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Arbeitsmarkt

Beschäftigtenstand auf Rekordniveau

Die Arbeitslosenquote sank auf den niedrigsten Stand seit Mai 2008, die Voranmeldungen zur Kurzarbeit halbierten sich. AMS-Chef Kopf warnt aber vor den „dunklen Wolken am Horizont“.

Wien. Die Entwicklung auf dem heimischen Arbeitsmarkt ist trotz hoher Energiepreise und Ukraine-Kriegs positiv. Ende Juni waren 298.402 Menschen arbeitslos gemeldet oder in Schulung, um 61.747 weniger als im Juni 2021, teilte das Arbeitsministerium mit. Im Mai waren 311.500 Menschen ohne Job. Die Arbeitslosenquote sank auf 5,5 Prozent, den niedrigsten Stand seit Mai 2008. Die Voranmeldungen zur Kurzarbeit haben sich binnen eines Monats auf 24.436 halbiert.

„Derzeit arbeiten so viele Menschen wie noch nie“, erklärte Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP). Der Beschäftigungsstand liegt mit 3,95 Millionen unselbstständig Beschäftigten um fast 130.000 Personen über dem Wert von Juni 2019. „Die von Krieg, Lieferschwierigkeiten und hohen Energiepreisen noch immer unbeeindruckte gewaltige Arbeitskräftenachfrage lässt viele von uns staunen“, sagte AMS-Vorstand Johannes Kopf. Allerdings: „Wir alle wissen nicht, wann, ob und welche der dunklen Wolken am Horizont tatsächlich zu einem Gewitter führen wird, bis dahin aber konzentrieren wir uns im AMS weiter darauf, den Boom zu nützen und möglichst viele der offenen Stellen rasch mit arbeitsuchenden Menschen zu besetzen.“ Kocher erwartet im Herbst eine Abflachung der Dynamik.

Immer mehr offene Stellen

Unternehmen tun sich extrem schwer, Mitarbeiter zu finden. 141.000 offene Stellen sind beim AMS gemeldet, um 3000 mehr als im Mai. Der ÖVP-Wirtschaftsbund, der Online-Stellenausschreibungen zählt, kommt sogar auf 277.000 offene Stellen. AMS-Chef Kopf schilderte, er werde von Firmen oft gefragt, wo denn all die Leute hingekommen seien. „Meine oftmals Erstaunen auslösende Antwort ist: Sie arbeiten!“

Von den 298.402 Menschen ohne Job wohnen 132.566 in Wien. Nach wichtigen Branchen betrachtet, ist in der Bundeshauptstadt die Arbeitslosigkeit im Juni in Hotellerie und Gastronomie um 30,1 Prozent zurückgegangen, in der Warenproduktion um 20 Prozent, im Einzelhandel um 18,8 Prozent und auf dem Bau um 15,6 Prozent.

Wirtschaftsvertreter drängen anlässlich der Arbeitsmarktzahlen zu Reformen. „Es gilt, alle Hebel in Bewegung zu setzen und die vorhandenen Potenziale voll auszuschöpfen“, erklärt der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, in einer Aussendung. Eine Erhöhung des Arbeitslosengelds wäre demnach der „falsche Weg“. Die IV verweist darauf, dass über 85 Prozent der offenen Stellen außerhalb Wiens liegen. Es gelte, die Mobilität zu erhöhen und die Kinderbetreuung auszubauen, so Neumayer. Auch Arbeitsminister Kocher sprach in einer Pressekonferenz die Kinderbetreuung an. Diese stehe im ländlichen Raum „nicht rund um die Uhr zur Verfügung“, weshalb es schwer sei, etwa ukrainische Mütter im Tourismus und der Gastronomie in Beschäftigung zu bringen. Gespräche innerhalb der Regierung gebe es auch zu einer Ausweitung der Kontingente für Saisonniers aus dem Ausland. (APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2022)