Krankenhaus Wien-Nord verzögert sich

Der Rohbau des Krankenhauses Nord ist fertig. Doch wegen Misswirtschaft und Chaos verzögert sich die Fertigstellung.
Der Rohbau des Krankenhauses Nord ist fertig. Doch wegen Misswirtschaft und Chaos verzögert sich die Fertigstellung.Stanislav Jenis

"Presse"-exklusiv: Interne Papiere zeigen Chaos und Kostensteigerungen beim Milliardenprojekt Krankenhaus Wien-Nord auf. Die Eröffnung wird sich verzögern.

Wien. Es ist ein Milliardenprojekt. Mit dem Krankenhaus Nord soll in Wien-Floridsdorf das modernste Spital Europas entstehen: Rund 800 Betten, 250.000 Ambulanzbesuche und 17.000 Operationen jährlich. Nun wurde der Rohbau fertiggestellt - ständig wird betont: Man liege im Zeitplan (Vollbetrieb 2016), die Kosten (825 Millionen Euro) würden eingehalten.

Die streng vertraulichen Papiere, die der „Presse" vorliegen, passen aber nicht zu diesen Aussagen. Sie zeichnen vielmehr ein Bild von chaotischen Zuständen, Fehlplanungen, Misswirtschaft und massiv steigenden Kosten. Ein Papier trägt den Titel „Zum Zustand des Projektes Krankenhaus Nord". Darin wird die massive Kritik der Begleitenden Kontrolle (sie überwacht die Entwicklung des Projekts) schriftlich festgehalten: „Nach Einschätzung der Begleitenden Kontrolle ist aus heutiger Sicht nicht mehr sichergestellt, dass die Projektziele hinsichtlich der Termine eingehalten werden können. In Bezug auf die Kosten sind die Reserven bereits weitgehend aufgebraucht." Im Klartext: Der Eröffnungstermin wird nicht halten, die finanzielle Reserve für Baukostenüberschreitungen sind bereits zwei Jahre vor der angepeilten Fertigstellung fast verbraucht.

KAV bestätigt: 2016 hält nicht

Der KAV bestätigt die Authentizität des Papieres. Dort wird indirekt bestätigt: Der Eröffnungstermin von Wien-Nord hält nicht. Konkret wird nicht mehr (wie bisher) von einem Vollbetrieb 2016 gesprochen, sondern nur noch von einer medizinischen Teilinbetriebnahme im Jahr 2016. Dass Wien-Nord damit deutlich später, voraussichtlich erst 2017 in Vollbetrieb geht, wird beim KAV nicht dementiert. Um wie viel sich das Projekt genau verzögert, kann dort noch nicht gesagt werden. Zu den finanziellen Reserven für das Projekt wird im KAV erklärt: „Die Hälfte der Reserven sind noch vorhanden."

Zu dem internen Papier, in dem massive Kritik geäußert wird, wird erklärt: Es sei eine Art Vorwarnsystem, damit man rechtzeitig auf Fehlentwicklungen reagieren könne. Man habe nun entsprechende Maßnahmen eingeleitet: „Ja, ein solches Bauprojekt hat Risken", es gebe Schnittstellenprobleme, werden die (in dem Bericht angeführten) Probleme kommentiert.

Reserven „weitgehend aufgebraucht“: Auszug aus dem internen Kontrollbericht.
Reserven „weitgehend aufgebraucht“: Auszug aus dem internen Kontrollbericht.Faksimile


In dem Schreiben heißt es wörtlich: „Begonnen haben die Probleme damit, dass die Tragwerksplaner teilweise unrichtige Pläne geliefert haben." Und: „Im Anschluss daran gab und gibt es Probleme mit mangelhafter Planlieferung sowohl in der Architektur als auch in der Haustechnik-Ausführungsplanung." Über die Örtliche Bauaufsicht (ÖBA) und Projektsteuerung (PS) wird das vernichtende Urteil gefällt: „Sie sind seit Monaten nicht in der Lage, gültige, aktuelle Terminpläne zu erstellen und mit den ausführenden Gewerken abzustimmen."

Was zusätzlich für Verzögerungen sorgt: „Es gibt Auffassungsunterschiede zwischen den Planern und den ausführenden Firmen, wie detailliert die Ausführungsplanung sein muss." Bemerkenswerter Nachsatz: „Aufgrund dieser Diskussion beginnen die ausführenden Firmen in vielen Bereichen verspätet oder überhaupt nicht." Nebenbei würden Leistungsabweichungen „teilweise schleppend, verspätet und bürokratisch bearbeitet", heißt es auch. Besonders massiv wird die Projektsteuerung kritisiert. Sie liegt in den Händen mehrerer Firmen (Ingenos.Gobiet.ZT GmbH, Vasko + Partner und ibb): „Die PS versucht nicht einmal, die Projektbeteiligten zu einer Lösung hinzusteuern." Das Fazit der Begleitenden Kontrolle fällt vernichtend aus: „Was derzeit fehlt, sind fachkundige Macher, die Prozesse nicht nur kommentieren, sondern die Prozesse [. . .] durchsetzen und Resultate von den Projektbeteiligten einfordern."

Symptomatisch für diesen Zustand: „Es ist auch noch ein Mitglied der Arge, die mit der Errichtung der Fassade (110.000 m2, Anm.) beauftragt ist, in Konkurs gegangen", heißt es in dem Bericht. „Presse"-Recherchen dazu ergeben pikante Details. „Ein Puzzleteil" für die Insolvenz der MA-TEC Stahl- und Alubau GmbH (so Alexander Klikovits vom Kreditschutzverband 1870) sei Wien-Nord gewesen: Die Firma hatte für Wien-Nord Kapazitäten bereitgestellt, der Auftrag verzögerte sich wegen der dortigen Missstände, was der Firma wirtschaftlich geschadet hat. Hauptgrund für die Insolvenz waren laut Klikovits zwar Managementfehler, aber Wien-Nord sei eben ein Puzzleteil gewesen.