Friedensglocken in Havanna läuten Anfang vom Ende der Diktatur ein

Die Annäherung zwischen den Erzfeinden USA und Kuba ist eine frohe Botschaft für viele Kubaner. Obamas Kurswechsel leitet eine neue Ära ein.

In der dem Verfall preisgegebenen Altstadt von Havanna läuteten die Kirchenglocken, aber nicht als Reverenzerweisung an den Jesuitenschüler Fidel Castro, den greisen Caudillo, oder an den argentinischen Jesuiten im Vatikan, Papst Franziskus, zu dessen 78.Geburtstag. Nein, die Glocken läuteten nach mehr als fünf Dezennien des Kalten Kriegs eine neue Ära in der Region ein; viele Kubaner jubelten über das vorzeitige Weihnachtsgeschenk. Am Ende eines düsteren Jahres, nach der Annexion der Krim, inmitten der schwelenden Ukraine-Krise, im Jahr des Terrors der islamistischen IS-Milizen in Syrien und im Irak und des neuerlichen Kollapses einer Nahost-Friedensinitiative verkündeten die Friedensglocken eine frohe Botschaft für viele Amerikaner, ob nördlich oder südlich des Rio Grande: Simultan beschworen Barack Obama in Washington und Raúl Castro in Havanna das Ende der Feindseligkeiten in einem Konflikt, der sich überlebt hat.

Was Fidel Castro, beinahe 50 Jahre lang der Maximo Líder auf der Zuckerinsel, davon hält, wird wohl demnächst in seiner Kolumne im Parteiorgan „Granma“ nachzulesen sein. Franziskus, der Papst aus Lateinamerika, hat indessen in der Tradition der christlichen Friedensmission die Annäherung eingefädelt und könnte dafür womöglich den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommen. Wundern sollte sich jedenfalls niemand darüber, könnte die Aussöhnung zweier Erzfeinde für ähnlich vertrackte und scheinbar hoffnungslose Konflikte vom Golan über den Kaukasus bis zum Hindukusch durchaus ein Exempel statuieren. Dass die kolumbianische Guerilla-Organisation Farc just in Havanna ein Friedenssignal ausgesendet hat, ist die zweite gute Nachricht aus Kuba für Lateinamerika und wohl zufällige Koinzidenz.

Mehr als fünf Jahrzehnte US-Sanktionen und der Zusammenbruch des Sowjetimperiums haben nicht bewirkt, was der Einbruch des Ölpreises und die Wirtschaftskrise in Venezuela, seit den Tagen des Hugo Chávez, eines großzügigen Sponsors des Castro-Regimes, geschafft haben: die tropische Spielart des Steinzeitkommunismus, sonst nur noch in Nordkorea an der Macht, zum Einlenken zu bewegen. US-Präsident Obama ließ sich von der Einsicht leiten, dass das Embargo die Diktatur der Castro-Brüder nur zementiert hat. Im Umkehrschluss büßt das Regime in Havanna ein mächtiges Instrument der Propaganda ein, nämlich den „bösen Yankees“, dem Klassenfeind, die Schuld für die Misere in Kuba zuzuschieben. Ohnedies existiert auf der Karibikinsel längst eine Zweiklassengesellschaft: jene, die Dollars besitzen, und jene, die ohne US-Devisen dahinvegetieren.


Revolutionsnostalgiker fürchten nun den Run der Exilkubaner auf Havanna und den Ausverkauf des Tafelsilbers. Eine Öffnung des Markts, so das Argument der Strategen im Weißen Haus, werde über kurz oder lang auch eine gesellschaftliche und politische Liberalisierung auslösen und am Ende der Demokratie zum Sieg verhelfen. In China zerschlugen sich bis dato indes ähnliche Hoffnungen. So weit ist es aber ohnehin noch nicht. Denn so sehr Obama im letzten Viertel seiner Präsidentschaft sich zur Courage entschlossen hat und von einer aktiven Außenpolitik getrieben ist, so sehr wird er im Kongress auf vehementen Widerstand der republikanischen Mehrheit stoßen. Nur das Kapitol hat die Befugnis, die Sanktionen gegen Kuba aufzuheben, und führende Republikaner wie Marco Rubio oder John McCain halten dem Präsidenten Naivität und außenpolitische Schwäche vor. Sie werden auch die Atomgespräche mit dem Iran mit Argwohn beobachten.

Der Zauderer Obama hat das – kalkulierte – Risiko entdeckt. Mit Kuba ist ein Anfang gemacht, die Streichung des Regimes von der Terrorliste ist überfällig. Washingtons erste Maßnahmen könnten das hohle System indessen schneller zum Einsturz bringen, als manche glauben. Denn die Kubaner hungern und dürsten nach Fortschritt und Reformen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2014)