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Die Pensionstouristinnen aus der Ostukraine

Donetsk(c) REUTERS (MAXIM SHEMETOV)
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Nachdem Kiew die Pensionszahlungen in die selbst ernannten Volksrepubliken eingestellt hat, hat ein regelrechter Pensionstourismus in die von der ukrainischen Armee kontrollierten Gebiete eingesetzt.

Die 61-jährige Lilia Pawlowa beweist eine Engelsgeduld. „Seit halb sechs Uhr früh stehe ich hier“, sagt sie und schaut auf die Uhr: Es ist bereits zwölf Uhr mittags, und sie ist erst bis zur Mitte der Schlange vorgerückt. Mehrere hundert ältere Frauen und Männer in Wintermänteln stehen vor dem Gebäude auf dem Donezker Artjom-Prospekt 63 an, die Menschentraube zieht sich auf dem Gehsteig entlang. „Das ist doch absurd“, entfährt es einer Frau angesichts der Masse der Wartenden und läuft entnervt davon.

Seit Juli habe sie ihre Pension nicht erhalten, klagt Pawlowa. Die ukrainische Regierung zahlt seit Anfang November offiziell keine Pensionen und Sozialleistungen mehr in den Separatistengebieten aus. Man könne die sichere Ankunft des Geldes bei den Bedürftigen nicht garantieren, die Zahlungen dürften nicht den „Terroristen“ – so die Diktion in Kiew – in die Hände fallen, heißt es. Außerdem könnten keine Steuern eingehoben werden.

In den Bürgern kochen Wut und Enttäuschung. 40 Jahre lang habe sie als Buchhalterin gearbeitet, sagt die Frau mit der blauen Stoffhaube. „Die Ukraine hat uns einfach aufgegeben.“ Eine andere Frau klagt: „Wir haben doch überhaupt kein Geld mehr.“ Bankomaten funktionieren in der Donezker Volksrepublik schon lange nicht mehr, alle Banken sind geschlossen. Nur ein paar Wechselstuben haben geöffnet, bündelweise tauschen die Menschen die Landeswährung, Griwna, in stabile Währung um – wenn man denn Bares hat.

Auf dem Artjom-Prospekt erhalten die beiden Frauen eine Hilfszahlung von 1000 Griwen, 50 Euro, bereitgestellt von der Führung der Donezker Volksrepublik. An anderen Stellen in der Stadt gibt der Hilfsfonds des Oligarchen Rinat Achmetow Essenspakete aus. Auch hier stehen hunderte Schlange. Die humanitäre Lage ist angespannt: In der Region verbreiten sich Meldungen von ersten Hungertoten.

 

„Hier ist ja richtige Zivilisation!“

40 Kilometer und ein paar Straßensperren weiter nördlich, in Artjomowsk, auf der ukrainischen Seite – auch hier das gleiche Bild: Wartende Menschen. In Artjomowsk funktionieren die Bankomaten und bargeldlose Zahlungssysteme noch. Die 40-jährige Helena ist aus dem nahen, von prorussischen Kämpfern kontrollierten Gorlowka gekommen, um 200Griwen, umgerechnet zehn Euro, zu beheben. „Das ist das erste Mal, dass ich seit einem halben Jahr aus Gorlowka rauskomme“, sagt sie. „Hier ist ja richtige Zivilisation!“

Bisher habe sie von humanitärer Hilfe der Separatisten gelebt. In Gorlowka, so erzählt sie, sei bis auf ein paar Lebensmittelläden alles geschlossen, viele Gebäude durch den wochenlangen Artilleriebeschuss zerstört. Dennoch will sie dort weiter ausharren – weil sie die Separatisten unterstützt. Für Helena ist einzig die Regierung in Kiew an der derzeitigen Lage schuld, sie benutzt Begriffe, die auch die Führung der Donezker Volksrepublik in ihrer Propaganda verbreitet: In der Ostukraine ereigne sich ein „Genozid“. Zuerst habe das Militär die Städte beschossen, jetzt würden die Menschen finanziell ausgehungert.

Die Regierung in Kiew hat den Bürgern, die im Donbass bleiben wollen, ein Schlupfloch offengelassen, weiterhin an die Sozialleistungen zu kommen: In Städten wie Artjomowsk, die nicht weit von der Front entfernt liegen, können Rentner und Bedürftige ihr Geld erhalten. Dazu müssen sie den Status eines „Umsiedlers“ beantragen, sich bei den Behörden registrieren.

 

„Das ist unwürdig“

Die 55-jährige Ljudmila Sergeewna, ebenfalls aus Gorlowka, wartet seit einer Stunde vor einer Filiale der russischen Sberbank auf Auszahlung ihrer Rente. Doch dankbar ist die Frau mit dem Pelzhut nicht. Im Gegenteil: Sie ist wütend, dass sie sich hier um ihre Pension anstellen muss. „Warum verlangt Kiew das?“, sagt sie. „Ich habe Jahrzehnte für die Ukraine gearbeitet – und jetzt muss ich hier unwürdig warten.“

Nur zwei Pensionistinnen aus dem Städtchen Harzysk scheinen den Ausflug auch ein wenig genossen zu haben. Lena Iwanowna sitzt mit ihrer Freundin in der letzten Reihe eines Minibusses. Fast vier Stunden Fahrt und mehrere Checkpoints liegen vor den beiden älteren Damen. „Wir sind die Pensionstouristinnen“, sagt Iwanowna selbstironisch und beißt in einen Apfel. Wann ihre Pension bereitgestellt wird, erfährt sie per SMS. Dann steigt sie wieder in den Bus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2014)