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Wie das Ammoniumnitrat in das Lager im Hafen von Beirut kam

Vom Hafen in Beirut blieb wenig übrig - im Bild das Epizentrum der Explosion.
Vom Hafen in Beirut blieb wenig übrig - im Bild das Epizentrum der Explosion.APA/AFP/Satellite image ©2020 Ma
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2013 legte ein moldauischer Frachter in Beirut an. Der Ex-Schiffsbesitzer behauptet, die Ammoniumnitrat-Ladung sei beschlagnahmt worden, weil sie als gefährlich eingestuft wurde.

Eine kleinere Explosion, Feuer. Zahlreiche Menschen blicken auf die Rauchsäule im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut, viele haben ihre Handykamera gezückt, als der große Knall kommt. Die Druckwelle der Explosion zerstört das Hafen-Viertel, mehr als 140 Menschen kommen ums Leben, Tausende werden verletzt.

Was das Feuer ausgelöst haben könnte, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Als Hauptverdächtiger für die Riesen-Explosion gilt Ammoniumnitrat, das seit 2013 im Hafen gelagert ist. Nach Regierungsangaben waren 2750 Tonnen ohne geeignete Vorsichtsmaßnahmen gelagertes Ammoniumnitrat explodiert, das vor Jahren beschlagnahmt worden war. Die Substanz kann für Düngemittel oder zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Der frühere Besitzer eines Frachtschiffes weist jegliche Verantwortung von sich. Sein unter moldauischer Flagge fahrendes Schiff "Rhosus" soll größere Mengen Ammoniumnitrat in den Libanon gebracht haben. Dabei legte das Schiff in Beirut nur deshalb einen Zwischenstopp ein, weil es technische Probleme gegeben haben soll.

Die Behörden des Landes hätten der Besatzung im November 2013 die Weiterfahrt untersagt und die Ladung beschlagnahmt, da sie als gefährlich eingestuft worden sei, sagte der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin der Zeitung "Iswestija". Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten.

Außerdem hätten die Behörden Bedenken wegen der Transportbedingungen des gefährlichen Stoffes gehabt, sagte er. Weil das Schiff nicht habe weiterfahren dürfen, sei sein Geschäft lahmgelegt gewesen. Er habe Strafe zahlen müssen und sei deshalb bankrottgegangen, behauptete der Geschäftsmann. Er wisse nicht, wer danach für die "Rhosus" verantwortlich gewesen sei.

Hafensteuer nicht bezahlt?

Das Frachtschiff war von Georgien nach Mosambik im Süden Afrika unterwegs. Der russische Kapitän Boris Prokoschew sagte der Zeitung, in Beirut habe zusätzliche Fracht abgeholt werden sollen. Weil die Hafensteuer nicht gezahlt worden sei, sei das Schiff festgesetzt worden. In anderen Berichten war auch die Rede davon, dass der Besatzung Treibstoff und Proviant ausgegangen seien. Alle Besatzungsmitglieder hätten das Land verlassen, sagte Prokoschew.

Nach Angaben der libanesischen Regierung vom Vorabend wurden bei der Explosion am Dienstag mehr als 135 Menschen getötet, etwa 5000 wurden verletzt. Die eingesetzte Untersuchungskommission habe "maximal vier Tage Zeit, einen detaillierten Bericht über die Verantwortlichkeiten vorzulegen", sagte der libanesische Außenminister Charbel Wehbe am Donnerstag im französischen Radiosender Europe 1. Die Verantwortlichen für dieses "schreckliche Verbrechen der Fahrlässigkeit" würden bestraft.

(APA/dpa)

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