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War die Katastrophe vermeidbar?

Katastrophe vermeidbar
Brille(c) REUTERS (THOMAS PETER)
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Am Tag danach mehrten sich schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter. Fragen zur Tragödie von Duisburg.

1 Was genau führte zu dem Unglück? Warum brach Panik aus?

Der Zugang zum Festivalgelände führte über einen etwa 20 m breiten und 200m langen Tunnel. Nach Berichten von Augenzeugen spielte sich zwischen 16 und 17 Uhr Folgendes ab: Menschenströme wälzten sich Richtung Eingang, gleichzeitig gab es aber schon eine Gegenbewegung von Besuchern, die das Gelände verließen. In und um den Tunnel wurde das Gedränge unerträglich, Menschen kollabierten und gerieten in Panik, manche versuchten, über eine gesperrte Nottreppe und ein Lautsprechergerüst auf das Gelände zu gelangen. Dabei verloren einige den Halt und stürzten ab. Dies löste die Massenpanik aus.

2 Wo wurde der Zugang blockiert und warum?

Diese Frage war am Sonntag umstritten: Den Sicherheitsverantwortlichen zufolge sei das Gelände selbst nicht gesperrt gewesen, da es dort ja noch Platz gegeben habe. Man habe lediglich mehrmals den Eingang zu dem Tunnel gesperrt, um des enormen Ansturms besser Herr werden zu können. Einige Augenzeugen berichteten jedoch, das Gelände sei komplett gesperrt gewesen. Ein wesentlicher Punkt bei den Ermittlungen wird sein, welchen Einfluss die Sperre auf den Ausbruch der Massenpanik hatte.

3 War das Gelände groß genug für den Massenansturm?

Das hängt davon ab, wie viele Besucher tatsächlich erwartet wurden. Nach den Erfahrungen der letzten Loveparades musste man damit rechnen, dass die Zahl die Millionengrenze übersteigen kann. Das Festivalgelände selbst kann laut offiziellen Angaben bis zu 300.000 Menschen aufnehmen, war demnach also zu klein. Die Polizeigewerkschaft wirft den Veranstaltern Fahrlässigkeit vor: Die Menschen seien Opfer „materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der Kulturhauptstadt 2010 Druck ausgeübt“ habe, hieß es in einer Stellungnahme.

4 Gab es vorab Warnungen vor einer drohenden Katastrophe?

Ja, und zwar schon Tage und Wochen zuvor: Ortskundige haben in Internetforen das Unglück kommen sehen: „In meinen Augen is' das 'ne Falle. Das kann doch nie und nimmer gutgehen. Ich sehe schon Tote, wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmal über diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen“, schrieb ein User bereits am 7.Juni.

Auch kurz vor dem Unglück gab es zahlreiche Teilnehmer, die im Gedränge kaum noch Luft bekamen und die Polizei vor einer drohenden Massenpanik warnten.

5 Warum ging das Fest noch bis 23Uhr weiter?

Der Krisenstab entschied, die Loveparade aus Sicherheitsgründen nicht abzubrechen. Die Befürchtung, dass ein sofortiger Stopp zu einer weiteren, möglicherweise noch viel verheerenderen Massenpanik führen könnte, war zu groß. Während also die Sanitäter um das Leben von Schwerverletzten rangen und pausenlos Krankenwagen unterwegs waren, tanzten nicht weit davon entfernt tausende weiter zu den Technoklängen. Viele der Teilnehmer erfuhren erst Stunden später von dem Unglück?

6 Wie geht es nun weiter?

 

 

Zunächst ist die Staatsanwaltschaft am Zug. Sie ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und hat bereits zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt. Loveparade wird es in Deutschland keine mehr geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2010)