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Revolution aus der Selbstbedienungsbox

Demografischer Wandel und Landflucht führen zu einem Umbruch in der ländlichen Nahversorgung.Wo sich der Supermarkt nicht mehr rentiert, wird künftig in Containern eingekauft.

Demografischer Wandel und Landflucht führen zu einem Umbruch in der ländlichen Nahversorgung. Wo sich der Supermarkt nicht mehr rentiert, wird künftig in Containern eingekauft.

Gäbe es den Begriff „strukturschwach“ nicht, man müsste ihn für diese Geschichte fast erfinden.

Im nördlichen Burgenland, zwischen Neusiedler See und Bratislava, liegt die 630-Seelen-Gemeinde Potzneusiedl, umringt von Feldern und Windrädern, soweit das Auge reicht. Highlight des beschaulichen Örtchens (andere würden es „trostlos“ nennen) ist zweifelsohne ein kleines denkmalgeschütztes Schloss. Sonst gibt es hier nicht viel, nicht einmal ein Geschäft. 2017 hat der kleine Dorfladen zugesperrt. Das Geschäft hat sich schlicht nicht mehr rentiert, zu gering waren die Frequenzen. Vier Jahre lang war die Gemeinde ohne Nahversorger, zum Einkaufen mussten die Potzneusiedler ins acht Kilometer entfernte Prellenkirchen fahren. Dort gibt es immerhin einen kleinen Spar.

Für den Bürgermeister war der Zustand kaum erträglich. Eine Gemeinde ohne Einkaufsmöglichkeit, das ist über kurz oder lang nicht gut für die Ortsentwicklung. Mit aller Kraft versuchte er, einen neuen Nahversorger auf die Beine zu stellen. Lang vergeblich, für etablierte Supermarktketten ist das Örtchen nicht lukrativ genug.

Seit Dezember hat Potzneusiedl wieder so etwas wie einen eigenen Nahversorger. Gleich neben dem Schloss steht seither ein 15 Quadratmeter kleiner Container mit verglaster Eingangsfront. Dieser soll neuerdings die Grundversorgung der Gemeinde übernehmen. Die Regale sind gespickt mit dem Nötigsten, knapp 500 Produkte zählt das Sortiment. Brot, Milch, Obst und Gemüse – fast alles aus der Umgebung, erzählt Katrin Schöggl, Betreiberin der Box. Dazu kommen Klopapier, Waschmittel und Schokolade, was man eben so braucht. Schöggl ist Franchise-Nehmerin von Kastl-Greissler, einem neuen Nahversorger-Modell, das gerade Schule macht und bei dem man ohne Personal einkaufen kann.

Die Idee dazu hatte Christoph Mayer. 2019 gründete der ehemalige Unternehmensberater die Firma, mit der er die Nahversorgung „revolutionieren“ will, wie er sagt. Seine Vision: Orte, in denen es keinen Dorfladen (mehr) gibt, mit einem kleinen Selbstbedienungsladen auszustatten, der vor allem mit Produkten aus der Region befüllt ist. „Wir wollen die Lücke in der Nahversorgung am Land schließen“, so Mayer. Das Konzept scheint zu funktionieren. Und es trifft einen Nerv.


Das Land als „Problemgebiet“. Potzneusiedl ist nicht die einzige Gemeinde in Österreich, die mit unbemannten Einkaufsboxen auf ein neues Nahversorgungsmodell setzt. Ein Jahr nach dem Start der ersten Greißlerbox öffnet Ende Jänner die 20. ihrer Art. Ende des Jahres soll es deren 60 in ganz Österreich geben, rechnet Mayer den ambitionierten Wachstumspfad vor. Auch nach Deutschland ist er mit seinem Konzept bereits expandiert. Die Jahresumsätze liegen pro Standort zwischen 70.000 und 100.000 Euro. Franchisenehmer zahlen pro Box einmalig 20.000 Euro, der Standort kann später fast beliebig gewechselt werden. Eine entsprechende Nachfrage gäbe es vielerorts. Der demografische Strukturwandel und eine zunehmende Landflucht führen nämlich auch zu einem Umbruch der ländlichen Nahversorgung. Das Problem ist bekannt. Die Bevölkerung in ruralen Gebieten dünnt sich zunehmend aus. Vor allem die Jungen zieht es in die Städte, zum Arbeiten oder Studieren. Die meisten von ihnen kommen nicht mehr zurück.

Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den Auswirkungen des demografischen Wandels. Diesen beschreibt das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) 2010 in einer Untersuchung des ländlichen Raums als „gewisse Gefahr, weil soziale Frakturen wie beispielsweise die fehlende Nahversorgung für eine alternde Bewohnerschaft im suburbanen Raum nicht ausgeschlossen sind“. Manche Regionen könnten künftig gar zu „Problemgebieten“ werden, heißt es in dem Wifo-Bericht weiter.

So weit ist es bisher noch nicht gekommen. Die Ausdünnung und Sicherstellung der Nahversorgung mit Waren des täglichen Bedarfs identifizierten die Wirtschaftsforscher aber schon damals als eine der größten Herausforderungen im ländlichen Raum, die sich in den kommenden zwei Jahrzehnten noch verstärken werde.

Der Bericht liest sich in manchen Abschnitten wie eine Warnung vor der Zukunft. Aber ist es um die Nahversorgung am Land wirklich so schlecht bestellt? Zunächst sei gesagt, dass längst nicht alle ruralen Gegenden auszusterben drohen. Gewisse ländliche Regionen freuten sich in den vergangenen Jahren wieder über wachsenden Zuzug. Die Pandemie hat der Flucht aufs Land zuletzt einen Schub gegeben.

Die Einkaufsinfrastruktur ist auch abseits der Städte gut ausgebaut. Österreich verfügt über ein extrem engmaschiges Filialnetz, kein anderes europäisches Land hat im Lebensmittelbereich mehr Quadratmeter Verkaufsfläche pro Kopf. Mit ihren jeweils weit mehr als 1000 Filialen sind die beiden Platzhirsche Spar und Billa fast in jedem Ort des Landes vertreten. Je größer die Distanzen zum nächsten urbanen Zentrum, desto dünner wird aber auch hierzulande das Geflecht an Standorten. Solang ein Geschäft etwa an einer Durchzugsstraße liegt, an der viele Pendler vorbeikommen, seien Märkte in abgelegenen kleinen Orten rentabel, versichern die Supermarktketten. Auch hier gibt es aber Schmerzgrenzen, ab denen sich eine Filiale kaum noch rentiert.

Es gäbe eben Grenzen des wirtschaftlich Machbaren, sagt Hannes Wuchterl. Er ist Geschäftsführer von Nah & Frisch, mit österreichweit 430 Filialen einer der wichtigsten Nahversorger im ländlichen Raum. Zuletzt musste der Händler 15 bis 30 Filialen jährlich schließen. „Bei Ortschaften unter tausend Einwohnern ist es kaum mehr möglich, schwarze Zahlen zu schreiben“, so Wuchterl.

Laut Statistik Austria gab es 2021 in Österreich 307 Gemeinden mit weniger als tausend Einwohnern, in denen insgesamt mehr als 230.000 Menschen leben. In 600 Gemeinden gibt es hierzulande keinen Nahversorger mehr. Viele Dorfläden in den Ortszentren kämpfen zudem um ihr Überleben. Würden sich Kleingemeinden nicht händeringend und mit finanziellen Unterstützungen dafür einsetzen, dass der letzte Laden im Ort erhalten bleibt, sähe die Lage noch düsterer aus.


Vergessene Landbevölkerung? Obwohl in den vergangenen Jahren immer mehr kleine Lebensmittelgeschäfte geschlossen wurden, müssen die Menschen in den betroffenen Orten nicht verhungern. 80 Prozent der Einkäufe am Land werden mit dem Auto erledigt. „Ob man 500 Meter fährt oder fünf Kilometer, ist den meisten egal, sobald sie einmal im Auto sitzen“, sagt Christoph Mayer. Tatsächlich sind es die Menschen auf dem Land meist gewohnt, weite Wege zu fahren – egal, ob in die Arbeit oder zum Einkaufen.

Trotzdem sprossen in den vergangenen Jahren in vielen Kleingemeinden neue Standorte aus dem Boden. Neben wöchentlichen Bauernmärkten scheint sich dabei ein neues Einkaufsmodell durchzusetzen: die Selbstbedienungsbox. Ähnlich wie die Einkaufscontainer von Christoph Mayer haben mittlerweile auch filialisierte Ketten wie Billa oder Unimarkt das Konzept für sich entdeckt.

Seit April testet Billa in einem Pilotprojekt vier Regional-Boxen in Kärnten. Die Idee entstand in Zusammenarbeit mit MyAcker – einem jungen Kärntner Unternehmen, das mit der Acker-Box ebenso einen Selbstbedienungsshop für regionale Lebensmittel entwickelt hat, diese teilweise selbst betreibt und auch als Franchise-System Partnern zur Verfügung stellt. Billa verfolgt mit seinen Einkaufsboxen vorerst keine Gewinnabsichten. Vielmehr gehe es darum, „neue Dinge auszuprobieren und vorn mit dabei zu sein“.

Ähnliches gilt für Unimarkt, wenngleich mit Gewinnabsicht. Im Frühjahr öffnete die erste Unibox im tausend Einwohner zählenden Dorf an der Pram, wo es bis dahin keinen Nahversorger gab. Auf 36 Quadratmetern findet sich ein fast vollwertiges Sortiment mit mehr als tausend Produkten des täglichen Bedarfs, erzählt Unimarkt-Chef Andreas Haider der „Presse am Sonntag“. Ein Dutzend solcher Boxen ist bereits in Betrieb, in den kommenden Monaten soll auf österreichweit 20 Standorte aufgestockt werden. Wenn das Konzept gut angenommen wird, will man es langfristig nach oben skalieren.

Beliefert werden die unbemannten Nahversorger von Unimarkt-Filialen im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern. Die Unimarkt-Gruppe ist seit jeher stark im ländlichen Raum verwurzelt, zu ihr zählen auch die Nah-&-Frisch-Geschäfte. Die Boxen sind vollautomatisiert. Neigt sich eine Produktgruppe in den Regalen dem Ende, wird die nächste zuständige Filiale automatisch benachrichtigt und die entsprechenden Produkte werden nachgeliefert. Die Einkaufsboxen haben 365 Tage im Jahr geöffnet, an Bahnhöfen und an Tankstellen 24 Stunden täglich. Für ländliche Regionen, in denen die Ladenbalken vielerorts für gewöhnlich schon am späten Nachmittag nach unten gehen, eine Revolution.


Digitales Zahlen. Zielgruppe sind primär ältere Personen, die zum Einkaufen keine weiten Wege mehr zurücklegen wollen oder können. Genau hier liegt auch das Konfliktpotenzial der voll digitalisierten Nahversorger-Boxen. Einkaufen kann nur, wer sich vorab per App registriert hat. Weniger digitalaffine Menschen können alternativ auch mit Payback-Karte einkaufen. Gerade ältere Menschen brauchen aber auch hier Unterstützung. Die Digitalisierung ist eben ein schleichender Prozess. Vor allem bei älteren Menschen kann man schwer voraussetzen, mit digitalen Bezahlmethoden vertraut zu sein. Durch eine Kooperation mit Mastercard ist auch der Bezahlvorgang voll digitalisiert und entsprechend sicher.

Bei Kastl-Greissler hat man sich bewusst dafür entschieden, auch Bargeldzahlungen zuzulassen. Besonders älteren Menschen wolle man damit entgegenkommen. Immerhin ein Drittel der Einnahmen kommt aus Bargeldumsätzen. Dabei gäbe es aber ein Problem, räumt Mayer ein. „Ein Selbstbedienungsladen mit Bargeldzahlung zieht auch Leute an, die etwas stehlen wollen.“

Noch muss an Feinheiten justiert werden. Das Konzept der Selbstbedienungsboxen steckt hierzulande aber auch noch in den Kinderschuhen. Im ländlichen Raum hat es jedenfalls großes Potenzial, eine aufklaffende Versorgungslücke zu schließen.

Demografie

Ein Wifo-Berichtwarnte schon 2010 vor Mängeln in der Nahversorgung für eine alternde Bewohnerschaft im ländlichen Raum.

Mehr als 300 Gemeinden in Österreich haben weniger als tausend Einwohner. In diesen gibt es selten eine funktionierende Nahversorgung.