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Oft banal, aber begehrt: Schriftstellers Grüße

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(c) www.bilderbox.com
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Das Mitteilungsbedürfnis von Literaten auf Postkarten war hoch, der literarische Gehalt nicht immer.

„Lieber Scott, wie geht's dir? Hab gedacht, ich komm vorbei [...]“. Lapidar liest sich der Text auf der Postkarte angesichts des Absenders: F. Scott Fitzgerald hat sich diese Grüße gleich selbst geschickt. Ein Gag übrigens, der im Postkasten bekannter Autoren öfter auftaucht. Pragmatismus, Floskeln und nicht allzu private Details: Anders als im elaborierten Briefwechsel war auf den wenigen Quadratzentimetern kein Platz für intellektuelle Wendungen und stilistischen Feinschliff. Wenn man etwa das Gekrakel von Ernest Hemingways oder Franz Kafkas knappen Botschaften liest, muten sie erstaunlich nüchtern an. Selbst Thomas Mann nutzte die Postkarte, um den Daheimgebliebenen Simples mitzuteilen, etwa, dass er viel Joghurt trinkt: „Es ist wohlschmeckend und leicht abführend.“ Die Postkarte schreibt der Schriftsteller außer Dienst.

Doch gerade wegen ihres Alltagsgehalts sind Postkarten bekannter Autoren ein wertvoller Beitrag neben den gesammelten Briefwechseln und anderen Autografen. Reisegewohnheiten und Ortswechsel lassen sich dadurch besser nachvollziehen, es lässt sich mehr über das erweiterte soziale Netzwerk des Schreibers herauslesen. Eher selten nutzte ein Autor die Postkarte so sehr wie Jurek Becker – ständig schickte er seinem Sohn welche und nutzte sie für literarische Kleinformen. Manche Autoren hinterließen auch Zeichnungen: Kurt Vonnegut signierte gern mit seinem Kopfprofil. All das macht Postkarten für Sammler zusätzlich interessant – und teuer: Autografen-Postkarten können schon ein paar hundert Euro kosten.

Verkünder. Immer wieder gerät die Postkarte auf das Radar von Sprach- und Literaturwissenschaftlern, die dann nicht nur Inhalt und Schreiber zerlegen, sondern auch die Strukturen der Kommunikation, Worte, Syntax, den Text zwischen den Zeilen. Dass das Medium oft selbst zum literarischen Gegenstand wurde, ist naheliegend, in vielen Romanen und Dramen ist es ein Requisit von schwankender Bedeutung: als Verkünder, Verheißer und Unheilbringer, meist aber von geringerer Sprengkraft als ein Brief. Manchmal verweist das Werk darauf schon im Titel: Etwa „Postkarten“, Annie Proulx' bemerkenswerter US-Heimatroman.

Es kann aber auch das Umgekehrte geschehen: Nicht die Postkarte zieht in die Literatur ein, sondern die Literatur in die Welt der Postkarte. Dann landet ein Satz Kafkas im Postkasten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)