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Inflation

Die Fed bleibt ihrem Fahrplan treu

Fed-Chef Jerome Powell will die Zinsen in mehreren Schritten heben. Aber womöglich doch nicht so kräftig, wie zuletzt erwartet.
Fed-Chef Jerome Powell will die Zinsen in mehreren Schritten heben. Aber womöglich doch nicht so kräftig, wie zuletzt erwartet.(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)
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Das Sitzungsprotokoll der US-Notenbank legt den Schluss nahe, dass die Zinsschritte nicht höher ausfallen als erwartet. Doch was macht die EZB?

Das am Mittwochabend präsentierte Protokoll der US-Notenbank zur jüngsten Sitzung des geldpolitischen Ausschusses weckte bei Investoren nicht die Erwartung, dass die Fed eine schärfere Gangart als erwartet an den Tag legen wird, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Im Gegenteil sahen Börsianer eher Hinweise dafür, dass die Notenbank nach einer ersten Phase größerer Zinserhöhungsschritte zum Jahresende hin einen etwas weniger straffen Kurs einschlagen könnte.

Thema an der Börse ist auch das Massaker an einer Volksschule im Bundesstaat Texas. US-Präsident Joe Biden forderte Konsequenzen aus den wiederkehrenden Amokläufen mit Schusswaffen. Die Aktien der Waffenproduzenten legten stark zu. Es ist eine bekannte Reaktion. Nach Massakern fürchten viele US-Bürger strengere Gesetze und decken sich rasch mit Waffen und Munition ein. Die Konzerne profitieren also von derartigen Gräueltaten. So steigerten sich Smith & Wesson und Vista Outdoor am Tag des Massakers um jeweils 6,8 Prozent. Sturm, Ruger & Co. verteuerten sich um 4,1 Prozent.

Aber zurück zu den Zinsentscheidungen. Während der Fahrplan in den USA bis Ende des Jahres ziemlich klar scheint, nimmt die Debatte innerhalb der Europäischen Zentralbank (EZB) erst so richtig Fahrt auf.

Vor nur drei Wochen hatten die Geldpolitiker gerade erst damit begonnen, sich auf einen ersten Schritt im Juli zu verständigen. Jetzt diskutieren sie offen über eine Anhebung um einen halben Prozentpunkt, darüber, ob die Kreditkosten noch in diesem Jahr auf Null gesenkt werden sollen und darüber, wie es dann weitergehen soll.

Die Dynamik, mit der diese Diskussion voranschreitet, lässt einen lebhaften Meinungsstreit vor der entscheidenden Sitzung am 9. Juni erwarten. Dort sollen das Ende der EZB-Anleihekäufe besiegelt und die Marktteilnehmer auf einen Zinsschritt im Juli vorbereitet werden.

Damit besteht die Möglichkeit, dass mehr Notenbanker öffentlich eine aggressivere Inflationsbekämpfung anmahnen angesichts der Tatsache, dass andere Länder schon längst Maßnahmen ergriffen haben.

EZB ringt um klare Linie

„Die Debatte besteht darin, ob die Inflation in Europa auf den Anstieg der Energiepreise zurückzuführen ist oder ob mehr dahintersteckt“, sagte Pietro Reichlin, Wirtschaftsprofessor an der Universität Luiss in Rom. „Die Situation in den USA ist klarer, dort sehen wir eine Inflation. Aber in Europa könnten wir uns in diese Richtung bewegen, daher ist die Sorge berechtigt.“

Die Spannungen zwischen den Ratsmitgliedern treten bereits offen zutage. Der Blogbeitrag von EZB-Präsidentin Christine Lagarde vom Montag, in dem sie einen Zeitplan mit zwei Erhöhungen um je einen Viertelpunkt im Juli und September avisierte, verärgerte die Falken im Rat, die sich zumindest die Option einer größeren Erhöhung wünschten.

Inzwischen haben sich drei Notenbanker öffentlich für eine Anhebung um einen halben Prozentpunkt ausgesprochen. Der niederländische Gouverneur Klaas Knot hat den Stein am 17. Mai ins Rollen gebracht, indem er eine Anhebung um einen Viertelpunkt nur für den Fall befürwortete, dass sich die Inflationsaussichten nicht verschlechtern.

Der lettische Notenbankchef Martins Kazaks erklärte gegenüber Bloomberg, dass eine Erhöhung um einen halben Punkt diskutiert werden könnte, während der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann sogar darauf bestand, dass ein solcher Schritt im Juli „angemessen“ sei.

„Er würde die Menschen wachsam halten und den Märkten signalisieren, dass wir die Notwendigkeit zum Handeln erkannt haben“, sagte er. „Alles andere würde Gefahr laufen, als schwach wahrgenommen zu werden.“

Carsten Brzeski, Ökonom bei ING in Frankfurt, bemerkte, dass sich acht Wochen vor der voraussichtlichen Zinserhöhung am 21. Juli noch viel ändern kann. „Bis dahin erhalten wir Inflationsdaten für zwei weitere Monate“, sagte Brzeski. „Wenn sich die Kerninflation weiter deutlich beschleunigt, sind 50 Basispunkte möglich.“

Vor dem Hintergrund des sich aufbauenden Drucks in Richtung mutiger Maßnahmen haben andere Geldpolitiker darauf bestanden, dass das Mantra der EZB vom „Gradualismus“ Vorrang haben müsse. „Eine Anhebung um 50 Basispunkte ist derzeit nicht Teil des Konsenses“, sagte der Gouverneur der Banque de France, Francois Villeroy de Galhau, in Davos gegenüber Bloomberg TV. Sein italienischer Kollege Ignazio Visco meinte, dass der Juli „vielleicht“ der richtige Zeitpunkt für eine Zinserhöhung sei.

Lagarde selbst sagte gegenüber Bloomberg TV, dass der Inflationsschock in der Eurozone nicht nachfragegetrieben sei, was der EZB einen Spielraum verschaffe. „Es handelt sich definitiv um Inflation, die durch die Angebotsseite angeheizt wird“, sagte sie in Davos. „In dieser Situation müssen wir uns natürlich in die richtige Richtung bewegen, aber wir dürfen nichts überstürzen und nicht in Panik geraten.“ (apa/bloomberg)

Auf einen Blick

Die US-Notenbank Fed wird wohl keine schärferen Zinsschritte setzen. Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Protokoll der jüngsten Sitzung hervor. Beobachter meinen gar, dass gegen Ende des Jahres eher wieder kleine Zinserhöhungen folgen. Wie die EZB bei ihrer kommenden Sitzung reagieren wird, steht noch in den Sternen. Während drei Notenbankchefs eine Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte fordern, stehen andere noch auf der Bremse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2022)