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Gesundheitsgespräche

„Ein Leben als gläserner Patient hat Vorteile“

Maria Hofmarcher-Holzhacker
Maria Hofmarcher-Holzhacker(c) Katharina Roßboth
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Die Ökonomin und Gesundheitsexpertin Maria Hofmarcher-Holzhacker will eine unkompliziertere elektronische Gesundheitsakte. Derzeit erinnere Elga "eher an einen PDF-Friedhof".

Die Presse: Sie bewerten im Zuge des EU-Projekts „Bridge Health“ die Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen. Wo liegt Österreich?

Maria Hofmarcher-Holzhacker: Auf einer Skala von eins bis zehn bei einer 7,5. Doch wir müssen unterscheiden: In der Akutversorgung ist Österreich spitze, also bei einer Zehn, in der Behandlung chronisch Erkrankter hinken wir hinten nach.

Inwiefern?

Die Abstimmung zwischen der ambulanten und der Langzeitbetreuung von chronisch oder multipel Erkrankten ist mangelhaft. Den Betroffenen werden von den verschiedenen Seiten, die nicht voneinander wissen, häufig Medikamente verschrieben, die sich oft widersprechen oder behindern.

Die geplante E-Medikation könnte hier Abhilfe schaffen.

Würde sie nur endlich umgesetzt, technisch ist längst alles auf dem Weg. Hätten wir die E-Medikation, würde die Führung schwieriger Patienten stark verbessert.

Fehlt der Wille oder das Geld?

Effizienz heißt nicht Einsparung, sondern an den richtigen Schrauben zu drehen. Eine Möglichkeit wäre, durch Bundesvorgaben die Zusammenarbeit von Bundesländern und Krankenkassen deutlich zu forcieren.

Würde das nicht zu einer Asymmetrie führen à la Tiroler sind besser versorgt als Wiener?

Wäre das denn schlimm? Ich denke, ein Qualitätswettbewerb um das Patientenwohl schadet nicht.

Zurück zur Vernetzung: Elga...

... ist technisch elegant, momentan aber noch ein PDF-Friedhof. Die elektronische Gesundheitsakte gehört anwenderfreundlicher konzipiert, die Hausärzte müssten zur Verwendung von Elga raten.

Etliche haben sich bewusst von Elga abgemeldet.

Vermutlich, weil sie Teile ihrer Gesundheitsgeschichte nicht einsehbar machen wollen. Hier sollte es die Möglichkeit geben, manches bekannt zu machen, anderes nicht.

Andere fürchten wohl Hacker.

Vielleicht bin ich da ein bisschen naiv, aber davor habe ich keine Angst. Die technischen Schutzsysteme werden immer besser. Und ein Leben als gläserner Patient hat Vorteile: Es ermöglicht umfassende Hilfe.

Wie erklären Sie sich dann die häufige Abwehrhaltung in Sachen Telemedizin?

Ich vermute, weil Vernetzung auch Transparenz bedeutet. Nicht nur der Patient, alle Akteure werden gläsern, Doppelgleisigkeiten und Schlampereien rasch aufgezeigt. Und vielleicht auch, weil die „Alten“ sich von manch neuer Technik überfordert fühlen.

Die App „Herz-Effekt“ vernetzt bereits Patienten mit chronischen Herzkrankheiten mit Ärzten. Vielversprechend?

Absolut. Es gibt zahlreiche Gesundheitsapps, alle gehören analysiert. Der Hausarzt sollte seinen Patienten dann zu den geprüften Apps raten. Die dort gespeicherten Daten sollten mit Elga verbunden werden. Das wäre effizient.

In Wien ermutigt die ÖVP gerade Patienten ihre Erlebnisse im „Krankheitssystem“ via Website zu schildern.

Ich halte es für richtig und sinnvoll, Missstände gebündelt aufzuzeigen, doch ist fraglich, wie viel der Aktion dem Wahlkampf geschuldet ist. Ich bin Teil der Austrian Health Academy, einem gerade gegründeten Verein, der sich im Herbst offiziell zeigen wird. Ziel ist es, unabhängig von Einflüssen durch Politik und Industrie, Patienten Gehör zu verschaffen. Derzeit arbeiten wir am Webauftritt, einen Vorstand und ein Präsidium gibt es bereits.

Ein anderer Vernetzungsaspekt: Gehören die 22 Sozialversicherungsträger gebündelt?

Jede Strukturreform muss sich an Versorgungszielen orientieren. Es ist gut, dass es keinen Wettbewerb zwischen den Kassen gibt. Denkbar ist eine Reform entlang des Staatsaufbaues: Neun regionale Kassen und die Länder müssten enger kooperieren und mehr Gewicht erhalten, Bund und Hauptverband sollten nur noch für strategische Ziele verantwortlich sein. Eine andere Variante wären vier Versorgungszonen mit vier Kassen. Darüber sind gesellschaftliche Diskussionen zu führen.

Ihre Prognose: Wie vernetzt wird Österreichs Gesundheitssystem 2037 im Optimalfall sein?

Im besten Fall kommunizieren alle Leistungsträger nur noch elektronisch untereinander. Die Patienten sind mit ihnen durch geprüfte Apps in Verbindung und haben die Option auf persönliche Besuche. Es gibt keine qualitativen Unterschiede zwischen den Bundesländern.

Und bei weniger Optimismus?

Bei weniger Engagement werden wir es mit Insellösungen in Sachen Vernetzung zu tun haben, mit Lokalkaisern, die sich nach EU-Mitgliedsstaatenmanier gerieren und nicht zusammenarbeiten wollen; mit Sozialpanzerschaften anstelle von -partnerschaften.