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Die Postkarte, eine fast österreichische Erfindung

POSTKARTE: SELIGSPRECHUNG KAISER KARL I
(c) APA
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Aufgebracht hat das Postkarten(un)wesen Ende des 19.Jahrhunderts als billige, massenweise verfügbare Alternative zum Brief ein preußischer Postmeister, umgesetzt hat es die österreichische Post.

Schuld sind, wie an so vielem, die Perser. Genauer gesagt wohl Kyros II., sechster Großkönig der Achaimeniden-Dynastie, Regierungszeit etwa 559 bis 530 vor Christus. Unter seiner Herrschaft entstand zwischen Kleinasien und dem Industal das erste umfassende Postsystem der Geschichte: Im Abstand jeweils eines Tagesrittes wurden Herbergen und Poststationen eingerichtet, an denen die staatlichen Boten ihre Pferde wechseln konnten.

Über die Historiker und (Kriegs-)Berichterstatter Herodot und Xenophon kam Kunde von diesem System nach Europa, aber die griechischen Stadtstaaten konnten sich nicht dazu durchringen, ein überregionales Nachrichtensystem aufzubauen. Das blieb den Römern überlassen: Unter Cäsar und Augustus wurde der „cursus publicus“ eingerichtet, ein Logistiksystem, das den Transport von Botschaften und Gütern durch das ganze Imperium ermöglichte – wenn auch nur für den Kaiser und seine Funktionäre.

Der „cursus“ verfiel mit dem Untergang des weströmischen Imperiums, im sechsten Jahrhundert stellte auch Byzanz seinen Postbetrieb wieder ein und setzte – wie der Rest Europas – erneut auf individuelle Boten, die Botschaften vom Sender bis zum Empfänger brachten. Von da an sollte es fast tausend Jahre dauern, bis wieder ein zentral organisiertes Postwesen entstehen sollte: 1490 baute Janetto von Taxis eine Verbindung zwischen dem Hof Maximilian I. in Innsbruck und jenem seines Sohnes Philipps, zunächst in den Niederlanden, später in Kastilien auf.

Aus dieser Wurzel sollte sich die Thurn und Tax'sche Reichspost entwickeln, die das Postwesen in Mitteleuropa dominierte – und nach und nach auch für private Sendungen zur Verfügung stand.


Bildung als Erfolgsrezept. Ursprünglich wurden Postsendungen auf diesem Weg zunächst gefaltet, dann versiegelt. Erst Mitte des 18.Jahrhunderts – mit der Verbreitung billigen, in Masse produzierten Papiers – kam die Verwendung von Kuverts in Mode. Bis es zur Erfindung der Postkarte kam, fehlten aber noch zwei Zutaten: die verbreitete Fähigkeit, lesen und schreiben zu können – und die Möglichkeit für breite Schichten, sich Karte und Porto leisten zu können.

Beides breitete sich im 19.Jahrhundert aus – dank der Einführung der Schulpflicht und der industriellen Revolution. Die Idee, dass es auch Nachrichten ohne Geheimhaltungsbedürfnis geben könnte, die somit auch offen versendet werden können, brachte schließlich 1865 der preußische Oberpostrat Heinrich Stephan Schlug auf einer Postkonferenz in Karlsruhe vor – er wollte damals schon „Correspondezkarten“ mit aufgedruckten Wertzeichen einführen, um die Möglichkeit des Postverkehrs billig anzubieten.

Erstmals umgesetzt wurde die Idee dann aber von der österreichischen Post: Am 1.Oktober 1869 führte die heimische Post die rechteckige „Correspondenz-Karte“ samt aufgedruckter Zwei-Kreuzer-Marke ein – eine Seite war für die Adresse, die andere für die Nachricht vorgesehen, Bilder gab es da noch nicht, abgesehen von dem Doppeladler in der Marke. In den folgenden Jahren führten nach und nach alle Länder die „Correspondenz-Karten“ ein – vorerst durfte nur die Post sie verkaufen und nur „nackt“, also ohne Bilder. Aber die Kunden hatten die Möglichkeit, eine solche Karte selbst zu illustrieren und dann weiterzuverkaufen. So ist zur Zeit des deutsch-französischen Kriegs 1870–1871 die erste Bildpostkarte entstanden: Ein Oldenburger Buchhändler bedruckte eine „Correspondenz-Karte“ mit einer Darstellung deutscher Artillerie.

Ab 1872 durften auch Private Postkarten verkaufen – gleichzeitig mit dem Aufkommen des Massentourismus. Der wurde zum Katalysator der Postkartenbewegung: Vor allem lokale Touristenattraktionen boten forthin Motive feil, die man den Zuhausegebliebenen zukommen lassen konnte.

Als goldenes Zeitalter der Postkarte gilt die Zeit zwischen 1895 und dem Ersten Weltkrieg: Durch vielfältige neue Drucktechniken (von der Chromotlitografie bis zu Fotoabzügen) und billige Produktion wuchs die Zahl der Motive ins schier endlose; in großen Städten etablierten sich Philokartisten-Vereine, das Sammeln von „Gruß aus . . .“-Karten wurde Kult.

Der dauerte aber nur bis zum Ersten Weltkrieg, als die idyllischen Urlaubsmotive patriotischer Propaganda weichen mussten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)