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Wohngeschichte

Deborah Sengl: "Möbel passieren mir einfach"

Bei Künstlerin Deborah Sengl in Wien Josefstadt hat alles seinen Platz: Die Ordnungsneurose wird genauso gepflegt wie Kater Fernet und Möbel aller Stilepochen.

Geboren in der Josefstadt, aufgewachsen in der Laudongasse, seit vielen Jahren in der Schmidgasse zu Hause – der Künstlerin Deborah Sengl kann durchaus ein Naheverhältnis zum 8. Bezirk attestiert werden. Das „Biedermeier-Zinshaus“, wo sie im dritten Stock liest, lebt und sinniert (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) wurde von ihren Vorfahren errichtet und wird nach wie vor von Familienmitgliedern bewohnt. „Ursprünglich habe ich die Wohnung mit einem Badezimmer und einer Küche im originalen 1970er-Jahre-Stil übernommen“, erzählt Sengl. „Das hatte durchaus Charme, aber man sieht sich satt – und es war zum Teil unpraktisch.“

Stauraum statt Knallfarben

Vor einigen Jahren wurde dieser Teil mithilfe der Architektin Irmgard Frank umgestaltet. Knallige Farben und runde Formen verschwanden zugunsten einer schlichten Weiß-Schwarz-Ästhetik, ungenutzte Flächen wurden in Stauraum umfunktioniert. „Das war mir besonders wichtig, da ich eine gewisse Ordnungsneurose pflege“, meint die Künstlerin. Der restliche Wohnbereich blieb unverändert, so auch im Speziellen der historische Schiffboden. Da Sengl generell sehr klare Vorstellungen davon hat, wie sie leben möchte, war die Kooperation mit der Architektin „sehr einfach, und vom Anfang bis zum Schluss sehr konstruktiv und dem versprochenen Zeitplan entsprechend“. Der umgebaute Bereich besteht hauptsächlich aus diesen drei Materialien: einem gegossenen Polyurethan-Boden, Holzverbau und Corianflächen (Oberflächen aus Acrylharz und natürlichen Materialien).

Zur Person

Deborah Sengl ist bildende Künstlerin, im Wiener Museumsquartier ist derzeit „Escape Poverty“ zu sehen. www.deborahsengl.com

Da sie nicht gern auf Shoppingtour gehe, „passieren mir Möbel halt einfach irgendwie. Alles hat hier seine persönliche Geschichte, jedes Stück eine Anekdote“, erzählt Sengl. Der besagte neue Bereich ist homogen und puristisch, der Rest der Wohnung eine Zeitreise durch verschiedene Stilepochen.

Barock trifft Bauhaus

Es finden sich einige Erinnerungsstücke der verstorbenen Großmutter, wie beispielsweise eine spätbarocke Tischuhr und ein sehr opulentes Frauenporträt aus der Biedermeier-Zeit, neben dem Sengl immer schlief, wenn sie bei ihr zu Besuch weilte. „Der Großteil meiner Einrichtung ist aber aus dem 20. Jahrhundert und kaum etwas aus der sogenannten Jetztzeit.“ Eines ihrer Lieblingsstücke – da die Aufzählung sonst endlos wäre – ist „eine gelb-schwarze Sitzgarnitur, angeblich aus der ungarischen Bauhaus-Zeit, und sehr bequem“, erzählt sie. Die Luster, alle aus den 1950er- bis 1970er-Jahren, hat sie über viele Jahre zusammengesammelt. „Ich bin nun komplett eingerichtet, diesbezüglich wunschlos glücklich. Hätte ich mehr Raum, würde mir aber schon noch einiges gefallen“, meint sie zu der Frage nach weiteren Veränderungen. Denn Wohnen ist der Künstlerin enorm wichtig – sie verbringt hier gern (und) viel Zeit. „Da ich generell eher unter Strom stehe, brauche ich Raum zur Entspannung.“ Dabei leistet ihr Kater Fernet Gesellschaft. Sein Bruder Branca ist verstorben, eine kleine Urne erinnert an ihn.

"Alles hat hier seine persönliche Geschichte, jedes Stück eine Anekdote", erzählt Sengl.
"Alles hat hier seine persönliche Geschichte, jedes Stück eine Anekdote", erzählt Sengl.Barbier

Einige Zeit hat sie auch in ihrer Wohnung gearbeitet beziehungsweise in ihrem Atelier gelebt. „Das hat seine Vorzüge, wenn man nächstens schlaflos ist“, meint sie. Seit vielen Jahren sind diese beiden Orte aber voneinander örtlich getrennt. „Ich gehe quasi täglich in die Arbeit in den siebten Bezirk. Und das ist gut so. Andererseits arbeite ich, sofern ich nicht schlafe, immer und überall, da meine Projekte ja immer im Kopf entstehen.“

Das Haus besitzt einen kleinen Hof. „Aus diesem hat meine Mutter eine wunderbare Grün-Oase gemacht. In lauen Sommernächten kann man hier die schönsten Stunden verbringen.“ Dass das Haus keinen Lift hat, sieht sie als willkommenes Training. „Mal sehen, ob ich das dann im fortgeschrittenen Alter noch genauso sehe.“

Zum Ort

Der achte Bezirk ist mit 1,1 km2 der kleinste Wiens. Mit Stadtpalais, Lokalen, Theatern und kleinen Geschäften ist er, trotz eines Grünanteils von nur zwei Prozent, eine beliebte Wohngegend. Eine Neubauwohnung im Erstbezug kostet rund 10.500 Euro/m2, (Bestand 8317), Miete 14,20 Euro/m2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2022)

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