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Microsoft: Make Love! And Money.

Microsoft CEO Nadella speaks during a Microsoft cloud briefing event in San Francisco
Microsoft-Chef Satya Nadella(c) REUTERS (ROBERT GALBRAITH)
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Im ersten Jahr an der Spitze verordnete Satya Nadella Microsoft einen Kurswechsel. Unter ihm will der Konzern nicht nur unser Geld, er will unsere Liebe. Dafür versöhnt er sich mit alten Feinden.

Alles begann wie immer. Vor wenigen Tagen versammelte Microsoft-Chef Satya Nadella eine Heerschar an Journalisten um sich, um das neue Betriebssystem Windows10 anzupreisen. Doch mit nur wenigen Worten machte der gebürtige Inder aus einer stereotypen PR-Veranstaltung einen Moment der Wahrheit für den weltgrößten Softwarekonzern: „Wir wollen, dass die Menschen Windows nicht mehr nur brauchen“, sagte er. „Wir wollen, dass sie Windows lieben.“

Es war das Geständnis eines geplagten Industriegiganten.

Microsoft mag zwar immer noch eine Multimilliarden-Dollar-Maschine sein. Ein Objekt der Begierde ist es nicht. Zu tief hat sich in den vergangenen Jahren das Bild vom schwerfälligen Koloss in das kollektive Gedächtnis vieler Konsumenten eingebrannt. Selbst eine Reihe durchaus ambitionierter Produkte konnten daran nichts ändern. In den Köpfen ist Microsoft immer der böse, alternde Monopolist geblieben, der die Welt mit seinem Betriebssystem überzogen hat. Das finden beileibe nicht alle schlecht. Aber glühende Verehrer, wie es etwa Apple und sogar Samsung haben, sind bei Microsoft Mangelware.


Immer einen Schritt zu spät. Nach dem Abgang des Firmengründers, Bill Gates, hat der Konzern gehörig an Charme eingebüßt. Sein Nachfolger, Steve Ballmer, war zwar ein großer Verkäufer, aber bis zuletzt weit davon entfernt, zum Technik-Guru zu werden, der den Menschen zeigt, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Genau das aber erwarten viele Menschen von „ihren“ Technologiekonzernen. Genau dafür werden Apple und Co. geliebt.

Diese Liebe hat sich Microsoft in den vergangnen Jahren vielleicht wirklich nicht verdient. Denn die längste Zeit stand sich das Unternehmen selbst im Weg. Mit Ausnahme der Spielkonsole Xbox wurden kaum neue Microsoft-Produkte wirklich enthusiastisch von den Endkunden angenommen. Meist war das Unternehmen ohnedies zu spät dran, wie etwa beim Smartphone-Boom, oder aber es erzeugte Geräte, die sich keine zwölf Monate auf dem Markt behaupten konnten, wie den iPod-Rivalen Zune. Das Surface-Tablet, Microsofts Antwort auf Apples iPad, war zwar ausgereift, kam aber reichlich spät. Im Kerngeschäft mit Software für Desktop-Computer erlahmte das Geschäft, bei allen neuen Entwicklungen schien das Unternehmen immer einen Schritt hinterherzuhinken.


Microsoft liebt Linux. Vor einem Jahr ist der 47-jährige Satya Nadella angetreten, um genau das zu ändern. Die Abhängigkeit von Windows sollte schrumpfen, die Liebe der Menschen zum Konzern wieder aufleben. Die Bilanz seines ersten Jahres kann sich sehen lassen. Er hat Microsoft in vielerlei Hinsicht geöffnet und so manches Kriegsbeil begraben: „Ich will keine alten Schlachten kämpfen“, sagte der Manager vergangenen Herbst, nur um sich eine Sekunde später mit einem der größten Erzfeinde auszusöhnen: „Microsoft liebt Linux“, ließ Nadella die Öffentlichkeit wissen. Das Open-Source-Betriebssystem wurde lange Jahre als der natürliche Feind von Microsofts Windows angesehen. In der Branche ebenso wie innerhalb des Konzerns. Knapp nach der Jahrtausendwende bezeichnete Nadellas Vorgänger Steve Ballmer Linux noch als „bösartigen Krebs“.

Es ist ein weiter Weg von einer tödlichen Krankheit zur Liebe. Der praktizierende Buddhist Satya Nadella zeigt: Man kann ihn gehen.

Wobei er freilich nicht vergessen hat, dass er an der Spitze eines börsenotierten Unternehmens steht. Die Liebeserklärung an Linux kam zu einer Zeit, in der es kaum eine Möglichkeit gab, den Konkurrenten weiter zu ignorieren. Das weiß niemand besser als Nadella selbst, der zuvor lange Jahre für das Cloud Computing bei Microsoft verantwortlich war. Unter dem Namen Azure bietet Microsoft die Möglichkeit, Rechnerleistung über das Internet zu mieten, ohne sich eigene Hardware anzuschaffen. Als Nadella die Friedenspfeife auspackte, war ein Fünftel seiner Azure-Kunden mit Linux unterwegs.


Relevant bleiben. So könnte man den Gedanken hinter Microsofts erhoffter Verwandlung in einen „netten“ Kollos beschreiben. Nadella gab die Bürosoftware Office für Apples iPad frei, hat mit Windows 10 erstmals ein Microsoft-Betriebssystem auf den Markt gebracht, das auf allen Geräten funktioniert, ganz gleich, ob Computer, Tablet oder Smartphone. Bestandskunden können es sogar ein Jahr lang gratis benutzen.

Die ganz große Geste packte der Microsoft-Chef aber erst nach der Präsentation von Windows10 aus: die Computerbrille Hololens. Für den Konzern ist sie nichts weniger als die nächste Generation der Computer. Die Chance, dass das Versprechen eingelöst werden kann, steht nicht schlecht. Denn der Name erinnert nicht zufällig an das Holodeck aus der Science-Fiction-Serie Star Trek. Mit der Hololens will Microsoft die virtuelle Welt nahtlos mit der Realität verschmelzen.

Als Steve Jobs 2007 das iPhone enthüllte, sagte er, dass große Fortschritte bei Computerprogrammen oft davon abhängen, welche Möglichkeiten Menschen haben, mit dem Computer zu interagieren. So war es bei der Erfindung der Maus in den 1980er-Jahren, so war es nach der Einführung der Touchscreens. Erst danach konnten Programmierer Anwendungen bauen, die heute ganz selbstverständlich zum Alltag gehören. Tragbare virtuelle Realität könnte tatsächlich der nächste Sprung in der Branche sein. Nicht umsonst arbeiten alle Größen an ähnlichen Projekten. Facebook kaufte die Macher der 3-D-Brille Oculus Rift, Google baute die Computerbrille Google Glass. Sony entwickelt ein spezielles Headset für Gamer unter dem Namen Morpheus. Anders als Oculus Rift und Morpheus beansprucht Microsofts Hololens aber nicht das komplette Blickfeld des Nutzers für sich. Ziel ist vielmehr, virtuelle Elemente in die reale Welt einzubauen. Damit wird die Zahl der möglichen Anwendungen stark erweitert. Wer online ein Möbelstück kaufen will, könnte sich so etwa vorab direkt im Raum ansehen, welches Sofa sich in der Ecke am besten macht. Die ganze Welt würde zur Bedienoberfläche für Hololens-Programme.

Der Computer ist überall. Noch ist das Produkt nicht mehr als ein Versprechen, dessen Einlösung noch etliche Jahre auf sich warten lassen wird. Gut möglich, dass Microsoft scheitert, gut möglich, dass andere schneller sind. Aber immerhin liefert Nadella seit Langem wieder eine Vision für die Zukunft.

Die nüchterne Realität holte den Microsoft-Chef vergangene Woche ein. Im abgelaufenen Quartal sanken die Gewinne um zehn Prozent auf 5,9 Milliarden US-Dollar. Die Investoren, bisher seine größten Fans, warfen große Mengen an Microsoft-Aktien auf den Markt und vernichteten so 35 Millionen Dollar an Firmenwert. Der Aktienkurs brach um neun Prozent ein.

Die größten Sorgen bereitet ihnen das Geschäft mit dem Betriebssystem Windows, weil die Nachfrage nach klassischen Computern stockt. Damit ist aber auch der ursprüngliche Plan von Microsoft-Gründer Bill Gates in Gefahr. Er baute sein Unternehmen vor Jahrzehnten im festen Glauben auf, dass (fast) jeder Mensch einmal einen Computer auf dem Schreibtisch stehen haben wird. Er sollte recht behalten. Apple-Boss Steve Jobs ging einen Schritt weiter und wettete darauf, dass ein Großteil der Menschen einen Computer in der Hosentasche haben wird. Auch das wurde Realität. Microsoft hat diese Entwicklung verschlafen, Apple ist an der Börse heute doppelt so viel wert wie sein Rivale aus Redmond. Der Softwarekonzern musste eine neue Vision suchen und hat sie vielleicht gefunden: Eine Zukunft, in der der Computer quasi überall ist.


Niemand gewinnt allein. Damit die Menschen ihre Realität – auf welchem Gerät auch immer – mit der Welt von Microsoft verschmelzen werden, will der Konzern nun ihre Herzen erobern. Denn die Zeit, in der es keine Alternative zu Windows gegeben hat, ist längst vorbei. Das Angebot an Geräten und Software ist unüberschaubar groß. Und es kommt aus einer Unzahl an unterschiedlichen Quellen: Apple, Amazon, Google, Microsoft, Samsung, Open Source. In vielen Märkten ist Microsoft heute nur ein Mitläufer. „In der Tech-Zukunft gibt es kein ,the winner takes it all‘ mehr“, ist Nadella überzeugt. Niemand kann den großen Kampf gewinnen. Schon gar nicht Microsoft.

Um sicherzustellen, dass das Unternehmen wenigstens einen Teil der Zukunft für sich gewinnen kann, muss es sich Freunde schaffen und für die Zukunft der Menschen relevant werden. Vielleicht fällt auf dem Weg dahin sogar ein wenig Liebe von uns ab.

In ZAhlen

90

Prozent
aller Desktop-Computer laufen immer noch mit Microsofts Betriebssystem Windows. Der Verkauf der klassischen Computer lahmt.

3

Prozent
Marktanteil konnte der Konzern mit Windows Mobile auf dem Wachstumsmarkt mit Smartphones und Tablets ergattern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2015)