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Bayreuther Festspiele: Der neue „Ring“

Bayreuther Festspiele
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Zum 200. Geburtstag inszeniert das deutsche Theater-Enfant-terrible Frank Castorf ab 26.Juli die Nibelungen-Tetralogie und mag nicht von einem „Jahrhundert-Ring“, sondern eher von einem „Jahres-Ring“ sprechen.

Dass es nicht ohne Donnergrollen abgehen würde, war klar: Frank Castorf ist seit Jahr und Tag dafür berühmt, gehörig Staub rund um und seine Arbeit aufzuwirbeln. Also musste es im Vorfeld eines neuen „Rings“ zu süffigen Schlagzeilen kommen. Um die Macht des Öls werde es gehen, meinte der Regisseur, der die Tetralogie zwischen Tankstellen-Idyll und Berlin Alexanderplatz ansiedeln wird, und ein „Jahresring“ würde ihm absolut genügen.

Womit Castorf auf den sogenannten „Jahrhundert-Ring“ anspielt, den legendären Bayreuther Coup von Patrice Chéreau von 1976. Damals war der „Ring“ 100 Jahre alt, und der französische Regisseur sorgte mit einer frischen, ungemein bewegten Regiearbeit für gehöriges Aufsehen – im Rückblick weiß man, dass diese bis 1980 16-mal gezeigte Aufführung tatsächlich ein Jahrhundertereignis war. Die Auswirkungen waren epochal. Das Wort Opernregie hatte nach 1976 eine andere Bedeutung als vorher.

Die Bayreuther Festspiele selbst laborieren bis heute an den Folgen. Ein „Zurück zur Natur“ oder „Zurück zur Romantik“, wie es für den im ersten Jahr von Sir Georg Solti musikalisch betreuten nächsten Festspiel-„Ring“ propagiert worden war, konnte es offenkundig nicht geben. Sir Peter Halls Versuch – für den eigens ein riesiges Schwimmbecken für die Rheintöchter hergestellt wurde – erreichte nicht die übliche Bayreuther Halbwertszeit von fünf Saisonen. Sie war im Wagner-Jahr 1983 zur Zelebration des 100. Todestages des Komponisten herausgekommen, wurde aber bereits 1986 wieder abgesetzt.

 

Der Katzenjammer nach Chéreau

In der Folge gab es unterschiedlich erfolgreiche Deutungsversuche, von denen nur einer, Harry Kupfers von 1988 bis 1992 gezeigte, von Daniel Barenboim dirigierte Produktion, hohen musiktheatralischen Ansprüchen gerecht wurde. Was Alfred Kirchner – zum undifferenzierten Dirigat James Levines – und Jürgen Flimm zuwege brachten, erreichte kaum Stadttheaterniveau, wobei die Flimm-Premiere von 2000 auch die Entzauberung eines Dirigentenmythos mit sich brachte: Giuseppe Sinopoli enttäuschte selbst seine Verehrer im Angesicht des Opern-Olymps bitter. Der jüngste Bayreuther „Ring des Nibelungen“ war dann freilich ein musikalisches Ereignis, denn es bescherte den Musikfreunden die Begegnung mit der durch und durch überzeugenden, tiefen Interpretation Christian Thielemanns, dessen Bayreuth-Debüt just im enttäuschenden Premierenjahr des Flimm-„Rings“ stattfand: Am 1. August 2000 – es war der Abend nach einer allgemein als unzulänglich empfundenen „Götterdämmerung“ – hob der junge Berliner den Taktstock für eine Reprise von Wolfgang Wagners „Meistersinger“-Inszenierung.

Die fünf Stunden, die dem Auftakt folgten, gingen in die Annalen ein: Einen solchen Triumph hatte seit Langem kein Dirigent mehr auf dem grünen Hügel feiern dürfen. Von da an war es nur eine Frage der Zeit, bis Wolfgang Wagner selbst – und danach seine beiden Töchter Eva und Katharina, die sein Erbe antraten – sich dem musikalischen Ausnahmetalent ganz anvertrauten. Thielemann ist, was es zuvor in Neu-Bayreuth nicht gab, der musikalische Spiritus Rector des Festivals. Er betreut heuer die Wiederaufnahme des im Vorjahr von ihm einstudierten „Fliegenden Holländers“, wird 2015 einen neuen „Tristan“ – den Katharina Wagner inszenieren wird – dirigieren.

 

Christian Thielemanns Landnahme

Er braucht dann nur noch „Lohengrin“ einzustudieren, um alle zehn Wagner-Opern im Festspielhaus dirigiert zu haben, eine Bilanz, die bisher nur Felix Mottl aufzuweisen hat, jener Wiener, der die Festspiel-Ära von Wagners Witwe Cosima bis zum Jahr 1906 entscheidend mitgeprägt hat. Cosimas „Ring“-Inszenierung von 1896 hielt sich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs im Festspielplan und erreichte 29 Durchläufe. Richard Wagners eigene Uraufführungsproduktion von 1876 ist nur dreimal gezeigt worden. Die Chronik weist eine von 1924 bis 1931 immer wieder aufgenommene „Ring“-Inszenierung von Wagners Sohn Siegfried auf, die 1933 von Heinz Tietjens Neuproduktion abgelöst wurde, die während der Nazi-Ära (bis 1942) auf dem Programm stand.

1951 gelang den Komponistenenkeln Wieland und Wolfgang die Neugründung der Festspiele. Die beiden inszenierten den „Ring“ alternierend jeweils zweimal selbst. Wielands ganz auf Licht und starke Personenführung fokussierte Arbeiten waren für die Opernwelt so wirkungsmächtig wie die legendäre Chéreau-Produktion – keine Jahresringe jedenfalls, eher von einer Sprengkraft, die zumindest für Jahrzehnte reichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2013)