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Sport im Kalten Krieg: Als Athleten zu Maschinen wurden

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Mit dem Ende des Kommunismus ging auch ein dunkles Kapitel Sportgeschichte unter. Die Folgen sind aber allgegenwärtig, wie etwa die zunehmende Verwissenschaftlichung des Sports oder Doping.

Marco Rehmer hat den Fall der Berliner Mauer verschlafen. In der Nacht des 9. November 1989 kippte der damals 17-jährige Ostberliner nach einem Rendezvous mit der Freundin sofort ins Bett. Der spätere 35-fache deutsche Nationalteamspieler und eisenharte Verteidiger bei Hansa Rostock, Hertha BSC und Eintracht Frankfurt erfuhr vom Fall des „antifaschistischen Schutzwalls“ am nächsten Morgen von seiner Mutter. „Wir haben natürlich registriert, dass ein Aufruhr da ist. Aber dass es so schnell gehen würde, war definitiv nicht absehbar.“

Der Anfang vom Ende der kommunistischen Weltrevolution war eingeläutet. Mit dem Fall der Mauer ging nicht nur ein politisches und ökonomisches System unter. „Im Vergleich zu allen anderen kulturellen Bereichen war der Sport mit Abstand der wichtigste Austragungsort des Systemwettstreits. Nirgends war so ein großes Publikum dahinter“, sagt die deutsche Historikerin Uta Balbier. „Der Kalte Krieg musste den Menschen zu Hause ja auch beigebracht werden. Und dazu war der Sport ideal geeignet, hier konnte man hervorragend zeigen, wer die Guten und wer die Bösen sind.“

 

Plan zur Sportweltherrschaft

1948 schrieb das Zentralkomitee der KPdSU den Masterplan fest, „die Weltführung in allen wesentlichen Sportarten zur erringen“. Schon bei den Spielen in Helsinki 1952 eroberte die Sowjetunion den zweiten Rang in der Medaillenwertung. 1956 okkupierte das Riesenreich bereits den Spitzenplatz – sowohl im Winter in Cortina d'Ampezzo als auch im Sommer in Melbourne. „Das sind doch alles bezahlte Agenten, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden“, giftete der republikanische US-Senator John Marshall Butler.

„Die DDR war das sportliche Musterland des sozialistischen Lagers“, erklärt Uta Balbier. In Montreal 1976 und Seoul 1988 platzierte sich der 17-Millionen-Staat in der Nationenwertung vor den USA. „Die DDR hat sich über den Sport definiert. Erst durch den Sport ist dieses Land Realität geworden“, meint ORF-Legende Sigi Bergmann, der immer ein besonders interessiertes Auge auf die DDR-Sportler und ihr Umfeld geworfen hat.

In den USA blieb die Selbstdarstellung durch den Sport im Vergleich dazu unterentwickelt. Das bestätigt der auf Sport spezialisierte Politologe Andrei Markovits von der University of Michigan. In Rumänien geboren, emigrierte er Anfang der 1960er-Jahre via Ungarn nach Wien und später nach New York. „In den USA konzentriert sich das Interesse seit jeher auf Baseball, Football und Basketball, bei denen nicht zählt, was im Ausland passiert. Auch während des Kalten Krieges war es für den typischen Sportfan wichtiger, wie die New York Yankees gegen die Boston Red Sox spielten.“

In den kommunistischen Ländern grasten Busladungen von Talentspähern das Land nach hoffnungsvollen Jugendlichen ab, um sie in den Kaderschmieden unterzubringen. In straff geführten Sportschulen und Internaten marterte man sie teilweise bis zur totalen Erschöpfung, wobei körperbetonte und athletisch fordernde Einzeldisziplinen wie Leichtathletik, Schwimmen, Radfahren, Turnen oder Gewichtheben im Mittelpunkt standen. Flankiert wurde der militärische Drill durch eine hochmoderne Sportwissenschaft. Dass staatlich organisiertes Doping im Spiel war, gilt als gesichert.

Die Sportstars bekamen von der Nomenklatura jeden Wunsch von den Lippen abgelesen: „Karpaten-Maradona“ Gheorghe Hagi durfte als einer der ersten Rumänen einen Mercedes pilotieren. Die Kehrseite der Medaille: Die Sportler standen unter enormem Druck, wurden permanent vom Geheimdienst belauert. Das hinderte einige nicht, die Flucht in den Westen zu wagen. Ferenc Puskas, Martina Navratilova und Turnerin Nadia Comaneci sind wohl die prominentesten Fälle. In den 1980er-Jahre ging dem Kommunismus das Geld aus. Auch im Sport begann man, Leistungsträger zu verscherbeln. Der Regisseur des CSSR-Fußballteams Antonin Panenka landete so 1981 bei Rapid. Eisprinzessin Katarina Witt, wohl nicht nur für das US-Magazin „Time“ das „schönste Gesicht des Sozialismus“, durfte die DDR 1988 als 22-Jährige verlassen, um eine Profikarriere in den USA zu starten.

 

Anarchie nach der Wende

Nach der Wende herrschte im Sport pure Anarchie. Sportler, Trainer und Ärzte mit einschlägigem Know-how folgten dem Magnetismus des Geldes in den Westen. „Als Reaktion auf die Herausforderung des Ostens begannen die westlichen Staaten mit der systematischen Sportförderung. Auch die zunehmende Verwissenschaftlichung und Technisierung sind Produkte des Kalten Krieges“, sagt Historikerin Uta Balbier. Und mit dem Doping liegt eines der übelsten Produkte noch immer wie ein Schatten über dem Sport.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2009)

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