Debatte: Darf Grass im Wahlkampf SPD unterstützen?

Nach Eklat Darf Grass
(c) EPA (Oliver Weiken)

Bei vergangenen SPD-Wahlveranstaltungen trat Günter Grass regelmäßig auf. Nach seinem "Israel-Gedicht" wird innerhalb der Partei nun heftig diskutiert, ob er auch in Zukunft daran teilnehmen wird.

Die Debatte über das "Israel-Gedicht" von Günter Grass geht weiter. SPD-Politiker haben sich gegen Auftritte von Grass in den kommenden Wahlkämpfen ausgesprochen. Der Literatur-Nobelpreisträger hatte die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder unterstützt.

Auch der Vizepräsident des deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse hat sich zu Wort gemeldet. Er warnte davor, den Schriftsteller nun voreilig vom Wahlkampf für die SPD auszuschließen. "Ich halte nichts davon, dass die SPD nun gewissermaßen wie der Staat Israel Günter Grass zur Persona non grata erklärt", sagte der Sozialdemokrat am Dienstag im Deutschlandfunk. Zugleich warnte Thierse davor, Grass zum Antisemiten zu erklären.

In dem Gedicht "Was gesagt werden muss" hatte Grass geschrieben, dass die Atommacht Israel den Weltfrieden bedrohe und das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen könne. Israels Innenminister Eli Yishai von der strengreligiösen Shas-Partei verhängte daraufhin ein Einreiseverbot gegen den Autor. Deutsche Politiker nannten den Schritt überzogen, auch israelische Medien kritisierten ihn.

Die israelische Zeitung "Haaretz" nannte dies "hysterisch". Deutsche Politiker von SPD, Grünen, der Linken und der FDP kritisierten den Schritt. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass."

"Man soll mit ihm in der Sache streiten, seine Urteile kritisieren, aber ihn nicht als Person diskreditieren", sagte Thierse. Grass' vorzeitigen Ausschluss aus dem SPD-Wahlkampf halte er "nicht für sonderlich sinnvoll". Zudem sei völlig offen, ob der Schriftsteller überhaupt erneut Wahlkampf für die SPD machen wolle. "Er hat nie alle Positionen der SPD vertreten, sondern war ihr in kritischer Solidarität verbunden."

Der Vizepräsident des deutschen Bundestags fügte hinzu: "Wenn man Günter Grass wegen dieser einseitigen kritischen Position zum Antisemiten macht, dann ist das fatal." Dadurch entstehe der Eindruck, "Deutsche höheren oder mittleren Alters könnten dem Antisemitismus niemals entrinnen". Zudem werde das Vorurteil bestätigt, "dass Kritik an Israel ganz schnell des Antisemitismus verdächtig ist".

Einreiseverbot: Stimmen aus Israel

Auch der israelische Autor Uri Avnery nahm Grass in Schutz. Nicht dessen israel-kritisches Gedicht sei antisemitisch. "Es ist antisemitisch, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden darf", sagte Avnery der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" (Dienstagsausgabe). Scharf kritisierte der Autor auch den israelischen Innenminister und das von ihm gegen Grass verhängte Einreiseverbot. "Grass zur Persona non grata zu erklären, ist völliger Blödsinn - schon allein deswegen, weil Günter Grass gar nicht den Plan hat, hierher zu kommen", sagte Avnery.

Der jüdische Publizist Ralph Giordano verteidigte dagegen das Einreiseverbot. Er könne "die Regierung Netanyahu absolut verstehen", sagte Giordano der "Frankfurter Rundschau" (Dienstag). Seine Begründung: Die existenzielle Not, in der sich Israel angesichts der von Iran ausgehenden Bedrohung befindet.