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Horst Seehofers Spiel im Machtpoker mit Markus Söder

Horst Seehofer vor dem Showdown in München, auf den CSU und der Freistaat seit der Schlappe bei der Bundestagswahl seit exakt zwei Monaten gewartet haben.
Horst Seehofer vor dem Showdown in München, auf den CSU und der Freistaat seit der Schlappe bei der Bundestagswahl seit exakt zwei Monaten gewartet haben.APA/AFP/DPA/SVEN HOPPE
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CSU-Chef Seehofer will das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben. Zur Debatte steht eine Machtteilung mit seinem Rivalen Söder, der Ministerpräsident werden könnte.

Eigentlich sollte der Mann unter Stress stehen, verbittert womöglich über den innerparteilichen Druck und zermürbt von den nächtlichen Verhandlungsrunden in Berlin. Doch der 68-Jährige setzt zu Mittag vor der CSU-Fraktionssitzung im Maximilianeum, dem bayerischen Landtag, demonstrativ sein schelmisches Grinsen auf. Unter Hochdruck, so heißt es in seiner Umgebung, läuft Horst Seehofer stets zur Hochform auf. Exakt zwei Monate nach dem Fiasko seiner Partei bei der Bundestagswahl, einem Minus von 10,5 Prozentpunkten und dem „Absturz“ auf 38,8 Prozent, sollte der CSU-Chef – in Personalunion auch bayerische Ministerpräsident – das Scheitern der Jamaika-Sondierungen in Berlin erläutern.

Es ist gleichsam High Noon in München, und seit Wochen warten die Partei und der Freistaat auf den Showdown Seehofers mit seinem Rivalen Markus Söder, den ungeliebten Kronprinzen und Finanzminister, den der Parteichef nicht einmal in das CSU-Verhandlungsteam in Berlin berufen hat. Es gibt nicht viel zu erklären zu Jamaika, indes sehr viel zur Zukunft der Protagonisten in dem schwelenden Machtkampf in Bayern. Für das Ende der Sondierungen hatte Seehofer, ein gewiefter Taktiker, die Klärung der Personalfrage in Aussicht gestellt.

Sibyllinischer Seehofer

„Heute Abend wird alles klar sein.“ So sibyllinisch – typisch Seehofer – fertigt der CSU-Chef die Reporter ab, die nach einer Wortspende heischen. Und fügt hinzu, er strebe eine Lösung in „Harmonie und Kameradschaft“ an. Die Partei hatte in den Wochen zuvor ein gegenteiliges Bild abgegeben, zuletzt war ein Hauen und Stechen ausgebrochen: die Söder-Gefolgsleute gegen Seehofer, die Seehofer-Getreuen gegen Söder. Und manche suchten ihr Heil in der Flucht nach vorn, im Alleingang wie Ilse Aigner, die ehemalige Kronprinzessin Seehofers, die plötzlich eine interne Urwahl ins Spiel brachte.

Markus Söder gab sich derweil staatsmännisch. Er machte nie ein Hehl aus seiner Ambition, doch nun versucht er, möglichst keinen Fehler zu begehen. Als der 50-jährige Nürnberger vor wenigen Wochen beim Kongress der Jungen Union (JU) im nahen Erlangen auftrat, posierte er beinahe verschämt neben Schildern der CSU-Jungtürken aus seiner fränkischen Heimat, die eine Kür „ihres“ Markus, eines Ex-JU-Chefs, urgierten: „Söder MP 2018“, lautete die Chiffre, die besagt, dass ihr Favorit die Partei in die Landtagswahl im September 2018 führen solle.

Salomonische Lösung?

Als Seehofer auf Söder zuging und ihm die Hand schüttelte, quittierte dies die CSU-Fraktion mit Applaus. Nach der Unterredung in der Landtagsfraktion, seiner Machtbasis, strahlte Söder jedenfalls große Gelassenheit aus, und zuweilen blitzte ein verschmitztes Lächeln auf.

Sollte die Entscheidung schon gefallen sein? Um 13.23 Uhr lief dann eine Eilmeldung über die Nachrichtenagenturen, die hineinplatzte in die Mittagspause nach einer Sitzung, die ungewöhnlich kurz dauerte – zumindest im Vergleich zur Krisensitzung nach der Bundestagswahl. „Söder wird Ministerpräsident“, lautete die Schlagzeile unter Berufung auf den Bayerischen Rundfunk.

Sollte es auf eine Machtteilung hinauslaufen, auf eine Ämtertrennung, eine salomonische Lösung zwischen Seehofer und Söder? Demnach soll Seehofer das Amt des bayerischen Regierungschefs an seinen Kontrahenten abgeben, dessen Aufstieg er jahrelang um fast jeden Preis verhindern wollte. Die gegenseitigen Frotzeleien, die mehr oder weniger versteckten Animositäten zwischen den beiden sind legendär. Seehofer selbst würde nach diesem Masterplan als Parteichef weiterhin im Amt bleiben, zumindest bis zur Landtagswahl in zehn Monaten. Seehofer hat vor seinem unvermeidlichen Abgang im kommenden Jahr, den er bereits 2013 als fix verkündet hat, ehe er ihn heuer im Frühjahr revidierte, Zeit gewonnen.

Schrecksekunde mit der Dauer einer halben Stunde

Die CSU hat mit der Funktionstrennung zuletzt schlechte Erfahrungen gemacht. In einer Nacht der langen Messer haben Erwin Huber und Günther Beckstein im Jänner 2007 den Patriarchen Edmund Stoiber bei der Klausur in Wildbad Kreuth gestürzt – und waren 20 Monate später selbst Geschichte, nach einem Wahldebakel hinweggefegt von einem gewissen Horst Seehofer.

Nach einer Schrecksekunde, die beinahe eine halbe Stunde währte, dementierte Thomas Kreuzer die Meldung des Bayerischen Rundfunks, die einer inneren Logik folgt, die beide Lager zufriedenstellen würde. Über Namen sei in der Fraktion nicht einmal geredet worden, sagte er. Der Ministerpräsident verbrachte den Nachmittag bis zur Sitzung des Parteivorstands am Abend unterdessen mit Gesprächen und Beratungen, um die Unterstützung für seinen Zeitplan auszuloten. Er sprach mit allen wichtigen Leuten in der Partei, allen voran mit Söder.

Anfang Dezember will er bei einem weiteren Treffen des Parteivorstands sein Personaltableau präsentieren, den der Parteitag Mitte Dezember in Nürnberg schließlich absegnen soll. War dies eine neue Finte Seehofers, die die Geduld Markus Söders auf eine weitere Probe stellen sollte? Und: Würden die Kombattanten bis zur endgültigen Entscheidung stillhalten?

Weisenrat und weißer Rauch

Im Franz-Josef-Strauß-Haus, der Parteizentrale, stieg die Spannung am Abend. Nur: Die Nebel haben sich nicht gelichtet. Seehofer, der alte Fuchs, installierte ein Beratergremium, einen "Weisenrat", dem zwei Ex-Parteichefs angehören. Edmund Stoiber und Theo Waigel, früher zwei erbitterte Rivalen, hatten in den 1990er-Jahren ein Tandem gebildet - Stoiber als Ministerpräsident in Bayern, Waigel als CSU-Chef und Finanzminister in Berlin.

Horst Seehofers Spiel ist noch nicht aus. Und Söder? Der tröstet sich einstweilen damit, dass in zehn Tagen über München weißer Rauch aufsteigen wird - und insgeheim mit der Erwartung, dass die Wahl auf ihn fallen werde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2017)