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Ukraine: Gewehrsalven als Vorboten für die Schlacht um Mariupol

(c) REUTERS (BAZ RATNER)
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Armee und Separatisten ringen verbissen um die Kontrolle des Dorfs Schirokino vor den Toren Mariupols. In der Hafenstadt geht die Angst vor einer Großoffensive um.

Schirokino war einmal ein ruhiges Dorf vor den Toren von Mariupol, Refugium für jene, denen es in der Stadt zu laut und hektisch war: Einfamilienhäuser mit großen Obstgärten, bunt angestrichene Ferienwohnungen, ein Jachtclub namens Delfin; 2000 Einwohner, die aus ihren Häusern direkt aufs Asowsche Meer blicken. Heute ist es ein Ort, in dem die Gewehrsalven nicht verstummen wollen. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends seien vor ein paar Tagen Schüsse zu hören gewesen, sagt Maria Iwanowa, eine Anrainerin.

In Schirokino findet ein verbissenes Gefecht der Scharfschützen um Häuser und Gärten statt. Meter um Meter ringen hier die ukrainische Armee und prorussische Kämpfer um die Vorherrschaft. Durch das Dorf verläuft die Frontlinie. Iwanowas Haus ist auf der ukrainischen Seite gelandet. „Wir konnten den Gegner mit freiem Auge sehen“, sagt die Frau. Die vergangenen zwei Wochen hat sie im Keller verbracht. Keine Fensterscheibe in ihrem Häuschen ist mehr ganz, das Dach sei zur Hälfte durch den Beschuss eingebrochen. Iwanowa schätzt, dass 70Prozent des Ortes zerstört sind.

 

Präludium für ein Drama

Maria Iwanowa, eine 65-jährige Pensionistin, sitzt im Keller der Bezirksverwaltung Ordschonikidse in Mariupol, zehn Kilometer weiter westlich, vorerst in Sicherheit. In einer langen Reihe wartet sie auf Dokumente. Am vergangenen Freitag wurde sie mit 30 anderen Dorfbewohnern in einem Bus in Sicherheit gebracht, die Kämpfe waren kurz zu einem Halt gekommen. Derzeit blicken in der Ukraine alle nach Schirokino, denn die heftigen Gefechte dort könnten nur Präludium sein für ein noch größeres Drama: die Offensive der Separatisten auf Mariupol.

Seit Wochen droht die prorussische Führung in Donezk mit einem Angriff auf Mariupol, die 470.000 Einwohner zählende Hafenstadt am Asowschen Meer. Die Front im Süden der sogenannten Donezker Volksrepublik (DNR) wurde im vergangenen August eröffnet, als Separatisten, unterstützt von Einheiten aus Russland, bis nach Nowoasowsk heranrückten. Seitdem ist die Pufferzone geschrumpft. „Wir rechnen jederzeit mit einem Angriff“, sagt der ukrainische Vizekommandant des südlichen Sektors, Oberst Viktor Schydljuch. Die Stadt sei ein „strategisches Objekt“, und die Armee sei bereit, sie „bis zuletzt“ zu verteidigen.

Die Attraktivität von Mariupol für die Separatisten liegt auf der Hand: Die Stadt würde nicht nur knapp eine halbe Million Einwohner in das Herrschaftsgebiet der DNR einfügen, hier befinden sich neben ausgedehnten Hafenanlagen auch die Stahlwerke der Firma Metinvest, die im Besitz des Oligarchen Rinat Achmetow stehen. Die Stahlwerke von Mariupol machen die Kohle des Donbass erst wertvoll.

Westliche Geheimdienste und Militärs befürchten allerdings, dass Mariupol nur ein Teil der Wegstrecke ist, die die russischen und ostukrainischen Kämpfer zurücklegen wollen. Die E58, die hier vom russischen Rostow am Don her verläuft, führt direkt auf die Krim – 300 Kilometer durch die flache Steppe. Es wäre eine massive Landnahme, die entschiedene Strafmaßnahmen von EU und USA zur Folge hätte.

 

Eingebunkert in Schützengräben

Die ukrainische Armee stärkt daher ihre Verteidigungslinien östlich und nördlich von Mariupol. Schauffellader wühlen tiefe Löcher in die Steppe, Schützengräben werden mit Baumstämmen überdacht, Panzer sind bis auf ihre Geschütztürme im Boden eingegraben. Freiwillige helfen mit Spaten. Ob das alles reicht, weiß niemand. Könnte Mariupol überrollt werden? Kommt es zum Häuserkampf wie in Schirokino, der nichts als Verwüstung bringt? Könnten die von Russland unterstützten Kämpfer die Stadt umzingeln? „Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet“, sagt Schydljuch, und er versucht dabei Entschlossenheit auszustrahlen.

Im Bezirksamt des Stadtteils Ordschonikidse, zwei Stockwerke über Maria Iwanowa, sitzt Wladimir Stepanow hinter seinem Schreibtisch. Im Wandschrank Auszeichnungen und Pokale, daneben eine Karte des Bezirks: kerzengerade Straßen, Wohnblocks, das Metinvest-Stahlwerk. Ordschonikidse ist eine Stadt in der Stadt mit 124.000 Einwohnern. 90Prozent der Familien seien auf die eine oder andere Weise mit dem Stahlwerk verbunden, sagt Stepanow. Mindestens ebenso wie eine Offensive, die seinen Bezirk zuallererst treffen würde, fürchtet der Bezirkschef, dass das Werk seinen Betrieb einstellen könnte. „Wenn das Stahlwerk dichtmacht, weiß ich nicht, was mit unserer Stadt passiert“, sagt er offen.

Schon jetzt gibt es Probleme mit den Lieferungen aus dem besetzten Donbass. Wenn die Fabrik Arbeiter entlassen muss, könnte die Stimmung in der Stadt zugunsten einer russischen Intervention kippen. Schon heute ist die Gefühlslage in Mariupol nicht so eindeutig proukrainisch, wie die gelb-blauen Fahnen auf den Straßen suggerieren. Die Arbeiterbevölkerung fühlt sich traditionell eher mit dem großen Nachbarn verbunden, und die russische Sichtweise des Konflikts findet durch Fernsehen und Tratsch mit Verwandten Verbreitung. Die ukrainische Armee, die die Stadt schützt, wird nicht von allen als Verteidiger wahrgenommen. Der Großteil der Bevölkerung verhält sich merkwürdig indifferent.

 

Provokationen der Separatisten

Die Polizei hat Mühe, separatistische Provokationen aufzuklären. Sie ist auf Informanten angewiesen. Über den Raketenangriff vom 24.Jänner, bei dem nach 33 Sekunden Beschuss 31 Menschen am äußersten Rand des Bezirks Ordschonikidse starben, kursieren Gerüchte. Obwohl es technisch ausgeschlossen ist, hält sich die Version, dass ukrainische Stellungen die Stadt beschossen hätten. Bezirksbürgermeister Stepanow hält die Stadtratszeitung hoch. „Wie es wirklich war“, lautet die Headline und verspricht eine „objektive Untersuchung ohne Hysterie“. Stepanow hofft, dass die Aufklärung fruchtet.

Draußen an der letzten Wohnblockreihe von Stepanows Bezirk ist die Angst vor einer Offensive zu spüren. Vor den Betonblöcken liegt flaches Ackerland, dahinter die Front. Kann die Armee die Bewohner verteidigen? Skepsis überwiegt. Die Straßen sind leergeräumt, auf dem Markt hat die Hälfte der Läden geschlossen, viele Bürger sind nach dem Angriff in den Westen der Stadt umgesiedelt. Der Stadtteil liegt im Visier der prorussischen Kräfte, und wenn sie wollen, können sie die Mehretagenbauten jederzeit wieder beschießen. Die Spuren des Angriffs sind noch sichtbar: Glassplitter am Boden, ausgebrannte Buden, Geschossnarben im Beton. „Schutzkeller“ hat jemand mit großen grünen Lettern auf die Häuserwände geschrieben.

 

Antidepressiva gegen lange Tage

Als die Geschosse am 24.Jänner einschlugen, hatte die 52-jährige Alla keine Zeit, um in den Unterschlupf zu gelangen. Ihre Wohnung blickt nach Osten und liegt im sechsten Stock. Das Fensterglas zerbarst, sie warf sich im Korridor auf den Boden. Alla, mit einer lila Wollmütze auf dem Kopf und müden Augen, schluckt Antidepressiva, um die Tage zu überdauern. Sie wolle nicht in Russland oder in einer sogenannten DNR leben, erklärt die Frau und wischt sich eine Träne aus den Augen. Sie sei eine der wenigen Patrioten hier, und oft fühle sie sich einsam. Mariupol, das sei doch die Ukraine. „Ich habe nicht um Moskaus Hilfe gebeten.“

AUF EINEN BLICK

Mariupol. Die Stadt am Asowschen Meer, in der fast eine halbe Million Einwohner leben, könnte das Aufmarschgebiet für eine neue Großoffensive der Separatisten werden. Scharfschützen liefern sich in den Vorstädten bereits erste Gefechte. Ende Jänner waren bei einem Raketenangriff mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen. Die ukrainische Armee sichert seither ihre Stellungen um die strategisch wichtige Stadt, die auch für die Landverbindung zur Halbinsel Krim von Bedeutung ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2015)