Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Abschied von der alten Industrie

(c) Reuters (JASON REED)
  • Drucken

Der Anteil der Industrie an der weltweiten Wirtschaftsleistung sinkt rapide. Doch die Branche verliert nicht an Bedeutung. Sie ändert nur ihr Gesicht.

Wien. Industrie ist wieder en vogue. Zumindest in den Sonntagsreden der Politiker von Brüssel über Washington bis Tokio kommen die Fabriken und ihre Arbeiter wieder an prominenter Stelle vor. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit klammern sich viele Regierungen an die früheren Beschäftigungsmotoren und stemmen sich gegen einen Wandel, der längst Realität geworden ist: Weltweit ist die Industrie auf dem Rückzug. Seit den 1960er-Jahren hat sich der Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung in den meisten Ländern der Welt nahezu halbiert (siehe Grafik). Selbst in China sinkt die Industriequote inzwischen.

Diesen Abwärtstrend wollen die Politiker stoppen. Die EU-Kommission setzte sich vor eineinhalb Jahren das Ziel, die Industriequote bis 2020 von derzeit 15,3 Prozent auf 20 Prozent hieven zu wollen. Ganz nach dem Vorbild der Deutschen (und Österreicher), die scheinbar dank ihrer starken Industrie unbeschadet durch die Krise gekommen sind.

Industrie ist Opfer des eigenen Erfolgs

Passiert ist seither nichts. Im Gegenteil: Europas Unternehmen klagen im Wochentakt über steigende Kosten und drohen mit Abwanderung. Auch in Österreich verliert die Industrie an Boden: Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung sank von über dreißig auf 18,2Prozent. Und mit ihm auch die Zahl der Industriearbeiter. War vor 50 Jahren noch jeder dritte Österreicher in der Fabrik tätig, so ist es heute nur noch knapp jeder sechste.

Das ist aber kein Grund zur Panik, beruhigen Ökonomen. Denn das Verschwinden der Industrie ist vor allem auch ein statistisches Phänomen. Kurz gesagt, die Industrie ist ein Opfer ihres eigenen Erfolgs, erklärt Christian Reiner vom Institut für höhere Studien. Da Industriebetriebe ihre Produktivität deutlich schneller steigern als Unternehmen in Landwirtschaft und im Dienstleistungssektor, werden Industriegüter im Vergleich immer günstiger. Der Anteil der Industrie an der gesamten Wertschöpfung sinkt automatisch. Und das, obwohl die Branche heute deutlich mehr Waren erzeugt als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Eine sinkende Industriequote allein sei daher kein Grund zur Besorgnis, sondern vielmehr „Folge wachsenden Wohlstands“, sagt Wifo-Forscher Michael Peneder. Je mehr Geld Menschen zur Verfügung haben, desto schneller ist ihr Bedarf an materiellen Gütern gedeckt. Das zusätzliche Einkommen fließt vor allem in Dienstleistungen.

EU-Ziel ist „vollkommen verfehlt“

Das Ziel der EU-Kommission, die Industriequote in ganz Europa auf 20 Prozent zu heben, halten die Forscher daher für „unrealistisch“ (Peneder) und „vollkommen verfehlt“ (Reiner). Das erinnere an „stalinistische Verhältnisse“, sagt der IHS-Ökonom. Ein hoher Industrieanteil sei kein Garant für starkes Wachstum. Auch das Vorbild Deutschland sei nicht gerade glücklich gewählt. Denn der Anteil der deutschen Industrie an der Wirtschaftsleistung war schon hoch, als Deutschland noch der kranke Mann Europas war.

Sinn ergibt die Forderung der EU-Kommission erst dann, wenn man sie als politische Botschaft versteht. Als Botschaft, dass Unternehmen in Europa willkommen sind und nicht auf dem Altar der Umweltbewegungen geopfert werden. Denn selbst wenn die Industrie in der Statistik kleiner wird, ihre Bedeutung für eine Volkswirtschaft ist ungebrochen groß. Zwar können die Fabriken nicht für Vollbeschäftigung sorgen, doch der Sektor ist und bleibt Rückgrat und Innovationsmotor für die Wirtschaft. Studien haben gezeigt, dass Forschungsquote und Innovationsgrad eng mit dem Anteil der Industrie in einem Land zusammenhängen. Nur dort, wo Wissenschaft und Wirtschaft eng zusammenarbeiten, entstehen die Innovationen, mit denen sich so viele heimische Unternehmen als Nischenkaiser global durchsetzen konnten. Aber auch der Anstieg des Dienstleistungssektors hängt vor allem im Export direkt von der Produktion von Waren ab. Nur wenn Österreichs Maschinen jenseits der Grenzen verkauft werden können, sind dort auch die Dienste der heimischen Techniker gefragt.

Österreich bleibt starkes Industrieland

Österreich wird ein starkes Industrieland bleiben, sind die Ökonomen überzeugt. Denn trotz aller Klagen, das Umfeld für Unternehmen in Österreich ist – abgesehen von der hohen Steuerbelastung – gut. Die Menschen sind gut ausgebildet, haben keine überzogenen Lohnvorstellungen und kennen das Wort Streik meist nur aus den Medien. Die heimische Industrie wird in der Statistik schrumpfen, verschwinden wird sie nicht. Doch sie wird in Zukunft anders aussehen als heute.

Denn so wie die arbeitsintensive Textilindustrie unter dem Druck der asiatischen Billigkonkurrenz Westösterreich verlassen musste, könnte es noch anderen Branchen gehen, die sich nur auf das Zusammenbauen bekannter Produkte verlassen. Das können andere billiger als wir. Nur Unternehmen, die mit Qualität oder Innovation punkten, werden bestehen. Stahl gießen allein ist heute nicht genug. Aber das macht hierzulande ohnedies niemand mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2014)