"Viele Menschen werden zu Kranken gemacht"

Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser
Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser(c) Katharina Fröschl-Roßboth

In den OP-Sälen passieren "wahnsinnige Rituale", die an Schamanentum erinnern, kritisiert die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Uni Hamburg. Oft würden Eingriffe mehr schaden als nützen.

Die Presse: Welche Annahmen über Medizin gehören in die Mottenkiste verbannt?

Ingrid Mühlhauser: Die Schreckgeschichten unserer Zeit sind die Bedrohungen durch das Essen. Es gibt kaum eine Diätlüge, die nicht schon propagiert wurde. Zudem wird unheimlich viel gemacht, was nicht wissenschaftlich belegt ist und mehr schadet, als es hilft, etwa orthopädische Eingriffe an Kniegelenken oder der Wirbelsäule. Die Ärzte handeln hier häufig nach der Maxime des Geldes: Eingriffe werden gemacht, um das Spital oder die Arztpraxis zu finanzieren.


Laut OECD-Report führt Österreich bei künstlichen Kniegelenken mit 218 OPs pro 100.000 Einwohner. Massenabfertigung statt medizinischer Notwendigkeit?

Diese Führungsposition ist sicher auch dem extrem paternalistischen Arzt-Patienten-Verhältnis geschuldet. Das Motto: Der Doktor weiß es, also lasse ich mein Knie auswechseln. Mich erinnert das an religiöse Praktiken, ähnlich Voodoo und Schamanentum. Denn, überspitzt formuliert, stehen im OP-Saal maskierte Menschen unter grellen Leuchten und schneiden Körper auf. Das sind wahnsinnige Rituale, die oft nicht einmal minimale Vorteile bewirken.


Hat nicht recht, wer heilt?

Oft bleibt einem nichts anderes übrig, als sich einzureden, dass der Eingriff etwas bewirkt hat. Nehmen wir die Augendruckkontrolle – sie wird gemacht, obwohl ein Nutzen nicht belegt ist. Das sind die medizinischen Mythen unserer Zeit.


Patienten werden von Ärzten also reihenweise ausgenutzt?

Ich sage nicht, dass Ärzte böse Absichten verfolgen, aber es wird viel aus Unsicherheit heraus entschieden. So nützen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen nur sehr wenigen, während sehr viel mehr beschwerdefreie Menschen damit zu Kranken gemacht werden.


Inwiefern?

Brustkrebs kann durch ein Mammografie-Screening nicht verhindert werden, es wird bloß danach gesucht. Dabei stellt sich manches dar wie Krebs, ist es aber nicht. Dennoch wird ein Krebs diagnostiziert, den es ohne Screening nicht gegeben hätte. Auch Kontrolluntersuchungen wegen Verdachtsbefunden prägen die Frauen, sie leben fortan verunsichert.


Gehen personalisierte Krebstherapien in die richtige Richtung?

Das, was jetzt unter personalisierter Medizin verstanden wird, ist eine große Seifenblase. Das ist so, wie wenn Sie jemanden, der keine Risikofaktoren außer einem erhöhten Cholesterinspiegel hat, sagen, er könnte einen Herzinfarkt bekommen. Sie wissen es aber nicht. Die Onkologen verstehen unter personalisierter Medizin, dass sie den einzelnen Tumor auf der molekularen Ebene analysieren, um darauf die Behandlung abzustellen. Das hat bisher nicht die erhofften Ergebnisse gebracht.


Anhand welcher Merkmale sollte entschieden werden, ob eine Behandlung wirkungsvoll ist?

Unsere Entscheidungen sind geprägt durch innumeracy, der Unfähigkeit, mit statistischen Daten umzugehen. Es fehlt an Kompetenzen, Risikoinformationen zu verstehen. Das betrifft die Patienten und die Ärzteschaft. Man könnte sagen: Die Blinden führen die Blinden. Dabei sollte Medizin evidenzbasiert sein. Das heißt, Entscheidungen trifft der Arzt gemeinsam mit den Patienten. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht.


Thomas Fischer, Bundesrichter in Karlsruhe, hat in seiner „Zeit“-Kolumne dazu aufgerufen, den Ärzten das Vertrauen zu kündigen. Stimmen Sie ihm zu?

Was er sagt, ist genial und radikal. Das Vertrauen, das ein Arzt genießt, gründet seiner Meinung nach auf der Angst der Patienten, bei Kritik schlecht behandelt zu werden. Auch beanstandet er die Korrumpierbarkeit der Mediziner und fordert: „Lassen Sie den Arzt Ihres zukünftigen Vertrauens eine kleine Erklärung unterschreiben, in der er versichert, im Zusammenhang mit Ihrer Behandlung von keiner Stelle oder Person zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwelche geldwerten Vorteile erhalten oder fordern zu wollen, die mit den Regeln des Sozialgesetzbuchs V (Gesetzliche Krankenversicherung) nicht vereinbar sind.“ Vertrauen gegen Vertrauen also. Ich unterschreibe das.

 

Alternative Heilmethoden haben in vielen Lehrplänen einen Platz. Braucht es Aberglauben, um sich gesund zu fühlen?

Es braucht zumindest Routinen: Habe ich Beschwerden, gehe ich zum Arzt, er handelt, die Beschwerden sind weg. Also gehe ich auch beim nächsten Mal zum Arzt. Dabei ist es egal, ob ich Tabletten oder Globuli schlucke. Es geht um das Ritual – je eingreifender, desto besser die vermeintliche Wirkung. Injektionen helfen mehr als Pillen, invasive Verfahren mehr als Gespräche. Man muss aber daran glauben, bei Skeptikern fehlt die Wirkung. Soll heißen: Oft erfolgt die Gesundung nicht wegen, sondern trotz dieser Maßnahmen.

Zur Person:

Ingrid Mühlhauser (*1953) ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie. Nach ihrem Medizinstudium in Wien arbeitete sie an verschiedenen Kliniken als Assistenzärztin, bevor sie 1982 nach Deutschland ging. Dort war sie bis 1996 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie sich 1993 für das Fach Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Gesundheitserziehung habilitierte. Seit 1996 hat Mühlhauser den Lehrstuhl für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg inne. Im März 2015 wurde sie zur Ersten Vorsitzenden des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM) gewählt.

Beim diesjährigen Europäischen Forum in Alpbach spricht Mühlhauser über „Alte und Neue Mythen in der Medizin“.

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