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Konjunktur

Unter Druck entstehen die besten Innovationen

Stefan Pierer liegt viel daran, Österreichs Fahrzeugindustrie in seiner Facettenvielfalt wahrzunehmen.
Stefan Pierer liegt viel daran, Österreichs Fahrzeugindustrie in seiner Facettenvielfalt wahrzunehmen.(c) Pierer Mobility AG
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Konjunktur. IV-OÖ-Vizepräsident Stefan Pierer sieht auf den Wirtschaftsstandort Österreich äußerst harte Zeiten zukommen. Statt pessimistisch in die Zukunft zu blicken, glaubt er aber vor allem an die neuen Chancen.

Österreichs Wirtschaftsstandort zeichnet sich durch seine sehr hohe Industriedichte aus. Für Stefan Pierer liegen die drei entscheidenden Erfolgsfaktoren auf der Hand. Erstens: die duale Ausbildung, wie sie neben Österreich auch in Deutschland und der Schweiz angeboten wird. „Die zeitlich überschaubare Ausbildung und Bindung ans Unternehmen ist wie eine Infusion im Spital und das bringt hochqualifizierte Mitarbeiter hervor“, betont Pierer. Zweitens: die Exportfinanzierung. „Dass die österreichische Industrie so exportstark ist, hängt mit der Exportfinanzierung zusammen, die es vor allem mittelständischen Unternehmen ermöglicht, über die Grenzen zu gehen und in diverse Länder zu exportieren.“ Drittens: die Forschungsprämie. „Mittlerweile können 14 Prozent der F&E-Aufwendungen steuermindernd eingesetzt werden. Das ist ein extremer Standortvorteil, der die österreichische Industrie nach wie vor unheimlich innovationsstark macht.“
Aber die Zeiten werden härter. Der demografische Wandel bewirkt, dass viele Arbeitskräfte in den nächsten Jahren wegfallen und es nicht genügend Nachwuchs gibt. „Die Babyboomergeneration geht jetzt in Pension und der Industrie stehen immer weniger gut ausgebildete Menschen zur Verfügung.“

Schwachstellen

Und so benennt Stefan Pierer auch die größten Nachteile des österreichischen Wirtschaftsstandortes: „Wir haben mit Belgien die höchsten Lohnnebenkosten in Europa. Bei der gegenwärtig galoppierenden Inflation ist das für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen eine große Belastung. Die Politik ist aufgerufen, dafür zu sorgen, dass es für die Mitarbeiter mehr Netto vom Brutto gibt.“ Etwa durch eine Abschaffung der kalten Progression. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, meint Pierer zur Umsetzung wirksamer Forderungen. Heimische Unternehmer werden natürlich alles unternehmen, um ihren Hauptstandort in Österreich zu halten, aber es droht durchaus eine schleichende Abwanderung. „Darum ist auch die Forschungsprämie so ein effektives Instrument.“

Das größere Problem sieht Pierer ohnehin darin, dass es mit den aktuellen Rahmenbedingungen kaum für ein ausländisches Unternehmen attraktiv ist, sich bei uns anzusiedeln. Das ist ein Armutszeugnis für die Standortattraktivität und mit den Energiekosten wird sich das Bild nicht ändern. Die gestiegenen Energiekosten sind nicht nur für Österreich, sondern generell für Zentraleuropa ein dramatischer Nachteil gegenüber Skandinavien oder dem angelsächsischen Raum. „Die Russland-Ukraine-Krise hat zusätzliche negative Auswirkungen auf die Energiekosten bei uns und damit auch auf unsere Standortbedingungen“, meint Pierer.

Zur Person

Stefan Pierer, geboren 1956 in Bruck/Mur, ist KTM-Vorstandschef und Mehrheitseigentümer der Pierer Mobility AG. Zudem ist er Präsident der European Association of Motorcycle Manufacturers (ACEM) und engagiert sich seit vielen Jahren in der Industriellenvereinigung OÖ, derzeit als Vizepräsident.

Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel war schon vor der Coronapandemie eine Herausforderung, aber Covid-19 hat die Situation nochmals extrem verschärft. „Hinzu kommt die Thematik der Work-Life-Balance, die sich durch die Pandemie nicht zugunsten der Industrie verbessert hat.“ Home-­Office, Kurzarbeit, finanzielle Unterstützungen haben nicht gerade die Moral zum Anpacken verstärkt. Pierer sieht für den Fachkräftemangel auch kaum Entspannung, so lange das Bildungssystem nicht den aktuellen Gegebenheiten angepasst wird.

Aber es gibt auch Licht am Ende des Tunnels. Der KTM-Chef begrüßt etwa das neue Konzept einer Technischen Universität in Linz mit dem Schwerpunkt Digitalisierung. „Genau das brauchen wir. Aber bis die TU Linz Früchte trägt, dauert es auch noch einige Jahre.“ Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels kommt Pierer einmal mehr auf die duale Ausbildung zu sprechen. „Sie ist das kurzfristige Instrument, weil hier ganz gezielt die spezifischen Berufsgruppen ausgebildet werden, die die Industriebetriebe brauchen.“ Genauso wichtig sei die innerbetriebliche Weiterbildung. Ohne diese Bildungsmaßnahmen wären der Industrie die Fachkräfte bereits ausgegangen. Pierer zieht sein eigenes Unternehmen als bestes Beispiel heran. „Wir bilden rund 350 Lehrlinge aus. Ohne diese Lehrlinge könnten wir niemals so schnell und erfolgreich wachsen.“

Aber durch die Akademisierung ist die duale Ausbildung stark in den Hintergrund geraten. „Ihr wurde in den letzten zehn Jahren nicht die notwendige Wertschätzung entgegengebracht. Dementsprechend wenige junge Menschen entscheiden sich für die Lehre“, bedauert Pierer. „In den ländlichen Regionen ist die Lehre bei den dort angesiedelten Industriebetrieben für Jugendliche zwar begehrt, aber die duale Ausbildung braucht insgesamt noch mehr Beachtung, denn sie ist der Schlüssel der Industrie, um die hohe Quote zu halten.“ Bei dem steigenden Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten tun sich Mint-Fächer bekanntermaßen schwer. „Auch, weil ein technisches Studium nicht gerade das leichteste Studium ist und es viel Konkurrenz von wesentlich einfacheren Studienfächern gibt.“ Das Problem beginnt aber ohnehin schon viel früher. „Heute ist es schon schwierig, Schulklassen voll zu bekommen. Damit nimmt auch die Zahl der potenziellen Talente kontinuierlich ab. Dem kann man nur entgegenwirken, indem man verstärkt auf Mint-Fächer und duale Ausbildung aufmerksam macht“, ist Pierers Meinung zur Bekämpfung des Fachkräftemangels.

Ansichtssache

Alles zusammen bildet eine schwere Ausgangslage für den heimischen Industriestandort. „Aber unter Druck entsteht die beste Innovation. Während die freiwillige Innovation dagegen die schwierigste ist.“ Pierer kennt das, weil er aus dem Rennsport kommt. „Da herrscht immer Wettbewerb und der bewirkt, dass alle topmotiviert sind.“ Druck wirkt sich auch positiv auf den Zusammenhalt einer Belegschaft aus. Es wird Learnings brauchen, um die schwere wirtschaftliche Situation zu meistern. „Das ist letztlich Unternehmertum: Trial and Error, Versuch und Irrtum.“ Deshalb betont Pierer eindringlich: „Nicht zurückschauen und damit hadern, was man besser machen hätte können, sondern richtige Rückschlüsse ziehen und sich an die Anforderungen der Zeit anpassen.“ Jede Krise ist auch eine neue Chance.

oberoesterreich.iv.at

Information

Das Interview mit Stefan Pierer wurde finanziell unterstützt von der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ).