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Gefangen im selbstgebastelten Labyrinth: Schräge Filme für schräge Zeiten auf Netflix & Co.

Gefährliche Fallen im Papp-Labyrinth: „Dave Made a Maze“, zu sehen auf Amazon Prime.Foton Pictures
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Viel Druck und wenig Ablass: Ein bisschen drehen wir derzeit alle am Rad. Doch seltsames Verhalten ist eine menschliche Konstante. Fünf verquere Filme zur Versöhnung mit dem Krisen-Klescher.

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Dave Made a Maze

Von Bill Watterson, 2017
Zu sehen auf Amazon

Man sitzt zuhause, kramt in Gedanken, brütet verbissen am Schreibtisch. Trotzdem will nichts weitergehen. Vielleicht ist einfach Ablenkung gefragt, ein kreatives Ventil. Etwa ein Labyrinth aus Pappkarton. Genau das baut sich der Bummelant Dave (Nick Thune) mitten ins Wohnzimmer. Und verkriecht sich umgehend ganz tief in seinem Meisterwerk. Als Freundin Annie nachhause kommt, ist sie über die neue Deko nicht sehr erfreut. Doch der Pantoffeldaidalos hat sich in seiner Schöpfung verlaufen. Nun muss ein Rettungsteam aus Freunden und Bekannten den Einkartonierten ausfindig machen. Aber Achtung: Sein papierener Irrgarten ist mit allerlei tödlichen Fallen gespickt! Und irgendwo in seinen Windungen lauert ein gemeingefährlicher Minotaurus. „Dave Made A Maze“ ist die bislang einzige Regiearbeit des hauptberuflichen Schauspielers Bill Watterson. Sie kommt betont amateurhaft daher, ganz wie ihr Hauptschauplatz. Doch die leger verspielte Stimmung ihrer Mischkulanz aus Fantasy, absurder Sitcom und Michel-Gondry-Bastelfilm charmiert. Dank handgemachter Kulissen und Spezialeffekte, aber auch als liebevolle Parabel über Verantwortungsflucht in verschrobene Privatprojekte. Vorsicht: Nicht nachbasteln!

 

Under the Skin

Von Jonathan Glazer, 2013
Zu sehen auf Sky

Jonathan Glazers „Under the Skin“ wirkt wie ein Film von einem anderen Stern. Passend, dass die Hauptfigur von einem solchen kommt. Gespielt wird sie von Scarlett Johansson, die hier ihr Image als Sexsymbol dekonstruiert. Als Alien in Frauengestalt cruist sie durch Schottland, auf der Suche nach einsamen Männern, die sie verführt und in tintenschwarze Todesfallen lockt. Bis sich so etwas wie Menschlichkeit im Anderswesen regt – und es nachhaltig durcheinanderbringt. Pendelnd zwischen Doku-Realismus und extremer Künstlichkeit lebt diese Sci-Fi-Kuriosität von philosophischer Abstraktion, betörend befremdlicher Atmosphäre und einem lasziven Gänsehaut-Soundtrack der britischen Komponistin Mica Levi.

 

Hesher

Von Spencer Susser, 2010
Zu sehen auf Amazon

Jungbub T.J. (Devin Brochu) ringt nach dem Unfalltod seiner Mutter mit sich selbst. Er ist wütend, fühlt sich verlassen. Bis Hesher (Joseph Gordon-Levitt) in sein Leben platzt. Fraglos kein guter Umgang: Ein rüpelhafter Heavy-Metal-Aussteiger mit Hang zur Gewalt und (Selbst-)Zerstörung. Aber auch ein zwangloser Lebensguru und Spielkamerad. Jedenfalls besser als niemand. Mit ihm und einer Supermarktkassiererin (Natalie Portman) sucht T.J. nach neuem Halt. Und findet ihn nach ein paar brachialen Abenteuern tatsächlich. Eine Coming-of-Age-Story über Traumaverarbeitung, die ihren Balanceakt zwischen Rohheit und Sentiment erstaunlich gut hinbekommt – Pyrotechnik inklusive. Ein verschütteter Geheimtipp.

 

El bar

Von Alex de la Iglesia, 2017
Zu sehen auf Netflix

Dass der Tagestrubel einer Großstadt funktioniert, liegt nicht zuletzt daran, dass man einander aus dem Weg gehen kann. Dem bunten Haufen Madrider, die das Ensemble dieses sardonischen Streitstücks des spanischen Extremsatirikers ?lex de la Iglesia bilden, ist besagtes Privileg nicht vergönnt. Zufällig weilen sie in einer Bar, als draußen Schüsse und Menschen fallen – und sperren sich verängstigt ins Lokal. Doch die wahre Gefahr lauert innen, in den brodelnden Spannungen zwischen Schickse und Hipster, Sandler und Geschäftsmann. Langsam aber sicher gehen die Nerven aus dem Leim, eine Eskalation jagt die andere – da hilft auch kein Sicherheitsabstand. „Geschlossene Gesellschaft“ für Hartgesottene.

 

Ralfs Farben

Von Lukas Marxt, 2019
Zu sehen auf Flimmit

Filmkritiker Adrian Martin bezeichnete „Ralfs Farben“ im letzten Viennale-Katalog als würdigen Beitrag zum Kanon der „unfassbar seltsamen Filme“. Ganz so exzentrisch ist dieses poetische Dokumentarstück dann doch nicht – aber man braucht fraglos etwas Zeit, um sich in seiner wundersamen Welt zurechtzufinden. Sie gehört nämlich dem an Schizophrenie erkrankten Ralf Lüddemann, der früher einmal Gleitschirmflieger war und nun auf Lanzarote, in einer kargen Behausung unweit eines Staudammes, ein Eremitenkünstlerdasein führt. Der Film, ein Langzeitprojekt des Steirer Videoavantgardisten Lukas Marxt, taucht rückhaltlos in seine innere Wirklichkeit ein. Surreale Steppen-Panoramen und Ansichten modernistischer Architektur mischen sich mit Aufnahmen Ralfs, wie er durch die Gegend flaniert, Wasser sammelt oder nachts im Schein einer Straßenlampe zu Robbie Bashos „Leaf in the Wind“ zu tanzen beginnt. Untermalt von seinen irrlichternden Gedankengängen, die bei aller wahnhaften Undurchdringlichkeit Momente poetischer Klarheit aufweisen: Ralfs Sozialkritik, Philosophie und utopische Vision finden dabei in eigentümlichen Wortschöpfungen gleichsam schamanischen Ausdruck.

 

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