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Verdacht

Fall Nawalny: Befunde weisen auf Gift hin

Alexej Nawalny liegt momentan in der Charité in Berlin.
Alexej Nawalny liegt momentan in der Charité in Berlin.(c) Imago
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Ärzte der Berliner Charité haben den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny untersucht – und sie fanden dabei deutliche Hinweise auf eine Vergiftung. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel verlangt von Russland volle Aufklärung.

Berlin. Seit Tagen blicken die Weltpolitik und die internationale Presse gebannt auf das markante Bettenhaus im Herzen Berlins, das die Aufschrift Charité trägt. Immer neue Spekulationen geisterten zuletzt darüber durch die deutsche Hauptstadt, wie es ihrem berühmtesten Patienten geht und warum er vor Tagen im Flugzeug über dem fernen Sibirien zusammengebrochen war. Wurde Alexej Nawalny vergiftet?

Während die Gerüchteküche brodelte, untersuchten die Mediziner der Charité-Klinik den bekanntesten Kreml-Kritiker über das Wochenende. Die Öffentlichkeit baten sie um „Geduld“. Am Montag um 16.12 Uhr verbreiteten sie dann eine Nachricht mit politischer Sprengkraft. Sie trägt den Titel: „Klinische Befunde weisen auf Vergiftung von Nawalny hin“. Konkret soll es sich um eine „Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ handeln.

Die Stellungnahme klingt nicht, als hätte das Team der Charité ernsthaft Zweifel an seinem Verdacht: Die Wirkung des Giftstoffes sei mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen worden, heißt es. Cholinesterase ist ein Enzym, das eine zentrale Rolle im Nervensystem von Menschen, Wirbeltieren und Insekten spielt. Hemmer des Enzyms werden vielfach eingesetzt, therapeutisch in Alzheimer-Medikamenten, aber auch in Pestiziden und in Nervengiften.

Was sind Cholinesterase-Hemmer?

- Cholinesterase ist ein Enzym, das für die normale Funktion des Nervensystems von Menschen, Wirbeltieren und Insekten entscheidend ist.

- Wirkstoffe, die das Enzym blockieren oder hemmen, können bei einer Vielzahl von Körperfunktionen Überaktivitäten auslösen, deren akute Folgen tödlich sein können.

- Solche Cholinesterase-Hemmer sind eine Gruppe chemischer Stoffe, die vielfältig Verwendung finden. Sie kommen unter anderem in Pestiziden zur Schädlingsbekämpfung zum Einsatz. Aber auch in Arzneimitteln zur Behandlung von Alzheimer und anderen Formen der Demenz finden sie Verwendung. Darüber hinaus kommen sie in chemischen Kampfstoffen und Nervengiften vor.

Die konkrete Substanz kennen die Ärzte noch nicht. Nawalny wird nun mit Atropin behandelt. Das Gegenmittel war auch dem russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verabreicht worden, der in Großbritannien mit Nowitschok vergiftet worden war.

Nawalnys Zustand beschreiben die Ärzte als „ernst“. Akute Lebensgefahr bestehe zwar nicht. Doch „der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher“. Auch „Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden“, teilte die Charité mit. Das Statement wurde „im Einvernehmen“ mit Nawalnys Ehefrau veröffentlicht und in der Annahme, „dass die öffentliche Mitteilung zum Gesundheitszustand in seinem Sinne ist“. Also im Sinne von Alexej Nawalny. Er kann nicht für sich selbst sprechen. Er liegt im künstlichen Koma.

Klare Worte von Merkel

Über den 44-Jährigen wachen nun nicht nur Ärzte von Weltrang, sondern auch das Bundeskriminalamt (BKA). Ein Paragraf erlaubt es, „ausländische Gäste“ in „besonders festzulegenden Fällen“ zu beschützen. Und der Fall Nawalny ist besonders. Während Ärzte im sibirischen Omsk weiter an der Erzählung strickten, wonach der Kreml-Kritiker nicht vergiftet worden sei, hegte das offizielle Deutschland längst den gegenteiligen Verdacht. Regierungssprecher Steffen Seibert überraschte schon am Montagvormittag mit einem wenig zurückhaltenden Statement, in dem er erklärte, dass Berlin mit einer „gewissen Wahrscheinlichkeit“ davon ausgehe, dass Nawalny vergiftet worden sei. Deshalb auch der Schutz durch das BKA.

Der Charité-Befund dürfte nun auch das deutsch-russische Verhältnis belasten. Nach dessen Veröffentlichung wählte auch Kanzlerin Angela Merkel deutliche Worte: „Angesichts der herausgehobenen Rolle von Herrn Nawalny in der politischen Opposition in Russland sind die dortigen Behörden nun dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins letzte aufzuklären – und das in voller Transparenz“, teilten die Kanzlerin und Außenminister Heiko Maas (SPD) mit. Die Verantwortlichen müssten „zur Rechenschaft gezogen“ werden. Nawalnys Umfeld hatte nie Zweifel an den Gründen seines Zusammenbruchs. Demnach sei der Oppositionspolitiker durch einen schwarzen Tee vergiftet worden, den er auf dem Flughafen in Tomsk getrunken hatte.

Sibirische Klinik wehrt sich

Bemerkenswert: Stunden vor der Charité-Stellungnahme hatte sich auch jene Klinik im sibirischen Omsk erneut an die Öffentlichkeit gewandt, in der Nawalny zunächst behandelt worden war – und die eine Vergiftung bald ausgeschlossen hatte. Der stellvertretende Klinik-Leiter behauptete am Montag, dass es bei der Diagnose „keinerlei Druck des Kreml“ gegeben habe. Auch die Führung in Moskau stritt jede Einmischung ab.
Nach der Charité-Mitteilung behaupteten die Gesundheitsbehörden in Omsk dann, dass Nawalny in der Vorwoche auf Cholinesterase-Hemmer hin getestet worden sei – und zwar mit negativem Ergebnis.

 

(strei)