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700 Helfer, 30 Psychologen und 40 Dolmetscher im Einsatz

(c) EPA
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An einem unzugänglichen Berghang in den Alpen suchen Einsatzkräfte zwischen Millionen Trümmern nach Resten der Opfer.

Was ist ist kurz vor und während des achtminütigen Sinkflugs der Germanwings-Maschine passiert, bevor der offenbar vom Autopiloten auf Kurs gehaltene Airbus A320 in den französischen Südalpen zwischen Barcelonnette und Digne-les-Bains in den Bergen zerschellt ist? Das bleibt bisher mysteriös, und auch die Experten sind sehr vorsichtig mit ihren Hypothesen. „Es ist ein wenig, als wäre niemand im Cockpit gewesen“, meinte der Luftfahrtspezialist Bernard Chabert.

Premierminister Manuel Valls sagte am Mittwochmorgen, vorläufig werde „keine Hypothese ausgeschlossen“, auch wenn aufgrund der bekannten Umstände eine Explosion in der Luft nicht mehr in Betracht gezogen werde. Entscheidende Hinweise erwartet man vom Flugschreiber. Das erste der beiden Systeme, der Voice Recorder, der alle Gespräche und Geräusche im Cockpit der letzten zwei Stunden aufzeichnet, ist bereits am Dienstag gefunden worden. Obwohl dieser Stimmenrecorder stark beschädigt aussieht, werde man die auf einer Speicherkarte registrierten Daten auswerten können, erklärten die Flugunfallexperten des Bureau Enquêtes Accidents in Le Bourget – zuvor hat es Gerüchte gegeben, die Auswertung sei unmöglich, weil das Gerät zu zerstört sei.

Ab dem frühen Morgen waren die Bergungsmannschaften im Südalpenmassiv Les Trois Evêchés nördlich Digne-les-Bains im Einsatz. Am Tag nach dem Absturz mit 150 Toten war das Bild unvermindert schrecklich. Selbst die Angehörigen der Feuerwehr und Gendarmerie, die Erfahrung in solchen Dingen haben, gestehen offen, dass sie vom fürchterlichen Anblick vor Ort überfordert seien. Die Aufnahmen vom Hubschrauber aus, die im TV gezeigt werden, vermitteln nur einen entfernten Eindruck. Man kann erkennen, wie der Jet buchstäblich pulverisiert wurde. Der von Schluchten zerfurchte Berghang des 2500 Meter hohen Tête de l'Estrop aus dunklem Fels ist auf mindestens zwei Quadratkilometern mit hellen Trümmern übersät, von denen sehr wenige länger als ein Meter sind. Die steilen Hänge sind nach Regen- und Schneefall glitschig. Die Bergung ist gefährlich, zudem muss man vermeiden, irgendetwas zu verändern, was der Aufklärung dienlich sein könnte.

Bisher kann man zu dem Ort in rund 1800 Metern Höhe praktisch nur per Hubschrauber gelangen, was von der Einsatzbasis in La Seyne-les-Alpes wenige Minuten dauert. Zu Fuß dauert der Aufstieg einige Stunden. Insgesamt sind 700 Mann mit 15 Hubschraubern im Einsatz, 30 Psychologen und Ärzte sowie 40 Dolmetscher, die den hier erwarteten Angehörigen beistehen sollen.

 

Fähnchen im Gelände

Die Bergungstrupps sind unter schwierigsten Bedingungen dabei, Leichenteile mit Fähnchen zu markieren. Sie werden von Gerichtsmedizinern unterstützt. Der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin, der die gerichtliche Untersuchung leitet, warnte vor Ungeduld: Die Bergung der Opfer werde mehrere Tage und die Bemühungen zur Identifizierung womöglich viele Wochen dauern. Zu dem Zweck wurden laut Informationen aus Spanien bei dortigen Angehörigen der Verunglückten DNA-Proben entnommen.

Nach französischen Angaben konnten erst 127 Familien benachrichtigt werden. laut Germanwings stand wegen möglicher Doppelstaatsbürgerschaften die Nationalität einiger Passagiere nicht klar fest. Im Airbus sollen auch je zwei australische, iranische, venezolanische, argentinische und US-Bürger sowie je ein Passagier aus Kolumbien, Japan, Dänemark, Belgien, Israel und den Niederlanden gewesen sein. Die Zahl der Deutschen wird nun mit 72 angegeben, die der Spanier mit 49.

 

Dorfbewohner laden Angehörige ein

Am Mittwoch trafen erste Angehörige ein. Sie können in der Bergregion mit großer Solidarität der Bevölkerung rechnen. Viele Dorfbewohner haben spontan erklärt, sie würden die Familien der Opfer bei sich beherbergen. Für diese Angehörigen wurde in La Seyne-les-Alpes eine Trauerkapelle eingerichtet, wo sich am Nachmittag auch Deutschlands Kanzlerin, Angela Merkel und Spaniens Premier, Mariano Rajoy, begleitet von Präsident François Hollande, zu einer schlichten Gedenkzeremonie trafen. Zuvor hatten sie sich bei einem Rundflug ein Bild gemacht. Die Katastrophe hat Europa aber auch über Frankreich, Spanien und Deutschland hinaus in gemeinsamer Trauer vereint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2015)