90 Prozent der Vertriebenen aus der Ukraine sind Frauen und Kinder. Sie sind besonders schutzbedürftig - und gefährdet.
Flucht aus der Ukraine

Vertriebene: Der lange Weg in die erhoffte Sicherheit

30.000 Menschen aus der Ukraine sind es bis dato, die in Österreich Schutz suchen. Zwischen Unterkunft- und Jobsuche begegnen ihnen viele offene Fragen - und die Gefahr, noch mehr Leid zu erfahren.

„Sie haben nicht nur ihr Haus verloren. Jetzt müssen sie, ohne Deutsch zu können, in die Schule gehen. Das ist nicht angenehm.“ Elina Tsiva spricht in bedachten Sätzen, ruhig, aber auch tieftraurig, über das Schicksal Hunderttausender ukrainischer Kinder, die ihren Alltag künftig in einem fremden Land bestreiten müssen. Die 20-jährige Ukrainerin lebt seit fünf Jahren im Bezirk Melk. Das Leid ihrer Landsleute erlebt sie dennoch hautnah mit: Ihre 15-jährige Schwester Oleksandra flüchtete vor zwei Wochen zu ihr. Ihre Eltern sind unterdessen in der Westukraine geblieben, um die eigene Firma zu führen – und Menschen aus der Ostukraine Unterschlupf zu bieten.

Schulen integrieren Kinder

Dank der Unterstützung von Elinas Schule, der HLUW Yspertal, ist es in kurzer Zeit geglückt, Oleksandra im Internat der Schule unterzubringen. Nach zwei Wochen kriegsbedingten „Ferien“, in denen die Schulen in der Ukraine geschlossen waren, findet seit dieser Woche in 13 von 24 Regionen (Oblaste) der Unterricht via Distance Learning statt – auch für die 15-Jährige Oleksandra, die diesem vorerst noch aus Österreich folgt, zeitgleich aber auch in der HLUW schnuppert.

Die Vorstellung von Schülern, die in Luftschutzbunkern dem Online-Unterricht folgen, verstört. Doch für viele sei das eine willkommene Ablenkung vom traumatischen Kriegsalltag. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie das in Kiew funktioniert“, sagt Elina. „Aber in ruhigeren Gebieten funktioniert das schon.“ Auch für Oleksandra, wie Elina betont: „Meiner Schwester hat das gut getan, dass sie ein wenig Ablenkung hat.“
Wie ihre jüngere Schwester sind inzwischen Hunderte ukrainische Kinder in heimischen Schulen untergekommen. Waren es in der Vorwoche 20 Kinder, die in Wien aufgenommen wurden, sind es diese Woche in der Bundeshauptstadt schon rund 500, in Niederösterreich 174, in Oberösterreich 41 Kinder.

„Es gelingt bisher sehr gut, die Kinder in den Schulen zu integrieren“, heißt es in einer Aussendung der niederösterreichischen Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister. Auf Dauer aber wird der Bedarf für ukrainischsprachige Pädagogen steigen. Wie schnell deren Bildungsabschlüsse nostrifiziert werden, ist offen. Fehlende Ukrainischkenntnisse könnten jedoch problematisch werden: Nur wenige der vertriebenen Schüler hat Deutsch als Fremdsprache gelernt. Kommuniziert wird deshalb vorerst meist auf Englisch, berichtet Birgit Gruber-Pernitsch. Sie ist die Schulleiterin des BG Bachgasse in Mödling. Zwei ukrainische Burschen und ein Mädchen besuchen ihre Schule ab dieser Woche. Weil es an ihrem Standort keine Deutschförderklasse gibt, übernimmt den Förderunterricht vorerst eine Deutschpädagogin.

Länder beraten mobil

Insgesamt sind es rund 30.000 Menschen, die bis dato in Österreich bleiben wollen. 200.000 könnten es werden, sagen Experten. Für viele ist der Wiener Hauptbahnhof ein erster Zwischenhalt als „Drehscheibe und Durchgangsstation“, wie ÖBB-Chef Andreas Matthä am Mittwoch betonte. Um die Hunderten Flüchtlinge, die täglich ankommen, zu versorgen, eröffnete die Caritas nun in einem angrenzenden Gebäude der Erste Bank ein Tageszentrum für Flüchtlinge. Mit Stand Mittwoch wurden 4700 ukrainische Vertriebene registriert, die hierbleiben wollen. Sie erhalten einen „Ausweis für Vertriebene“ und können damit bis vorläufig 3. März 2023 bleiben.

Für Fragen rund um Deutschkurse, Arbeitsmarkt, Hochschulen oder Schule plant die Bundesregierung bis Ende März „One-Stop-Shops“: In mobilen Servicepoints, etwa in den Stellen des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), in den AMS-Servicestellen oder in den Quartieren der Bundesbetreuung, wird auf Ukrainisch Beratung angeboten. Die genaue Anzahl der Stellen orientiere sich am Bedarf und sei nach offen, heißt es aus dem Büro von Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP).

Sexuelle Gewalt verhindern

90 Prozent der Vertriebenen sind nach wie vor Frauen und Kinder, die besonders schutzbedürftig sind. Doch statt Schutz und Sicherheit müssen manche auf der Flucht aus dem Schrecken des Krieges nun noch mehr Leid ertragen: Eine 18-jährige Ukrainerin soll Anfang März in Düsseldorf von zwei Männern – ein 26-jähriger Tunesier mit ukrainischen Papieren und ein 37-jähriger Mann aus Nigeria – im Hotelschiff „Oscar Wilde“ vergewaltigt worden sein. Das Schiff wird derzeit als Flüchtlingsunterkunft genutzt.

Auf Gefahren von sexueller Gewalt will nun das österreichische Bundeskriminalamt (BK) explizit hinweisen: Eine erste Präventivmaßnahme ist eine Hotline (+43 677 61 34 34 34), bei der Vorfälle, die auf Menschenhandel oder Prostitution hindeuten, gemeldet werden sollen. Die Bevölkerung – etwa auf Bahnhöfen oder bei Flüchtlingsunterkünften – wolle man sensibilisieren, sagt eine Sprecherin. Vorfälle habe es bisher aber keine gegeben. Vor Schlepperei und sexueller Ausbeutung warnte auch Frauenministerin Raab während ihrer Reise zur Frauenstatuskommission in New York. Für Betroffene gebe es bereits Infomaterial auf Ukrainisch.


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