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Leitartikel

Massentest – oder die Masse testen?

APA/AFP/CESAR MANSO
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Testen vor dem Meeting, testen nach einem Event. Die neuen Technologien ermöglichen, dass sich die Bevölkerung permanent selbst überprüft. Sie muss es aber auch wollen – und es sich leisten können.

Wie sinnvoll ist ein Massentest? Bei einem laufenden Experiment ist das schwer zu sagen. Am effektivsten wäre er wohl vor einem drohenden Lockdown (um ihn abzuwenden) statt unmittelbar danach – aber der Zug ist bekanntlich abgefahren.


Doch auch jetzt kann er helfen, Infektiöse herauszufiltern. Der Grat zwischen „politischem Aktionismus“ (©Epidemiologe Gartlehner) und sinnvoller Aktion ist aber schmal. Laut Experten entscheidet die konkrete Durchführung. So müsse der Test öfter wiederholt, positive Ergebnisse müssen nachgetestet werden, negative dürften nicht als Freibrief verstanden werden, und es sollten genug mitmachen. Viele Wenns. Zu denen ein paar Wies kommen: Wie werden die Labore die vielen PCR-Nachtestungen stemmen? Wie können die überlasteten Contact Tracer die Kontakte der Positiven nachverfolgen? Wie wird die Zusammenarbeit klappen, wenn wesentliche Akteure (Heer, Länder) überrumpelt wurden? Und wie sieht die Gesamttest-Strategie aus, von der Gesundheitsminister Rudolf Anschober spricht?

Letzteres wäre wichtig, denn es geht weniger um den Massentest, als darum, die Masse zu testen. Nämlich quasi ständig. Soweit ausreichend vorhanden, eröffnen die neuen Antigen- oder LAMP-Tests viele Möglichkeiten. Und dabei geht es eben nicht nur um die Zielgruppen oder Symptomatische (die zum Arzt gehören), sondern auch um die Breite. Mikrobiologe Michael Wagner nennt die US-Home-LAMP-Tests, die ohne Labor auskommen, Gamechanger. Ein Meeting steht an? Man testet sich.

Man besucht chronisch Kranke? Man testet sich. Weil Verschwendung nicht sein muss, könnte ein Leitfaden helfen zu erkennen, wann ein Home-Test Sinn hat. Wobei die Daheim-Variante Schönheitsfehler hat. Denn: Wie erfahren die Behörden von positiven Ergebnissen? Und: Auch billige Tests kommen auf die Dauer teuer. Das ständige Testen darf kein Exklusivprogramm für betuchte Besorgte sein. Insofern braucht es ein breites Angebot an öffentlichen Testoptionen, und auch Unternehmen, gerade aus dem Niedriglohnsektor, könnte man einbinden.

Womit wir zu einer heiklen Frage kommen. In Südtirol „motivieren“ Unternehmer ihre Mitarbeiter, beim Massentest mitzumachen: Wer nicht will, muss ins Home-Office oder wird freigestellt. Bei uns ginge das nicht, sagt Arbeitsrechtsexperte Franz Marhold. Freistellen bei vollen Bezügen sei zwar möglich, eine Testpflicht könne der Arbeitgeber aber nur mit besonderem Risiko (Gesundheitsbranche) oder spezieller Loyalität begründen. Letzteres betrifft Vertragsbedienstete und Beamte (Lehrer, Polizisten). Beim Massentest setzt Türkis-Grün aber sowieso auf Freiwilligkeit. Weil: Gegen einen Gratistest könne keiner etwas haben, oder? Es stimmt, Eigenschutz und Verantwortungsgefühl sprechen dafür.

Jedoch muss man (nicht nur beim Massentest) bedenken, dass gerade Symptomlose die „Scherereien“ der Quarantäne und das soziale Stigma mitunter scheuen. Denn auch in der Hinsicht ist Corona keine Grippe. Es ist wie beim Impfen: Man hätte vor allem gern, dass es die anderen tun. Insofern muss man daran arbeiten, Testen als „normal“ in den Alltag zu integrieren. Damit auch der wieder normal wird. Oder: normaler.