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Redebedarf

Das Smartphone: Die digitale Schmusedecke

Die digitale Schmusedecke: Wird’s sozial ungemütlich, verkriecht man sich einfach.
Die digitale Schmusedecke: Wird’s sozial ungemütlich, verkriecht man sich einfach.(c) IMAGO/Westend61
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100 Rätsel der Kommunikation, Folge 22. Manchmal will man sich einfach nur verkriechen. In der eigenen Komfortzone, dem Handy.

Kein Mensch ist uns so nah wie diese Maschine. Das kalte Display streichelt unsere Wangen. Unsere kalten Finger streicheln über das Display. Und wenn es auf den Boden fällt, fühlt es sich an, als wären wir selbst gefallen. Aua. Ein Kratzer auf dem Display ist wie ein aufgeschürftes Knie. Noch mal Aua.

Wenn es nicht spurt, dann schimpfen wir es. Aber manchmal ärgern wir uns auch nur still und reden uns selbst gut zu: „Das ist sicher nur eine Phase“. Irgendwann ist auch das Update vorbei, vulgo Entwicklungsschub. Und alles läuft wieder nach Plan. Das kennt man ja – von Kindern zum Beispiel. Nur, dass wir mit dem Smartphone mehr Zeit verbringen. Die dürfen auch im Gegensatz zu Kindern sich einiges erlauben. Am Tisch sitzen bzw. liegen. Und ungefragt mitreden. Und wenn es da so liegt auf dem Tisch, wenn wir etwa andere treffen im Lokal, dann ist es wie unser ausgelagertes Ohr in die weite Welt, immer da für uns, wenn es uns in der realen, sozialen Situation zu eng wird. Zu langweilig. Zu unangenehm. Auch als Notausgang aus stressigen Situationen. Unser Smartphone schenkt uns Informationen. Aber auch: Rat und Trost.

Die Kuscheldecke ist zurück

Wir haben ja eigentlich nicht verkraftet, dass wir keine mehr haben. Wahrscheinlich haben uns gemeine Eltern dazu gedrängt. Wie mit dem Schnuller. Gell, das brauchst du ja nicht mehr, du bist ja schon so groß, kille kille. Doch die Digitalisierung zeigt es ganz brutal: Für Schmusedecken ist man nie zu alt. Auch wenn sie kühl sind wie gebürstetes Aluminium. Und glatt wie Spezialglas. Hauptsache, sie wirken gegen dieses schlimmste alle Gefühle: allein gelassen zu sein. Doppelt schlimm, wenn man aus Versehen das Handy allein zuhause gelassen hat. Man fühlt es fast, wie es sich sehnt nach dem Besitzer. Oder ist es doch umgekehrt? Ist es dieser Schmerz, den man „Fear of Missing Out“ genannt hatte, also das unerträgliche Gefühl, etwas wahnsinnig Irrelevantes zu versäumen, weil der „Joy of Missing out“ noch nicht erfunden war? An das Handy kann ich mich immer halten. Auch, wenn kein anderer da ist. Und gleichzeitig ist es etwas, das ich wiederum auch an mich halten kann. An meine Wange. Ahhhh, da bist du ja!

Das Handy als Seelentröster

Das funktioniert. Die Forscher und Wissenschafterinnen, die das überprüft haben, haben ihren Artikel dazu auch mit „Digitaler Schmusedecke“ überschrieben. Wird’s sozial ungemütlich, verkriecht man sich einfach. In der kuscheligen Welt, in der man geliebt, geliked, gehört wird.

Während eines Experiments hatte jene Versuchsgruppe, die das Smartphone dabei hatte, ein deutlich geringeres Level des Stresshormons Cortisol im Speichel. Das Smartphone gibt Sicherheit. Sogar, wenn es nicht benutzt wird. Sogar, wenn es nicht einmal eingeschaltet ist. Zumindest Siri und Alexa hören immer zu. Auf dem Handy weiß man, was man kriegt und wie man es sich holt. Und man muss nicht erst Blicke oder Wortmeldungen von anderen richtig deuten. 

100 Rätsel der Kommunikation

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin.