Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Dioxin-Skandal: "...nur weil einer profitgierig ist"

(c) REUTERS (INA FASSBENDER)
  • Drucken

Der Großteil der wegen des Dioxinskandals geschlossenen Bauernhöfe ist wieder freigegeben. Die Landwirte sind erleichtert, fürchten aber nachhaltigen Schaden durch einen Rückgang im Verzehr und niedrige Preise.

Berlin. „Zum Glück entspannt sich die Lage: Die meisten der geschlossenen Betriebe sind wieder freigegeben worden, ich gehe davon aus, dass diese Woche eine große Zahl weiterer Höfe folgt.“ Heinz Korte, Landwirt und Vizepräsident des niedersächsischen Landvolkverbandes, sieht ein „gutes Zeichen“ darin, dass im Zuge des aktuellen Dioxinskandals bei Milch und Fleisch bisher keine Dioxin-Grenzwertüberschreitungen gefunden wurden. Längerfristiger Schaden entstehe aber durch die Verunsicherung der Verbraucher: „Die massive Marktstörung bei Fleisch und Eiern wird sich nachhaltig auswirken. Beim Export sieht man ja schon, dass einige Länder auf die Bremse steigen.“

Anders als am Wochenende verlautete, hat aber die Slowakei doch kein Einfuhrverbot erlassen, wie der Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli am Montag erklärte. Im Berliner Landwirtschaftsministeriums hatte man die Slowakei kritisiert und betont, dass sich Deutschland eng mit der EU-Kommission abstimme; die habe „die getroffenen Maßnahmen gewürdigt und deren Wirksamkeit bestätigt“. Mit Südkorea, das deutsche Fleischimporte gestoppt hat, sei man im Gespräch.

Agrarministerin Ilse Aigner traf sich am Montag mit Vertretern der Branche zu einem Krisengipfel, bei dem es um Konsequenzen gehen sollte. Aigner erwägt strengere Zulassungsregeln für Betriebe, die Futtermittelrohstoffe liefern. Einen Bericht der Organisation „Foodwatch“, in Deutschland verbotene Inhaltsstoffe von Pflanzenschutzmitteln seien wahrscheinlich für die Dioxinbelastungen in Futtermitteln verantwortlich, nannte das Ministerium „Spekulation“.

 

Angewiesen auf Lieferanten

Deutschlandweit waren am Montag noch rund 1600 Betriebe gesperrt; unzählige Eier sind vernichtet, Legehennen geschlachtet worden. Zuvor waren im Lauf des Wochenendes knapp 3000 Bauernhöfe freigegeben worden, vorwiegend in Niedersachsen, dem vom Dioxinskandal am stärksten betroffenen Bundesland. Die auf den freigegebenen Höfen verwendeten Futtermittel sind inzwischen untersucht und als unbedenklich eingestuft worden.

Zu den erleichterten Landwirten zählt Wolfgang Ritz aus dem niedersächsischen Kirchlinteln bei Verden: „Seit Samstag sind wir wieder frei, morgen gehen die ersten Schweine raus.“ Eine Woche lang war Ritz' Hof gesperrt, da sein Futtermittellieferant unter anderem auch Ware vom Futterfett-Hersteller „Harles und Jentzsch“ bezogen hatte; die schleswig-holsteinische Firma steht im Mittelpunkt des Skandals: Sie soll 3000 Tonnen dioxinbelastetes Futterfett an Abnehmer in mehreren Bundesländern geliefert haben. Das Fett wurde in Tierfutter gemischt und ging an tausende Betriebe.

„Mein Futtermittellieferant kann gar nichts dafür“, sagt Ritz, „wir sind auf die Vorlieferanten angewiesen, da muss man sich verlassen können.“ Harles und Jentzsch hätten jedoch eine „riesengroße Schweinerei“ begangen. „Man glaubt, man hat gesunde Tiere im Stall, und dann besteht die Gefahr, dass alles für die Katz ist, nur weil einer profitgierig ist.“ Laut Ritz wäre es wichtig, die Vorstufen in der Futtermittelkette intensiver zu kontrollieren.

Während der einwöchigen Sperre ist dem Landwirt „nur“ ein Schaden von rund 1000 Euro entstanden, der Betrieb sei nicht sehr groß, der Verkaufsdruck gerade nicht stark. „Andere trifft es ärger.“ Vor allem machen Ritz aber die mittelfristigen Folgen Sorgen: „Die Diskussion führt zum Rückgang im Verzehr und wird die Preise niedrig halten. Die Vermarktung wird aufwendiger und bürokratischer. Das trifft uns viel mehr als die Sperren.“

Auf einen Blick

In Futtermitteln deutscher Produktion wurden erhöhte Mengen des „Ultragiftes“ Dioxin gefunden; es dürfte von Pestiziden stammen. Nun wird befürchtet, dass sich auch Tiererzeugnisse damit angereichert haben, eine klare Bestätigung gibt es noch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2011)