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Haarkultur

Michelle Obama: Man war nicht bereit für ihr natürliches Haar

Michelle Obama wurde am Dienstag von Ellen DeGeneres interviewt.
Michelle Obama wurde am Dienstag von Ellen DeGeneres interviewt.(c) IMAGO/Agencia EFE (LENIN NOLLY)
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Amerikanerinnen und Amerikaner, da ist sich die Ex-First-Lady sicher, waren „nicht bereit“ für ihre natürliche Haarstruktur. Aus Angst, man könnte ihre Frisur politisieren, glättete sie ihre Locken.

Als Michelle Obama die First Lady im Weißen Haus war, trug sie ihr Haar schulterlang und glatt, manches Mal auch leicht gewellt, immer wieder locker hochgesteckt. Sie wollte damals niemanden mit ihrem natürlichen Haar überfordern, so erzählte sie es der Moderatorin Ellen DeGeneres in einer Talkshow am Dienstag. Dabei trug sie „Open Braids“, so nennt man die vielen kleinen Zöpfchen, die nicht bis zur Haarspitze geflochten werden. Es wäre auch früher einfacher gewesen, ihre Haare zu flechten. Sie sei sich aber sicher, viele Amerikanerinnen und Amerikaner wären während ihrer Amtszeit „nicht bereit“ für ihre Afrohaare oder Braids gewesen, weshalb sie ihre Locken immerzu glättete.

Das Haare „relaxen“, wie man das chemische Glätten afroamerikanischer Haare nennt, zerstört die natürliche Haarstruktur. Nicht selten ziehen sich Frauen dabei Verbrennungen an der Kopfhaut zu oder kämpfen mit Haarausfall.

Aus Angst, ihr Haar könnte als Ablenkungsmanöver missbraucht und im Zuge dessen politisiert werden, trug sie es glatt. Die Regierung sollte sich auf ihre Agenda konzentrieren können, anstatt rassistischer Fragen ausgesetzt zu sein. „Lasst mich meine Haare glätten“, sagte sie. „Lasst uns die Gesundheitsreform verabschieden.“ 

Auch erinnert sie sich an die Aufregung, die herrschte, als ihr Mann Barack Obama im Jahr 2014 einen beigen Anzug trug. „Sie sind ausgeflippt“, erzählte die 58-Jährige, „Die große Empörung, der Skandal der Obama-Regierung.“ Reporterinnen und Journalisten verglichen das Auftreten des damaligen Präsidenten mit jenem ihrer Großväter oder einem alten Mann in der Sonntagsmesse.

Haar als Hürde

Frisuren stellen der ersten Schwarzen Präsidentengattin zufolge eine weitere Hürde für Afroamerikanerinnen am Arbeitsplatz dar. Natürliche Afrohaare oder Braids könnten als weniger professionell kritisiert werden, auch wenn diese Frisuren einfacher zu tragen seien. „Wir müssen damit zurechtkommen, mit der ganzen Sache um ,trägst du dein Haar natürlich?'“, so Obama. „Das ist die afroamerikanische Erfahrung.“

Erst im März hat das US-Repräsentantenhaus, dessen demokratische  Vorsitzende Nancy Pelosi gestern zurückgetreten ist, den Crown-Act („Create a Respectful and Open World for Natural Hair“) verabschiedet. Er verbietet die Diskriminierung aufgrund von Frisuren, wovon in erster Linie Women of Color betroffen sind. Den Senat hat der Gesetzesentwurf bis dato nicht passiert. Mehrere Bundesstaaten und Gemeinden haben aber entsprechende lokale Gesetzes erlassen, etwa Miami Beach. Die ultrarechte Abgeordnete Lauren Boebert bezeichnet den Act gar als „bad hair bill“.

Auch in Österreich gibt es Initiativen um Haarkulturen, „The Good Bush Project“ etwa. Dort werden der Debatte über andauernde Stigmatisierung, mangelnde mediale Repräsentation und die immer wieder gleich reproduzierten Schönheitsstandards Raum gegeben. Hierzulande noch ein Nischenthema, wird der Diskurs in den USA seit den Sechzigern immer wieder von politischen Aktivistinnen wie Angela Davis angetrieben.

(evdin)