Schnellauswahl

Griechenland-Krise: "Die Demoralisierung geht weiter!"

Sicher Demoralisierung geht weiter
''Junge Griechen werden, was ihre Großeltern ihnen ersparen wollten: Gastarbeiter.'' (Fioretos).(c) Verlag /Jürgen Bauer

Aris Fioretos, Schriftsteller mit griechischen Wurzeln, sieht die Zukunft des Landes düster: Die gut ausgebildete Jugend wandert aus, Greise servieren, das Management übernehmen multinationale Firmen.

Die Presse: Was halten Sie von folgender Geschichte: Als Gott die Welt erschaffen hatte, forderte er die Völker auf, sich ihren Platz zum Leben auszusuchen. Alle wählten. Nur die Griechen versäumten ihre Chance. Als alle Länder verteilt waren, riefen die Griechen: Wo sollen wir hin? Gott sagte: Ich habe hier noch ein Fleckchen frei, das Paradies. Da könnt ihr einziehen. Sagt die Story nicht viel über griechische Mentalität?

Aris Fioretos: So eine Geschichte kann nur mit einem der „unfrisierten Gedanken" des polnischen Aphoristikers Stanisław Jerzy Lec pariert werden: „Sesam, öffne dich - ich möchte hinaus!" Lang her sind die süßen Tage, wo Griechenland dieselben Koordinaten wie Eden hatte. Um Einlass ins verkommene Paradies bitten heutzutage höchstens Flüchtlinge aus Afrika und dem Mittleren Osten - und ihnen dürfte das Land auch nur als verhunztes Vestibül erscheinen. Sicher wären sie viel lieber gleich im Wohnzimmer Deutschland oder im Salon Frankreich.

In den Medien gibt es jetzt alle möglichen Erklärungen zur Griechenland-Krise: überhöhter Militärhaushalt, falsche Zahlen, Reiche zahlen keine Steuern, verlagern ihr Vermögen ins Ausland usw. Was ist Ihr Bild von dieser Diskussion?

Ausreden gibt es in Hülle und Fülle, und zwar in Athen ebenso wie in Brüssel. Es ist doch kein Geheimnis, dass Griechenland weder finanziell, noch infrastrukturell auf der Höhe der westeuropäischen Länder war, als es 1981 in die Gemeinschaft aufgenommen und zwanzig Jahre später, 2001, Teil der Eurozone wurde. Aber der Beitritt war politisch gewollt. Dafür muss nun die Rechnung bezahlt werden - und zwar auf allen Seiten. Die Alternativen scheinen mir inzwischen überschaubar zu sein.

Was wird passieren? Was glauben Sie?

Die Union kann im Fall der Griechen entweder einen Schnitt machen oder die Schulden vergemeinschaften. Beides ist politisch schwer vermittelbar, weil es Folgen für die übrigen Länder hätte, darunter in erster Linie Deutschland. Also schiebt man die harte Entscheidung in die Zukunft. Jüngst hieß es, Griechenland bekommt noch zwei Jahre. Danke sehr. Aber ob das wirklich helfen wird? Die Feststellung, dass eine Verlängerung von zwei Jahren nicht reicht, wird kaum bis nach den deutschen Bundestagswahlen auf sich warten lassen. Die dritte Alternative wäre jene, die z. B. der deutsche Finanzminister Schäuble vor kurzem ausgeschlossen hat: Austritt aus der EU. Worauf wir uns verlassen können: Die Demoralisierung geht weiter.

Was bedeutet das für die Menschen?

Die junge, überdurchschnittlich gut ausgebildete Mittelschicht, die Griechenland vorwärtsbringen könnte, wandert ins Ausland aus. Die Situation ist vertrackt, die Reaktion der Jugend jedoch verständlich. Wenn ihre Eltern die Zukunft so radikal verspielt haben, bleibt nicht viel anderes übrig. Die 20- bis 25-Jährigen werden zu dem, was viele Angehörige der Großvätergeneration in den 1960er-Jahren wurden, aber ihren Nachkommen ersparen wollten: Gastarbeiter.

Wie realistisch ist ein gesellschaftlicher Totalumbau? Dergleichen klingt immer so utopisch.

Sollte Griechenland sowohl in der Union als auch in der Eurozone bleiben, fürchte ich, die Gesellschaft wird in wenigen Jahren anders aussehen. Der Staat muss Geld einnehmen. Wenn dies nicht in ausreichendem Maße über Steuereinnahmen gelingt, wird gekürzt und verkauft. Kurzum: Eine Sanierung ist nur mit massiven Privatisierungen möglich. Auch bei einer Rückkehr zur Drachme dürfte dies passieren. Vielleicht wird Griechenland zum Experimentierfeld? Ein verkauftes Paradies, das von multinationalen Firmen gemanagt wird und in dem einheimische Greise servieren. Reiche Griechen, die ihr Geld in die Schweiz gebracht haben, werden dann mit ihrem erheblich erhöhten Vermögen zurückkehren, um Staatseigentum zu ergattern.

Viele Griechen scheinen total verzweifelt zu sein. Manche bringen sich sogar um.

Vor ein paar Monaten gab es eine Fotoreihe im Wochenendmagazin einer deutschen Tageszeitung. Es wurden die Orte abgelichtet, wo Griechen sich in letzter Zeit das Leben genommen haben. Sofern ich mich richtig erinnere, waren die Gründe für den Selbstmord in sämtlichen Fällen mit der jetzigen Krise verbunden - also durchaus ökonomisch bedingt. Der eine hatte seinen Job verloren, die andere konnte die erhöhten Zinsen nicht mehr zahlen, der dritte wollte seinen Kindern nicht zur Last fallen.

Man sollte annehmen, dass es selbst in einer katastrophalen Lage noch besser ist, ohne Geld zu leben, als tot zu sein.

Die „letzten" Orte, die diese Menschen wählten, waren fast immer Orte, die mit frühen Lebenserfahrungen verbunden waren - GPS-Punkte einer verlorenen Zeit. Die Welt, die ein letztes Mal aufgesucht wurde, war nicht unbedingt eine heile, sondern eine, in der diese Menschen noch eine Bedeutung hatten. Die jetzige Krise ist seit Langem keine bloß wirtschaftliche, sondern vor allem eine gesellschaftliche. Um die Probleme zu lösen, braucht es weit mehr als makroökonomische Maßnahmen. Die politische Elite muss anfangen, in anderen Begriffen als technokratischen zu denken. Ich vermag nicht einzusehen, wie das Land aus der Krise kommen soll, wenn nicht auch darüber geredet wird, welche Gesellschaft man möchte.

Griechenland gilt als Wiege Europas. Was ist da passiert seither? Offenbar wenig. Wer ist schuld?

Die Demokratie soll im antiken Attika erfunden worden sein. Aber seit den Tagen des großen Reformers Solon ist nicht viel Erbauliches passiert. Die demokratischen Strukturen in Griechenland sind jung. Sie stammen aus dem 19. Jahrhundert und wurden durch Krieg, Umwälzungen strapaziert. Der Glaube an einen wohlwollenden Staat, so wie wir ihn etwa aus Schweden kennen, ist nicht sonderlich stark. Die Elite mit ihren vielen Ablegern - den Funktionären, den Profiteuren, den Gewerkschaften - hat wenig unternommen, um ihn zu stärken. In dieser klientelistisch organisierten Gesellschaft hat es viel zu oft an dem gefehlt, was eine Voraussetzung für jede Demokratie ist: Solidarität.

Als Tourist oder Reisender hat man das Gefühl, dass es gar keine Gemeinsamkeiten zwischen Insel-und Festland-Griechen gibt. Passen die griechischen Strukturen zur EU?

Kennen sie den sogenannten „Melierdialog", den man beim antiken Historiker Thukydides nachlesen kann? Da treffen sich Vertreter der Hegemonialmacht Athen mit Vertretern des kleinen Inselreichs Milos in der Ägäis. Für die Athener ist die Lage einfach: Wenn die Melier frei bleiben wollen, müssen sie sich den Bedingungen Athens unterwerfen. Logischerweise erwidern die Inselbewohner: Wie können wir frei bleiben, wenn wir uns Bedingungen unterwerfen müssen, die bedeuten, dass wir unsere Freiheit verlieren? Also weigern sie sich. Die Athener richten daraufhin sämtliche erwachsenen Männer hin, Frauen und Kinder verkaufen sie in die Sklaverei: „Den Ort gründeten sie selbst neu, indem sie später 500 attische Bürger dort ansiedelten."

Kann man eine solche Brutalität mit der Lage heute wirklich vergleichen?

Natürlich möchte das heutige Athen - sprich: Brüssel - die praktisch insulare Wirtschaftsmacht Griechenland nicht in Trümmer legen. Aber die Konstruktion der jetzigen „Hilfe" ist wenig hilfreich. Für allzu viele Griechen scheint sie zu bedeuten, dass ihnen nahegelegt wird, gesellschaftlichen Selbstmord zu begehen. Es werden Maßnahmen verlangt, die keine Vorstellungen einer erträglichen Zukunft enthalten. Kein Wunder, dass die Menschen auf die Straße gehen. Oder nach Deutschland ziehen.

Gibt es wirklich keine Alternative?

Wie heißt es immer wieder bei den Politikern? Die Lage sei „alternativlos". Ich glaube, diese Alternativlosigkeit ist eins der größten Übel unserer Zeit. Eine Politik, die in solchen Kategorien denkt, wird wenig mehr tun können, als von Krisenherd zu Krisenherd zu eilen. Man muss einer zerrütteten Gesellschaft eine Vorstellung von Besserung bieten, die nicht bloß Aufopferung kennt. Sonst wird Hilfe, auch die wohlwollende, nur als Bestrafung wahrgenommen.

Gewöhnlich nutzt so eine Entwicklung vor allem (Rechts-)Extremisten.

Besuchen Sie einmal Vororte Athens, wo so viele Immigranten unter übelsten Umständen wohnen. Wenn die schwarzgekleideten Parteisoldaten von „Goldener Morgen" hier patrouillieren, sehen Sie die böse Verkörperung zu Mythen gewordener Klischees.

Klingt wie eine griechische Variante der wienerischen „Mir-san-mir"-Mentalität.

Spätestens in der Schule wird jedem griechischen Kind die Geschichte vom kleinen, stolzen Volk erzählt, das immer wieder von größeren Mächten bedroht ist, aber heldenhaft seine Unabhängigkeit zu verteidigen weiß. König Leonidas, der gegen den Perserkönig Xerxes stritt, ist ein typisches Beispiel. Nur 300 Spartaner gegen eine Armee von einer Million Soldaten - so sehen die mythischen Maßstäbe aus, auf die eine Nation bauen kann. Gerade erleben wir, wie dieses Selbstbild zerfällt. Auf fatale Weise wird Stolz mit Unabhängigkeit gleich gesetzt. Gibt es nicht das eine, kann es auch nicht das andere geben - so die unausgesprochene Annahme. Das ist eine verständliche, aber hysterische Reaktion. Stolz können die Griechen ja nicht gerade auf ihre Elite sein. Und ist das Land wirklich unabhängig, in diesen Zeiten globaler Bindungen? Es muss ein neues Verständnis von Selbstgefühl, und sicherlich auch von Eigenständigkeit, her. Mehr und mehr scheinen die alten Denkformen verbraucht zu sein.

Gibt es auch positive Aussichten?

Wenige. Vor allem schüchtert die verlorene Zukunft des Landes ein. Was in den letzten dreißig Jahren passiert ist, seit den ersten demokratischen Wahlen nach der Militärdiktatur, ist eine gewaltige Ausbeutung der Zukunft als Ressource. Nun wartet nur noch die Hypothek. Die kommende Generationen werden nicht für die Laster der Eltern zahlen wollen. Und müssen es dennoch. Es ist nicht schwierig sich vorzustellen, dass Solidarität hier auf der Strecke bleiben könnte.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Laut Personalausweis bin ich Schwede. Meines Wissens hatte unser Auswärtiges Amt auch nie Bedenken, mich als Vertreter des Landes ins Ausland zu schicken. Göteborg bleibt mein Geburtsort, Schwedisch meine Sprache. Mein Vater war Grieche, meine Mutter ist Österreicherin. Inzwischen dürften solche Ehen nicht ungewöhnlich sein. Nur bedeuten sie für Kinder wie mich, die in einem dritten Land geboren sind, dass es einem weniger dringend erscheint, ein Wort wie „Heimat" mit einem eindeutigen Hinweis zu versehen. Aber das heißt ja nicht, dass es keinen Sinn hätte. Es ist wie beim Abend- bzw. Morgenstern: Der selbe Planet, anders verstanden.

Wollen Sie eine Zukunftsprognose wagen?

Ob Hiob oder Kassandra, ich tue mich als Hellseher schwer. Aber für eine erfreuliche Überraschung bin ich immer zu haben.

Zur Person

Aris Fioretos wurde am 6. 2. 1960 als Sohn eines griechischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Göteborg geboren. Er studierte Literatur u. a. in Yale, hat eine Professur für Ästhetik, war aber auch an der schwedischen Botschaft in Berlin tätig. Fioretos übersetzte Hölderlin, Nabokov, Paul Auster. Sein Roman „Der letzte Grieche“ (Hanser 2011) beleuchtet griechische Schicksale, Migration, Lebenslügen im 20. Jh.