumpelt bis heute. Wohlklingende Frühlingsgefühle gegen die Enge in der Brust.

State Funeral

Von Sergei Loznitsa, 2019
Zu sehen in der Arte Mediathek

Die Glocken läuten: Stalin ist von uns gegangen. Was für ein Verlust! Könnte man meinen, wenn man in die entgeisterten Gesichter sowjetischer Menschen blickt. Gebannt lauschen sie, wie Lautsprecherdurchsagen den Krankheitsverlauf ihres Führers darlegen. Doch in der Luft liegt keine Trauer, sondern Angst. Sergei Loznitsa, einer der klügsten Historiker des Gegenwartskinos, ordnet in „State Funeral“ zensiertes Archivmaterial aus den 1950ern neu an. Der schier endlose Abgesang des Diktators erscheint hier als das, was er war: eine groteske Masseninszenierung mit Teilnahmepflicht. Vergangenes Jahr feierte der Film in Venedig Premiere, aktuell kann man ihn gratis bei Arte streamen.

Der Report

Von Scott Z. Burns
Zu sehen auf Amazon

Zwei Türme aus Papier stapeln sich vor Daniel Jones (Adam Driver). Tausende von Seiten, die ein US-Gewissen wieder aufrichten sollen, das vom verheerenden Angriff auf zwei Türme aus Stahl und Beton umgeworfen wurde. Das Konvolut enthält einen minutiösen Bericht über die „Enhanced Interrogation Techniques“, die die CIA im Krieg gegen den Terror sanktioniert hat – und die allem Anschein nach weder wirksam noch rechtlich (geschweige denn ethisch) vertretbar waren. Es geht um Folter. Doch Amerika foltert nicht. Der Ruf des Geheimdiensts steht auf dem Spiel. Und dieser will sich nicht von einem idealistischen Bürokraten wie Jones in die Suppe spucken lassen. Ein langwieriger Wahrheitskampf entbrennt. Scott Z. Burns, der das Drehbuch zum aktuell weltberühmten Virenfilm „Contagion“ geschrieben hat, wagt sich mit dem Politdrama „The Report“ (das 2019 beim Sundance-Filmfestival Premiere feierte) aus dem Schatten seines Freundes und Skriptnehmers Steven Soderbergh heraus. Im Protokollstil rollt er die verbissenen Bemühungen Jones' wieder auf, staatlichen Machtmissbrauch ans Licht zu bringen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass gut Ding Weile braucht – und Opfer fordert.

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