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Tobias Moretti: "Moral gibt es nicht mehr"

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Im Kino spielt Tobias Moretti Ferdinand Marian, den Darsteller des NS-Propagandawerks "Jud Süß". Im Interview spricht der Tiroler über den neuen Film, die historische Vorlage und eine neue bürgerliche Welt.

"Jud Süß": Auf der Berlinale hat der Film für Diskussionen gesorgt, diese Woche feierte er in Wien seine Premiere. Hauptdarsteller Tobias Moretti kommt entspannt zum Interview. In der Hotelbar, die ihn an einen Bahnhof erinnert, sinniert er über den „Ewigen Reisenden“.

 

Sind Sie ein ewiger Reisender?

Tobias Moretti: Nein, das ist ganz verschieden. Derzeit ist es ruhiger. Ich mache gerade eine schöne Arbeit, Yoko, einen absurden Kinderfilm. Ich bin der Antipode, der Bad Guy.

 

Sind Sie gern der Bösewicht?

Das ist die wahre Messlatte im Kinderfilm. Wenn man bei der Premiere mit Eiern und Tomaten beworfen wird, dann hat man alles richtig gemacht.

 

Dafür stehen die Chancen bei „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ auch ganz gut, der ist ja nicht nur auf Zustimmung gestoßen.

Es ist ein guter Film geworden. Es gibt partiell immer Dinge, die man sich anders vorstellt, aber was meine Figur betrifft, war die Arbeit eine gute. Spannend, provokativ und grenzgängerisch.

Wie haben Sie sich in den Schauspieler Ferdinand Marian hineinversetzt?

Es ging um zwei Schienen: Einmal Marian selbst, ein egozentrischer Schauspieler mit dieser damaligen spielastischen (übertriebenem Getue, Anm.) Dramatik und einem klaren Kalkül, der viele in seinen Bann gezogen hat. Marian ist durch diesen Film auch schauspielerisch zur Persona non grata geworden. Man hat ihm alle Fähigkeit aberkannt. Was falsch ist, denn er war ein toller, exzentrischer Theaterschauspieler. Die andere Schiene für meine Rolle war der Film im Film, wie Marian die Rolle spielt.

 

Wie haben Sie den Originalfilm empfunden?

Das erste Mal habe ich ihn vor 20 oder 30 Jahren gesehen, in einem Studentenkino. Da wurde gar nicht erkannt, wie gefährlich gut er gemacht war. Der Film wurde nur in einer eifrigen 68er-Haltung als billige, schlecht gemachte Propaganda verdammt. Das ist falsch und feige, dadurch kann man nie der Sache auf den Grund gehen. Es ist ja ein bis ins kleinste Detail perfider Film von unglaublicher Sogwirkung und indirekter Suggestion. Vor allem suggeriert er, dass „der Jude“ jemand wäre, der nur auf seinen Vorteil aus ist: dass die Elite des Menschentums sich über ein Kollektiv definiert sich über ein Kollektiv, und das Jüdische, Antideutsche definiert sich wie das Tier nur über das eigene Überleben definiert.

 

Was sagen Sie zur Debatte über die historischen Fakten, die im Film verändert sind?

Das war ein Presse-Selbstläufer, der jetzt gar nicht mehr relevant ist. Die fiktive Form der dramatischen Zuspitzung ist plausibel und seriös, das wird oft gemacht. Klarerweise kann man darüber streiten, aber es ist ja kein Film über Himmler, sondern über einen Schauspieler, der sich in sein eigenes Dilemma hineinmanövriert, bis er in seinem moralischen Dreck ersauft. Was Oskar Roehler, der Regisseur, sehr wohl mutig erzählt, ist die Leichtigkeit der gesellschaftlichen Elite, die deutliche Parallelen zur heutigen Situation zeigt. Wir tun immer so, als ob sich der Mensch in zwei Generationen neu erfunden hätte. Das hat er mitnichten.

 

Was hätten Sie an Marians Stelle getan?

Das kann man nie sagen. Ein Schauspieler ist auf einer Plattform ein Tänzer, der Pirouetten dreht, mit einer Mischung aus Kalkül, Intuition und Begabung als Leitfaden. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der die moralische Frage vom Bürgertum völlig abgelöst wurde. Es gibt keine Moral. Der Erfolg ist das Mittel. Und das ist gesellschaftsfähig.

 

Auch wenn es keine Moral mehr gibt: Sind die Ansprüche an Schauspieler trotzdem hoch?

Das ist nachvollziehbar: Die Religion ist in den wesentlichen Kulturen abgeschafft, wo gibt es dann noch eine moralische Instanz außer in der Kunst?

 

Gab es für Sie je ein unmoralisches Angebot?

Beruflich gibt es diese Schizophrenie zwischen Angebot und Selbstbetrug nicht in einem vergleichbaren Ausmaß. Ich habe das so jedenfalls nicht erlebt.

 

Es kann ja auf harmloserer Ebene laufen. Das lukrativere, prestigeträchtigere Angebot?

Geld ist für mich nie entscheidend gewesen. Und sonst gibt es nichts, wofür man jeden Verrat in Kauf nähme. Aber Opportunismus ist heute salonfähig. Wo man noch in den Neunzigern gesagt hätte, „das ist ein Wahnsinn, das würde ich nie machen“, ist man heute ein Depp, wenn man's nicht macht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2010)